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BEST EXOTIC MARIGOLD HOTEL

14.03.2012 | FILM/TV

Ab 16. März 2012 in den österreichischen Kinos
BEST EXOTIC MARIGOLD HOTEL
The Best Exotic Marigold Hotel / GB /  2011
Regie: John Madden
Mit: Judi Dench, Maggie Smith, Tom Wilkinson, Bill Nighy, Dev Patel u.a.

Die sieben englischen Oldies, die der Kinobesucher zu Beginn kennen lernt, sind „echt“ alt. Da gibt es keine Euphemismen wie „50 plus“ oder Senior Citizens. Für Menschen wie sie hat unsere Gesellschaft wirklich nur das Altersheim bereit – aussortieren, wegsperren, unsichtbar machen. Und wer das nicht will, zuhause aber einfach nichts anderes zu erwarten hat?

Da klingt ein Angebot im Internet, nach Indien zu kommen und seine Tage im „Best Exotic Marigold Hotel“ zu verbringen, doch schlechtweg unwiderstehlich. Noch dazu, wenn das Domizil in den glühendsten Farben gemalt wird. Aber in Jaipur ist dann natürlich alles nicht ganz so, wie die Herrschaften es sich vielleicht vorgestellt haben. Wozu gibt es die Fotoprogramme im Internet, wo man verfallenes Gemäuer schon in den Zustand versetzen kann, den es einst, nach der Renovierung, vielleicht einmal haben wird? Der junge indische Hotelbesitzer hat so große Träume, und den lässt er sich lieber nicht von Mutter, Geldgebern, künftigem Schwager vermiesen…

Die Briten überraschen uns: Ähnlich wie einst in dem Film „Tee für Mussolini“ zeigen sie, dass sie nicht nur sture, besserwisserische  Teetrinker sind. Sechs der sieben Herrschaften lassen sich auf die neue Umgebung, die neue Welt, ja sogar auf ein neues Leben ein. Und die einzige, die den anderen durch böses Karma die Stimmung verderben will, tut ihnen (und dem Zuschauer) den Gefallen, am Ende nach England zurück zu kehren. Und die indische Harmonie der übrigen, die wacker erkämpft wurde, nicht weiter zu stören…

Natürlich ist das keine realistische Geschichte, die der subtile Regisseur John Madden („Shakespeare in Love“) hier erzählt. Wahrscheinlich ist der zugrunde liegende Roman von Deborah Moggach ein wenig als Märchen gemeint, als Gleichnis. Aber da man hier eine Handvoll der besten englischen Schauspieler zusammen geholt hat, greift der Kinozauber voll.

Wie soll man Judi Dench beschreiben, eine Frau, die nach dem Tod des Gatten wie verloren durchs Leben geht – und doch versucht, nun allein Boden unter den Füßen zu finden? Wie Maggie Smith, die so knurrig wirkt wie ein Kettenhund und nach und nach ihre noble Seele offenbart und, sehr erwünscht, ihr kaufmännisches Geschick einsetzen kann? Wie Tom Wilkinson, den einstigen hohen Richter, der nach Indien kommt, um eine Schuld seiner Jugend zu bezahlen und dann, als er den geliebten Freund (die erste und einzige große Liebe seines Lebens) wieder findet, beruhigt sterben kann? Wie Bill Nighty (wie wunderbar, diesen großen Schauspieler ohne die Saugnäpfe zu erleben, die man ihm in „Fluch der Karibik“ ins Gesicht geklebt hat) als noblen, sehr unglücklichen Ehemann einer vom Leben enttäuschten, bösartigen Frau (brillant: Penelope Wilton), von der er sich aus Anstand die Existenz vergällen lässt, bis sie – Rama, Shiva und Vishnu seien Dank – ihn verlässt? Wie Ronald Pickup und Celia Imrie, die ältlichen Singles, die einfach nicht aufgeben und bei aller Unternehmungslust (und den Dämpfern, die sie einstecken müssen) letztendlich weder Würde und Humor verlieren?

Das ist ein Schauspielerfest ohnegleichen, aber auch die Inder lassen sich die Show nicht stehlen, postulieren in dem Film, der in ihrem Land spielt, ihre großen Rollen:  Hinreißend, wenn die indische Jugend dann mit „Slumdog Millionaire“-Star Dev Patel grotesken Humor und gleichzeitig den Liebeskummer und die Lebensprobleme der frühen Jahre verkörpert, wobei seine Freundin (Tena Desae) eine jener Schönheiten ist, über die der indische Film so reich verfügt, und seine Mama (die wunderbare Lillete Dubey aus „Monsoon Wedding“) eine Persönlichkeit, die zu bekämpfen sich wirklich lohnt, weil der Sieg dann etwas hergibt.

Kurz, man findet man sich hier für zwei Stunden in eine wahre Wunderwelt eingesponnen – nicht nur, weil Jaipur ein so original-indisches Ambiente abgibt, zauberhaft und erschreckend zugleich, wobei sich diese Briten mit einer Schlichtheit, die jeden kolonialen Aplomb abgelegt hat, durch diese Welt bewegen.

Und vor allem ist da noch etwas: Diese erlesene Schar von Darstellern ist nicht, wie man es etwa von deutschen und heimischen Filmen kennt, auf penetrante Art „rentner-sonnig“, im Gegenteil. Das sind wunderbar echt wirkende, denkende, fühlende Menschen, über deren Alter man sich gar nicht mehr den Kopf zerbricht… Billig spekuliert wird hier gar nichts, und dennoch nimmt man untergründig aus dem Film den Rat mit, nicht aufzugeben, vor allem nicht im Postulat nach Lebensglück und Lebensfreude. Ein Märchen. Ein Gleichnis. Niemand redet uns ein, das Leben sei so. Es könnte bloß bestenfalls so sein.

Renate Wagner 

 

 

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