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BIELEFELD/Theater: „BENZIN“ von E. N. von Reznicek. Eine Tankfüllung als Liebesbeweis

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Foto: Bettina Stöß

Bielefeld Theater – E. N. von Reznicek „Benzin“ – eine Tankfüllung als Liebesbeweis

 Premiere 13. Januar 2018 – besuchte Aufführung 11. Februar 2018

 Wenn überhaupt , dann nur bekannt durch die Ouvertüre zu seiner Oper „Donna Diana“ komponierte Emil Nikolaus von Reznicek im Jahre 1929 ein „heiter-phantastisches Spiel mit Musik“ unter dem Titel“Benzin“ Frei nach einer Komödie von Calderón, die wiederum auf der Circe-Episode aus Homers „Odyssee“ basiert, versetzte  Reznicek  im selbstverfaßten Text den antiken Mythos  in seine Zeit. So wurde aus Odysseus der Kommandant des Zeppelins Z69 namens Ulysses Eisenhardt, der wegen eines Lecks im Benzintank  auf einer in keiner Karte verzeichneten „ungenannten Insel“ notlanden mußte. Dort gab es genügend Benzin, aber Gladys Thunderbolt, die Beherrscherin der von ihr und ihren Freundinnen bewohnten Insel, hatte die Angewohnheit, Besucher der Insel dergestalt zu hypnotisieren, daß sie sich als Tiere fühlten, von Gladys verkleidet sich  auch so benahmen und auch  vom Orchester unterstützt tierische Laute  wie Kikeriki oder i-a sangen (Choreinstudierung Hagen Enke) Einzig bei Kapitän Eisenhardt mißlang ihre Verführungskunst. Aus Wut über diese Niederlage und um ihn zu halten, rückte sie kein Benzin heraus.  Das kam für Eisenhardt einer Katastrophe gleich, da sein Weltrekord-Flug – in 48 Stunden um den Äquator –  dann gescheitert wäre. Als er deshalb einen Selbstmord vortäuschte, erkannte Gladys seine Liebe zu ihm, ließ sein Luftschiff betanken und war bereit, mit ihm darin nach New York zu fliegen.

Die geplante Uraufführung in Hamburg wurde abgesagt, wohl auch, weil Hugo Eckener zur selben Zeit tatsächlich mit einem Zeppelin den Äquator umrundete – natürlich nicht in 48 Stunden! – und dadurch zu einer Art Volksheld wurde, den man nicht in einer Oper verunglimpfen wollte. So fand die Uraufführung erst im Jahre 2010 in Chemnitz statt,  am Theater Bielefeld wurde „Benzin“ nun zum ersten Mal nachgespielt.

Die Bühne von Ralph Zeger zeigte passend zwei Tanksäulen mit der Überschrift „Alles super“, die sich dank der Drehbühne auch in einen kitschigen Südsee-Strand  verwandeln liess. In diesem Rahmen inszenierte Cordula Däuper ein buntes groteskes Spiel mit Andeutungen an viele Klischees, aber erfreulicherweise ohne in allzu billigen Klamauk abzufallen.  So  traten Gladys als pinkfarben-gekleidetes Blondinchen, Ulysses als unifomierter sonnenbebrillter Macho auf, ähnlich übertrieben kostümiert die zahlreichen anderen Mitwirkenden. Beim Vater von Gladys, dem Milliardär Jeremias Thunderbolt (komisch gespielt und passend gesungen von Moon Soo Park),  mußte es natürlich eine Trump-Frisur sein (Kostüme Sophie du Vinage) .

Gesungen wurde in einer Art Konversations-Sprechgesang, der sich zu Arien und meisterhaften Ensembles  steigerte. Dabei machten vor allem die beiden Hauptdarsteller durchaus ernstere charakterliche Entwicklungen durch. Als Gladys Thunderbolt zeigte das sehr erfolgreich Melanie Kreuter. Stimmlich gelangen ihr als Ausdruck der  Entwicklung von der stolzen Königin zur liebenden Frau beweglicher Sprechgesang,  traurige Legati,  fast Brünnhilden-hafte  (2. Aufzug Götterdämmerung)   Ausbrüche von Wut und Rachedurst und schließlich das zurückgenommene demütige „Wollen Sie mich mitnehmen“ , wo gefordert auch mit scheinbar mühelos erreichten Spitzentönen ohne zu forcieren. Letzteres traf nicht zu auf Jacek Laszczkowski als Ulysses Eisendhardt, der sich  sich vom egozentrischen Superhelden mit der Fahne „Ich“ auf der mitgebrachten Erdkugel zum durch die kaum eingestandene Liebe zu Gladys  unterwürfigen und letztlich doch   hypnotisierten  Antihelden wandelte. Sein Tenor klang etwas rau und wenig flexibel, die stimmlichen heldentenoralen Ansätze waren forciert, in seinem in der ersten Arie  eingebauten  friesischen Wiegenlied vermißte man Legatobögen.

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Foto: Bettina Stöß

Ganz ausserordentliches leistete Yoshiaki Kimura als Joe M .Plumcake, einem früheren Verehrer von Gladys, aber auch Entdecker und Verteiler der Benzin-Vorräte der Insel. Während Gladys  und Eisenhardt in irrsinig schnellem Sprechgesang  die Vorzüge sportlicher Betätigung  lobten, mußte er ebenso schnell „Seilchen springen“. Als er trotz Verbot die Benzinvorräte an die Zeppelinbesatzung übergeben wollte, hypnotisierte Gladys ihn zu einem Papagei, dessen Gesang er mit Fistelstimme  imitierte –  alles andere aber sang er mit jeder Situation angepaßter wohlklingender Baßstimme.  Nienke Otten glänzte als Gladys`Freundin Violet mit halsbrecherischen Koloraturen, ihr trotz Belehrung über amerikanische Frauenemanzipation doch noch als Liebhaber akzeptierter  Ingenieur Freidank (Carlo Monteiro ) trat als Elvis-Verschnitt auf beim etwas kitschigen (Arabella-Anklang?) Liebeslied „Als ich Sie heut zum ersten Male sah“

Zwei weitere Paare aus Schiffsbesatzung und Inselbewohnerinnen fanden zusammen, spielten und sangen prima. Der  Funker Emil Nikolaus (nicht Reznicek)  Machullke (Loryn Wey) und der  Koch Franz Xaver Obertupfer (Lutz Laible in bestem Bayrisch)  versuchten in einem witzigen Quartett von den Vorteilen ihrer jeweiligen Heimatstadt die von ihnen  angebeteten Damen Lissy (Dorine Mortelmans) und Nell (Jasmin Etezadzadeh) zu überzeugen. Etwas temporeicher tat dies der erstere ausgewiesen mit einem Modell des Funkturms für Berlin, etwas langsamer der letztere ausgewiesen durch eine riesige Weißwurst für München.

„Spiel mit Musik“ nannte Reznicek sein Werk auch wohl  deshalb, weil nicht nur das Spiel auf der Bühne mit Musik begleitet wurde, sondern mit verschiedenen Musikstilen gespielt wurde. Dafür sorgten in der überlegenen Gesamtleitung Gregor Rot und mit ihm  die Bielefelder Philharmoniker  Da hörte man  amerikanische Tanzrhythmen wie etwa „Tempo di Foxtrott“, zu dem der Bielefelder Opernchor von Gladys angeordnete sportliche Ertüchtigung in Form von Gymnastik mit Besen (Zauberer?) aufführte (Choreografie Michaela Duhme) Man hörte aber auch ganz entgegengesetzt Anklänge an Wagner , Richard Strauss`“Ariadne“ (spielt ja auch auf einer einsamen Insel),und „Rosenkavalier“ aber auch „Czárdásfürstin“ („was kostet die Welt?). Diese und andere Andeutungen waren immer nur ganz kurz, kaum wahrgenommen folgte wieder die auch zur Entstehungszeit nicht besonders moderne, aber sehr geschickt instrumentierte Musik Rezniceks.. Viele Soli hatten einzelne Instrumente, von den Streichern besonders die Violine (etwa als Gladys weinte) oder das Cello. Glänzen konnte das Orchester bei der pompösen Einleitung mit Propellerrhythmus des Luftschiffs,  bei einem lyrischen Notturno, als Gladys sich nachdenklich ihre Liebe eingesteht, oder beim pompösen Finale.mit Orgelklängen. Wenn dazu „Benz! (kurz für Benzin!) Ahoi“ gesungen und Benzinkanister transportiert wurden, machte auch das nachdenklich. So gab es in der Inszenierung auch kein wirkliches „happy end“.  Eisenhardt wird doch noch hypnotisiert. Ob das zum mehrfach gesungenen Motto des Werks paßt „Doch der stärkste aller Triebe ist und bleibt die alte Liebe, und trotz neuer Sachlichkeit bleibt sie Trumpf in Ewigkeit“ bleibt offen. Wenn auch im zweiten Akt einige Längen auftraten, etwa wenn Violet an Stelle von Gladys versuchte, Eisenhardt zu verführen, war es doch ein heiterer Abend von nostalgischem Reiz.

Das meinte auch wohl das nicht übermässig zahlreich erschienene Publikum und applaudierte, auch mit zaghaften Bravos, bis zum Fallen des Vorhangs.

Sigi Brockmann 13. Februar 2018

 PS: Bei cpo ist kürzlich eine CD der Uraufführung 2010 im Theater Chemnitz unter der Leitung von Frank Beermann erschienen.