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BERN/ Stadttheater: SALOME

17.01.2015 | Oper

BERN/Stadttheater: SALOME am 17.01.2015 (Alex Eisinger)

 
Obwohl die Handlung des vor 110 Jahren in Dresden uraufgeführten Werks als bekannt vorausgesetzt werden darf, sei ein Abriss in Kurzform angefügt: Salome ist von Stimme und Erscheinung des Propheten Jochanaan fasziniert, in zunehmender Erregung verlangt sie den wegen seiner gegen ihre Mutter Herodias gerichteten Anschuldigungen Eingekerkerten zu küssen. Jochanaan weist sie empört zurück, verflucht sie. Salome’s Stiefvater Herodes wünscht dass sie für ihn tanze, angewidert lehnt sie sein Ansinnen ab; erst als er verspricht ihr jeden Wunsch zu erfüllen, lenkt sie ein, ergreift sie die Chance sich am Propheten für die Zurückweisung und den damit erlittenen Schmerz zu rächen. Sie tanzt und fordert danach als Preis den Kopf des Jochanaan, küsst die Lippen des Enthaupteten. Damit ist ihre trotzig-verdorbene Sehnsucht befriedigt. Herodes befielt: man töte dieses Weib.
Wenn ich an die besuchten Salome-Aufführungen der letzten 45 Jahre zurückdenke, fällt mir auf, dass mir auch in jüngster Zeit bisher noch keine „regiemässige Adaption“ dieses Einakters untergekommen ist. Vielleicht, so meine Vermutung, ist das Werk einerseits schlicht verdorben-heutig genug und/oder andererseits in seiner Kompaktheit umdeutungs-resistent?  Immerhin ist bei der Ausstattung eine Tendenz weg vom orientalischen Kolorit zu abstrakten Räumen erkennbar. Was bekommen wir am Theater Bern von Ric Schachtebeck (Bühne) zu sehen?
 
Im Vordergrund eine Terrasse (oder ein Hof) mit verschiedenfarbigen Plastic-Stühlen, im Hintergrund ein durch grosse Fenster abgetrennter Innenraum, in dem der Potentat und seine Gattin schon während der Narraboth/Page-Szene sichtbar Gesellschaft (Stil Cocktail-Party) halten und sich mehrfach gegenseitig bekriegen; da wird vom Regisseur Ludger Engels bereits ein Charakteristikum seiner Arbeit glasklar exponiert, dass das Ehepaar seine Konflikte in der Öffentlichkeit austrägt und beide dies aus Kalkül zum eigenen Vorteil gegen den Ehepartner auszunützen versuchen.  Und beide wollen die Tochter auf ihre Seite ziehen, werden vom Spross aber zurückgestossen. Und als er allzu aufdringlich wird, kommt Salome durch die Glasschiebetür heraus. Das Plexiglas-Kerker Jochanaans senkt sich aus der Decke auf die Bühne herab. Eine Tür lässt ihn aus dem Verliess heraustreten. Sehr schön herausgearbeitet ist, dass Salome zu Beginn eigentlich Zuwendung sucht (die sie von den Eltern nicht bekommt), womit er aber nicht umgehen kann. Und je heftiger sie fordert, desto mehr verschanzt er sich defensiv-plakativ hinter seinen religiösen Lehren. In der Entwicklung dieser zentralen Szene wird dann aber klar, dass der Regisseur Salome nicht als Lolita-artige Kindfrau sieht, sondern als mit allen Wassern gewaschene, berechnende Frau, die aus den Szenen einer Ehe (oder was davon bei ihren Eltern noch rudimentär als Zweckgemeinschaft zum Machterhalt übrig ist) gelernt, Kniffe und Kriegsführung verinnerlicht hat und sie nun selbst konsequent anzuwenden versteht. Als er sie zurückstösst und verflucht, verliert sie die Zügel/ Fassung, zeigt kurz Facetten von kindlichem Trotz und schmollt. Vater, Mutter und Tochter, alle drei versuchen die Umstehenden für sich zu nutzen: und das sind, die Juden, die Nazarener, der Kappadozier, der Page, … sie alle sind viel öfter als üblich zugegen und agieren/reagieren auf die Auseinandersetzungen zwischen den Familienmitgliedern, respektive mit Jochanaan. Dieser verkommt zum eigentlichen Spielball aller Parteien, über dessen Schicksal verhandelt wird. Der Regisseur hat also kein Zusatzpersonal erfunden, erzielt aber durch die vermehrte Anwesenheit der üblichen Figuren neue Sichtweisen, interessante Détails.
Salome gehört zu einer Handvoll Opern, die mit der Bewältigung der unerhörten Anforderungen an die Titelpartie steht oder fällt: die Künstlerin muss singen, schauspielern, tanzen (oder sich mindestens gut bewegen) können. Das reicht aber noch nicht: sie sollte auch noch jung, schön, sinnlich sein und zudem den Tanz der sieben Schleier mit erotischem Zauber überzeugend meistern können. Und wenn das geschafft ist, folgt noch der Schlussgesang, der der Künstlerin stimmlich die letzten Körner abverlangt. Auf Grund all dessen ist es nicht verwunderlich, dass es praktisch zu keiner Zeit eine ideale Salome gab, die alle Anforderungen zur Gänze erfüllen konnte. Und so soll das Gesamtpaket Salome beurteilt werden, wie die Regie den Charakter der Prinzessin anlegt und was die Künstlerin daraus macht. Allison Oakes hat das Publikum und mich, der Riesenjubel bewies es, überzeugt. Das Regiekonzept trägt sie mit Überzeugung, die Stimme hat Kraft und Stamina, die Spitzentöne sitzen und im Schlussgesang gelingen selbst die herrlichen Legato-Phrasen rund und warm.
 
John Uhlenhopp ist ein stimmlich überzeugender Herodes, weiss geschickt Helden- und Charaktertenor-Farben zu mischen, darstellerisch zeichnet er einen dem Alkohol nicht abgeneigten, je länger je mehr in die Enge getriebenen, schwächlichen Machthaber. Herodias ist bei Claude Eichenberger keine abgetakelte alte Vettel, sondern eine äusserst attraktive Frau, die schamlos zu ihren sexuellen Wünschen steht, links und rechts anbaggert. Auch stimmlich ist sie voll im Saft. Jochanaan ist beim Griechen Aris Argiris gut aufgehoben, stimmlich vertritt er seine Argumente mit Nachdruck und darstellerisch zeigt er auch eine verletzliche Seite. Michael Feyfar lieferte die Narraboth-Tenorhöhen ohne Problem ab und war später auch noch als zweiter Jude im Einsatz. Sophie Rennert (Page/Sklave), Andries Cloete (1.Jude), Angel Petkov (3.Jude), Andres Del Castillo (4.Jude), Nuno Dias (5.Jude), Kai Wegner (1.Nazarener), Wolfgang Resch (2.Nazarener/Kappadozier), Iyad Dwaier (1.Soldat) und Daniel Mauerhofer (2.Soldat) seien mit einem Pauschallob für darstellerischen Einsatz und gesangliche Präzision erwähnt.
Ein Einwand zur sehr erfolgreichen Produktion muss doch erwähnt werden: Salome wirkte altersmässig wie die Mutter von Herodias, ob das der Kostümbildnerin Katrin Wittig oder der Maske Sibylle Langeneck/Heike Bechtold anzulasten ist, bleibe dahingestellt. Und nach dem sowohl gesanglich wie darstellerisch mitreissenden Schlussgesang der Titelträgerin Allison Oakes verglüht diese Kritik zur Randbemerkung.
 
Last but not least darf dem Berner Symphonieorchester unter der souveränen Leitung von Kevin John Edusei für eine intensive, nie überlaute Interpretation der schwierigen Strauss-Partitur ein Kranz gewunden werden.
Grosser Jubel, viele Bravos!
 
Alex Eisinger

 

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