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BERN: LOHENGRIN – Premiere

25.10.2015 | Oper

BERN / LOHENGRIN am 24.10.2015 (Alex Eisinger)

Die Handlung der grossen, romantischen Oper in drei Akten darf als bekannt vorausgesetzt werden: es geht in diesem Werk um den Erbfolgestreit im Herrscherhaus, also um Machtanspruch mit damit verbundenen Intrigen, um progressive versus rückwärtsgewandte Überzeugungen/Politik, um Faszination-Glaube respektive Zweifel am geheimnisvollen fremden Ritter/Retter, um Liebe, Treue und Vertrauen.

Wenn ich die Lohengrin-Interpretationen der letzten Jahre an den grossen Häusern vor meinem Auge Revue passieren lasse, hat mich weder der Münchner „Architektengrin“, der Bayreuther „Rattengrin“, der Wiener/Zürcher „Trachtengrin“ noch die Scala-Version regielich in ihrer Ganzheit zu überzeugen vermocht. Es gab durchwegs interessante Détails und allenthalben faszinierende Momente, aber auch Verbiegungen (mir fällt spontan der völlig vertrottelte König auf dem Grünen Hügel als krasses Beispiel ein), die Text und Musik zuwider liefen.

Was wird uns wohl an einem kleinen Dreispartenhaus, für das das Stemmen einer Wagneroper a priori ein Kraftakt ohnegleichen bedeutet, geboten werden, eine gewagte oder eher traditionelle Sichtweise? In Bern ist man neugierig-gespannt, wurde doch Lohengrin seit 60 Jahren nicht mehr gegeben.

Nun, es ist etwas von Beidem geworden: Hausherr/Intendant Stephan Märki erzählt die Geschichte aus der Sicht der ob des Bruderverlusts traumatisierten Elsa, die sich in eine Traumwelt flüchtet. Bevor Sie nun die Augenbraue heben und indigniert denken „was, wie langweilig, die 77ste Traumversion, haben wir doch alles schon bis zum Überdruss gehabt/erlebt“, lesen Sie bitte weiter: in ästhetischer Anlehnung an den Maler Magritte – hellblauer Rundhorizont mit Wölkchen, die Damen und Herren des Chors uniform als schwazgewandtete Männchen gekleidet, mit Melone, Schirm und grünem Apfel (Kostüme: Elina Schnizler) spielt Regisseur Märki mit seinem Team gekonnt mit dem was Elsa sieht und was nur ihrer Vorstellung oder Wahrnehmung entsprungen sein könnte. Wir alle haben in unseren Träumen erlebt wie Dinge grotesk verzerrt, surreal, verschoben daherkommen können. Unter dieser Prämisse gelingt es der Inszenierung unter Mithilfe des Teams Chris Comtesse (Choreographie und szenische Mitarbeit), Olga Ventosa Quintana (Bühne), Martin Eidenberger (Video) und Karl Moravec (Licht) dem Zuschauer die Geschichte linear zu erzählen und trotzdem uns im spannenden Dilemma zu belassen was ist nun Elsas Vorstellung und was wohl unsere eigene Wahrnehmung oder Interpretation?

Es beginnt während dem Vorspiel damit, dass wir erst schwach-verschwommen ein Nebel, danach ein Auge, dann ein Frauenkopf auf wechselnden Positionen des Bühnenportals wahrnehmen … später sehen wir durch den Gazevorhang ein erleuchtetes Fenster aus dem Elsa auf die im beinahe-Dunkel stehenden Kinder Elsa mit Brüderchen Gottfried und die übrigen, nur schemenhaft zu erkennenden Personae der Handlung herunterblickt: beim Fortissimo-Kulminationspunkt der Musik verschwindet Gottfried und bis zum Ende des Vorspiels verschwimmt alles traumartig wieder in absoluter Finsternis. Damit ist die Vorgeschichte im Einklang mit dem Regiekonzept überzeugend illustriert, der Boden für das Kommende gepflügt … mehr sei nicht verraten.

Das Berner Symphonieorchester unter Mario Venzago hat einen grossen Abend: es gelingt dem Dirigenten das bis auf 60 Takte im 4/4tel-Takt komponierte Werk in flexiblen Tempi fliessen zu lassen, mal abzubremsen, mal zurückzunehmen und damit den Sängern Pianophrasen zu erlauben, aber auch mal den grossen Ton aufrauschen zu lassen.

Als nächstes sei dem Chor Konzert Theater Bern und seinen Zuzügern, Einstudierung Zsolt Czetner, ein Riesenlob ausgesprochen, und zwar in zweierlei Hinsicht: einmal für den in allen Stimmen ausgewogenen Klang und die Diktion, aber auch für die präzise Umsetzung der choreographischen Vorgaben.

Zu den Sängern: Mary Mills als Elsa träumte sich mit klarem Sopran durch die lange Partie, bei den Spitzentönen wäre etwas süsse Rundung wünschenswert gewesen. Ihr schwedischer Retter Lohengrin alias Daniel Frank war in Spiel und Erscheinung nicht als strahlender Held, sondern als nonkonformistischer Aussenseiter angelegt, gesanglich überzeugte er insbesondere mit einer aus dem Piano heraus begonnenen Gralserzählung, die er kontinuierlich bis zum heldischen Kulminationspunkt zu steigern vermochte. Aus dem eigenen Hausensemble waren drei Partien besetzt: Kai Wegner als zuverlässiger, doch der Partie geschuldet, nicht weiter auffallender Heerrufer. Pavel Shmulevich als König Heinrich überzeugt einmal mehr mit edlem Timbre, alle Höhen der Basspartie mühelos meisternd; im Spiel schienen mir seine Sympathien, nicht ganz unparteiisch, bei Elsa zu liegen. Und als Dritte im Bunde lieferte die für eine kranke Kollegin einspringende Claude Eichenberger als Ortrud, sowohl stimmlich wie darstellerisch eine Topeistung ab, die vom Publikum mit Ovationen verdankt wurde. Es ist schlicht grossartig wie sich diese Künstlerin, seit 2006 dem Ensemble angehörend, entwickelt hat. Ihr Ehemann, Graf von Telramund des Jordan Shanahan, lieferte die dritte Topleistung des Abends ab: die berüchtigte „Schreipartie“ meisterte er mit ebenmässig geführtem Bariton ohne sich auch nur ein Moment in Deklamation retten zu müssen, mit nie nachlassender Intensität. Das dunkle Paar verlor das Leben, obsiegte aber gesanglich.

Fazit: für ein kleines Haus eine Superperformance, ein mehr als interessanter Abend.

Alex Eisinger

 

 

 

 

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