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BERN: LA CENERENTOLA. Premiere

18.11.2012 | KRITIKEN, Oper

BERN: Gioachino Rossini „La Cenerentola“ (Première) am 18.11.2012 (Alex Eisinger)

 Die am 25. Januar 1817 in Rom uraufgeführte Cenerentola ossia la bontà in trionfo folgt handlungsmässig nur entfernt dem Aschenputtel der Gebrüder Grimm: allein schon durch die Ergänzung des Personenregisters durch Dandini, was den in der opera buffa so beliebten Rollentausch zwischen Herrn und Diener erlaubt, entsteht eine zusätzliche Handlungsebene. Zusätzlich wird der im Libretto als Philosoph und Prinzenerzieher bezeichnete Alidoro eingeführt, der in seiner Funktion ein Zwitter zwischen Deus ex machina und Theaterdramaturg darstellt. In der mit grosser Akklamation aufgenommenen Berner Produktion wirkt er auf mich eher wie Letzterer, da er öfters als Kommentator der Handlung aus dieser heraustritt als auch als Fädenzieher des maschinellen Theaterzaubers fungiert. Und damit sei gleich die Regie der erstmals in der Schweiz tätigen Cordula Däuper gewürdigt. Ihre Arbeit bedient im positiven Sinn viele Ebenen: sie hält sich ohne Verfremdung an die Vorlage ohne altbacken oder gar museal daherzukommen (die Damen zeigen viel Bein, Vater Magnifico resümiert seinen Traum nach dem Aufwachen in Unterhosen, Dandini darf praktisch den ganzen Abend über seinen im Fitness-Studio gestählten Oberkörper zur Schau stellen), sie unterhält und hält die Spannung, sie ist lebendig ohne in übertrieben Aktionismus zu verfallen, sie zeichnet die zickigen zwei Schwestern an der Grenze zur Karikatur ohne sie zu Knallchargen verkommen zu lassen, sie lässt Erwachsene sich an Kindheitstage erinnern … kurz: sie nimmt das Märchen ernst, konterkariert es aber immer mal wieder mit Witz, Charme und einem Augenzwinkern, was einerseits das Publikum zum Schmunzeln einlädt/anregt, andererseits das Abgleiten in den Kitsch verhindert. Ideal unterstützt wird sie vom Bühnenbildner Ralph Zeger (es beginnt karg sparsam und steigert sich bis hin zum Märchenschloss als Podium für die Bravourarie der Titelrollenträgerin zum Schluss), der für die phantasievollen Kostüme verantwortlichen Sophie du Vinage und dem Lichtdesigner Bernhard Bieri, der im Verlauf der Aufführung die Bühne in fast alle Farben eintauchen lassen darf.

Nun zum Berner Symphonie Orchester unter der Leitung des Dirigenten Srboljub Dinic: farbig, genau, differenziert, sängerfreundlich … aber es fehlte für mich die letzte Prise an federnder Italianità und des Rossini eigenen Drives um ein ganz dickes Lob auszusprechen. Der von der Regie geforderte Herrenchor (Leitung: Zsolt Czetner) agierte sehr lebendig, mit sichtbarer Spielfreude.

Zu den Sängern: in der Titelpartie lernte ich die junge Ukrainerin Christina Daletska kennen, die mit unglaublichem Charme, einer warmen Ausstrahlung und einer technisch einwandfrei geschulten Stimme sowohl der getragenen Linie des „una volta c’era un rè“ wie auch den koloraturgespickten Teilen ihres Parts (u.a. des Rondos: non più mesta…) hervorragend gerecht wurde, grossartig! Ein Glücksfall für Bern, diese Sängerin wird bestimmt Karriere machen. Ihr zu Beginn hörbar nervöser Prinz Ramiro war Peter Tantsits, der sich aber bald fing und die vom Komponisten geforderten Stratosphärenausflüge dann mit Zielsicherheit akkurat meisterte; da ist ganz klar Potenzial vorhanden, ich wünschte dem äusserst schlanken Künstler etwas mehr Körpermasse, was bestimmt der Reifung der tieferen Lage seiner Stimme zugute kommen würde. Positiv erwähnt werden soll zudem seine Spielfreude, obwohl er etwas im Schatten des mit grosser Ausstrahlung begabten Robin Adams als seinem Diener stand. Dieser Dandini prunkte nicht nur mit seiner Stimme, es ist das Gesamtpaket, der 110-prozentige Einsatz dieses Baritons, der das Publikum immer wieder erneut in seinen Bann zieht, ihn zum Liebling der Berner macht. Als Vater Don Magnifico war Michele Govi als Buffobass rollendeckend besetzt, ein weiterer Pluspunkt auf der Habenseite dieser Aufführung.

Seine zwei Töchter. Claude Eichenberger als Tisbe und Camille Butcher als Clorinde, waren im Spiel gut koordiniert, stimmlich überzeugte Erstere, von Frau Butcher war ich nach der vielgelobten Marzelline im Fidelio leicht enttäuscht, denn ihr Sopran kam etwas substanzarm herüber (Abendverfassung?). Bleibt noch der Alidoro von Martin Lorenz Weidmann, der die Intentionen der Regie prima umsetzte, gesanglich weder besonders auf- noch abfiel.

Fazit: eine für ein kleines Haus sehr gute Aufführung mit einer herausragenden Protagonistin, geeignet die Herzen und Ohren von Jung und Alt in der bevorstehenden Vorweihnachtszeit zu verzaubern/betören.

Alex Eisinger

 

 

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