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BIETIGHEIM-BISSINGEN/ Kronen-Zentrum: DER STEPPENWOLF von Hermann Hesse

Zwischen allen Stühlen

20.04.2018 | Theater

Bildergebnis für der steppenwolf

 

Hermann Hesses „Steppenwolf“ am 19.4.2018 mit der Badischen Landesbühne Bruchsal im Kronenzentrum/BIETIGHEIM-BISSINGEN

ZWISCHEN ALLEN STÜHLEN

„Der Steppenwolf“ ist Hermann Hesses problematische Selbstanalyse. Der Held gerät mit seinen Doppel-Ich zwischen alle Fronten. Melancholiker, Weltverneiner und böser Steppenwolf in einem ist auch Markus Hennes als der „Steppenwolf“ Harry Haller. Seine innere Zerrissenheit kommt in der suggestiven Inszenierung von Wolf E. Rahlfs plastisch zum Vorschein. Haller bewundert die Heroen der bürgerlichen Kultur und schätzt die Gemütlichkeit, die ihm sein Vermieter bietet. Und für die bürgerliche Gesellschaft hat er nur Verachtung übrig. Das „Traktat vom Steppenwolf“ fordert deswegen zu einem extremen Leben auf. „Die Welt will dich nicht, Harry!“ schallt es dem Protagonisten entgegen, der Mozart liebt und in einer tiefen Lebenskrise steckt. Als Mann von fast fünfzig Jahren ist er immer noch ein Außenseiter und Einzelgänger. Er sucht Zuflucht im Alkohol und Erlösung durch Selbstmord. Da trifft er auf Hermine, eine junge Frau und Verführerin, die von Nadine Pape mit vielen Nuancen und Facetten gespielt wird. Wolf E. Rahlfs arbeitet als Regisseur auch plastisch heraus, wie Harry Haller an den Menschen vorbeilebt, sie nicht erreicht und seelisch vereinsamt.

Das ist eine unbestreitbare Stärke dieser Inszenierung. Die Ausstattung von Franziska Smolarek entführt die Zuschauer ins Weltall. Als weitere laszive Verführerin kommt Maria ins Spiel, die von Sina Weiß als unwiderstehliche Femme fatale verkörpert wird. Zuweilen beschwört die Aufführung sogar die seltsame Welt des Rotlichtmilieus. Das kommt dann bei den Figuren des magischen Theaters zum Vorschein. Tanz, Rausch und Sex gehen hier nahtlos ineinander über. In diesem magischen Theater erlebt Harry Haller die Vielgestaltigkeit seiner Persönlichkeit. Wolf E. Rahlfs will bei seiner Inszenierung keine getreue Bebilderung des Textes. Er möchte vielmehr den Text des Traktats, die Bilder des magischen Theaters, Bürgerkrieg, Steppenwolfdressur, die Begegnungen mit dem Unsterblichen, Rausch, Sinnlichkeit, Ekstase, Selbstzweifel und existenzielle Krise sowie Humor miteinander verbinden. Man sieht Personen mit Wolfsgesichtern, die sich zum Lärm einer knallenden Peitsche bewegen. Das ist eine interessante Idee. Wolf E. Rahlfs Welt soll alle diese Kontraste und Widersprüche in diesen prallen Bildern präzis einfangen, was zeitweilig auch gelingt. Verschiedene Darstellungsweisen sollen so zum Ziel führen. Kühne Abstraktion, blutiger Naturalismus und absurde Stlisierung ergänzen sich. Die Grenzen zwischen diesen Ausdrucksweisen sollen zerlöchert werden. Die Spieler sollen auf eine Reise ins innere Ungewisse mitgenommen werden. Die nächtlichen Großstadtstraßen werden für Harry Haller aber auch zum Alptraum, der ihn nicht mehr loslässt. Er vergisst seine Persönlichkeit und seine Seele zerfällt hier in einer surrealen Bilderwelt. Zuletzt ermordet er die von ihm geliebte Hermine.


Copyright: Peter Empl

Dieses Ende ist für den Titelhelden ein Schock, er ist seiner Mentalität hilflos ausgeliefert. Stark sind bei dieser Inszenierung auch die Ensembleszenen und chorischen Textpassagen. Der sperrige Stoff folgt dabei eher einer Dramaturgie des Traums als der des Aristoteles. Rhythmus und Lebendigkeit werden trotzdem nicht unterbrochen. Man spürt viel von dieser Welt, von der man auch als Zuschauer so wenig weiß. Sämtliche menschliche Gewissheiten lösen sich einfach in Luft auf. Der gepflegte Wahnsinn wird auf der Bühne dargestellt. Tobias Karn als der Vermieter, Colin Hausberg als Pablo, David Meyer als echauffierter Professor und Gustav sowie das fulminante Ensemble des magischen Theaters lassen dies deutlich werden (Video: Tommi Brem; Musik: Paolo Greco). Cornelia Heilmann brilliert in der Gestaltung des Fremden und Goethes. Der Dichterfürst wird hier als seltsame Kasperlefigur dargestellt, die eigentlich gar nicht ernst genommen werden möchte. Diese Version macht das Publikum eher fassungslos. Und Mozarts „Don Giovanni“ erklingt mit fast schon drohend-dämonischer Gebärde. Einzelnde Personen treten aus den hinteren Türen heraus. Die Lebenskrise Harry Hallers hat alle Protagonisten auf der Bühne voll erfasst.

Bei den vielen jungen Zuschauern kam die Aufführung gut an. 

Alexander Walther      

 

 

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