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BIETIGHEIM/ BISSINGEN/ Kronen Zentrum: KLAVIERABEND MITSUKO UCHIDA – leidenschaftliches Aufbegehren

24.03.2016 | Konzert/Liederabende

Klavierabend mit Mitsuko Uchida im Kronenzentrum Bietigheim

LEIDENSCHAFTLICHES AUFBEGEHREN

Klavierabend mit Mitsuko Uchida am 23. März 2016 im Kronenzentrum

Die Ekstase des Ausdrucks und der Strukturen erlebt beim subtilen Klavierspiel Mitsuko Uchidas immer wieder neue Veränderungen. Enharmonische Verwechslungen und Eruptionen bei Alban Bergs Klaviersonate op. 1 h-Moll lotete sie sogleich in suggestiver Weise aus. Auch die Flut der chromatischen Schritte über Exposition, Durchführung und Reprise bis hin zur Coda hinterließ einen bestechenden Eindruck, der sich harmonisch immer mehr verdichtete. Wie stark die thematischen Keimzellen dieses Werk zu einer immer vielstimmigeren Verflechtung inspirierten, machte Mitsuko Uchida ausgesprochen präzis deutlich. Rhythmische und klangliche Feinheiten blitzten wiederholt hervor, Arabesken und Kaskaden vereinigten sich hier zu einem facettenreichen Klangkosmos, der sich wie ein Mosaik stets neu wieder zusammensetzte. Daraus ergab sich ein eigenartiger Stimmungsreiz. Dass Alban Berg trotz des Hangs zur Zwölftontechnik und zur Atonalität Schönbergs ein sensibler Romantiker blieb, der die feinen Schattierungen des Gefühls in Klänge bannte, machte Mitsuko Uchida ausgezeichnet deutlich. Andererseits wurde deutlich, wie streng durchkonstruiert auch dieses Werk ist. Beide Aspekte zu vereinigen, ist ein schwieriges Kunststück, das der japanischen Pianistin sehr gut gelang. Bei den vier Impromptus D 899 von Franz Schubert wählte Mitsuko Uchida dann eigenwillige Rubato-Akzente. Das zeigte sich schon bei der einzigen und unentwegten Melodie des ersten Impromptus in c-Moll. Lyrisches Legato und energische Staccato-Bewegung setzten sich in dynamisch reizvoller Weise voneinander ab, die schwer schreitenden Bass-Oktaven wurden etwas abgeschwächt. Harmonische Weiten öffneten sich zwischen c-Moll und Es-Dur, die bis zur Coda nachhallten. Kluger Pedalgebrauch unterstrich hier das sphärenhafte Spiel der Pianistin, die auch der ergreifenden Schlichtheit Franz Schuberts Rechnung trug. Die Achteltriolen des zweiten Stücks wirkten glücklicherweise nicht verhuscht, sondern prägten sich bei dieser Interpretation stark ein. Die wunderbare Träumerei des dritten Andante-Stücks in Ges-Dur führte in romantische Tiefen, die in die Zukunft wiesen. Die Melodie über den Achteltriolen konnte sich so voll entfalten. Und die abwärts perlenden Arpeggien des vierten Impromptus in As-Dur mit dem lyrischen cis-Moll-Trio beeindruckten mit der Ausdruckskraft seiner schillernden Klangfarben. Bei Wolfgang Amadeus Mozarts Rondo für Klavier a-moll KV 511 war Mitsuko Uchida ganz in ihrem Element. Dichte und Einheit der poetischen Stimmung ließen nicht nach. Unheimlich wirkten die Themen und Motive zwischen der hoffnungslosen Trauer der Melodien und dem graziösen Spiel. Die ariose Melodie des ersten Themas konnte sich mit bewegender Klarheit und klanglicher Leuchtkraft entfalten. Das Auf und Ab der thematischen Energien zeigte sich nicht nur beim Aufstieg zur Quinte bis zum Abstieg durch die ganze Oktave. Aufwärtsstrebend belebte die C-dur-Version das Thema, deutete aber auch eine geheimnisvolle Verklärung an. Den Verzierungen der gebrochenen Linien lauschte Mitsuko Uchida ausgesprochen feinfühlig nach. Das magisch leuchtende Cis-Dur-Intermezzo strahlte dann auf die Coda über, die alle Themen nochmals meisterhaft zusammenfasst. Die letzten Takte faszinierten nach den unruhig gestalteten Sechzehnteltriolen als schwermütiger Epilog.

Höhepunkt dieses Konzertabends war jedoch die leidenschaftlich-erschütternde Wiedergabe von Robert Schumanns Klaviersonate Nr. 1 in fis-Moll op. 11 aus den Jahren 1832 bis 1835. Hier erscheinen die von Schumann erfundenen Figuren des sanftmütigen Eusebius und des Draufgängers Florestan in bemerkenswerter Weise. Clara Wieck ist hier der Gegenstand der ausgesprochenen Sehnsucht. Das glühende Gefühl des Hauptmotivs traf Mitsuko Uchida mit geradezu elektrisierender Brillanz. Das entgegengesetzte lyrische As-Dur-Thema leitete zur aufblühend gestalteten, traumhaft wirkenden Aria über. Der spanische Tanz Fandango wirkte in der Interpretation Mitsuko Uchidas wahrhaft hexenhaft und dämonisch, gerade die retardierenden Momente wurden voll ausgelotet. Beim florestanischen Scherzo überwogen die heftig drängenden Rhythmen, die Mitsuko Uchida in hervorragender Weise herausarbeitete. Das kapriziöse Rezitativ begeisterte mit kühnen Sprüngen – und die Modulationen hin zum zweiten Es-Dur-Motiv bestachen mit ausdrucksvoller Anschlagstechnik.

Sehr geschlossen und reif wirkte diese Wiedergabe Mitsuko Uchidas, die die Nähe zur sinfonischen Form nie vegaß. Als Zugabe überraschte sie die Zuhörer noch mit einem kapriziös gespielten Mozart-Stück. Sie wird dieses Jahr auch bei den Osterfestspielen im Festspielhaus Baden-Baden zusammen mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Sir Simon Rattle auftreten.

Alexander Walther           

 

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