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BERN: DER FREYSCHÜTZ (in Berlioz-Fassung)

21.10.2013 | KRITIKEN, Oper

BERN / DER FREYSCHÜTZ am 20.10.2013 (Alex Eisinger)

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Bettina Jensen als Agathe. Foto: Annette Boutellier

 Das KonzertTheaterBern überrascht in der Sparte Musiktheater mit einer neuen Fassung eines Repertoirewerks: angekündigt wird Carl Maria von Weber’s „der Freyschütz“ wie er anlässlich der Erstaufführung an der Grand Opéra 1841 in Paris aufgeführt wurde, nämlich mit Rezitativen aus der Feder von Hector Berlioz.

Der Grund dafür ist der Tatsache geschuldet, dass damals auf der Bühne der französischen Hauptstadt nicht gesprochen werden durfte. Für Bern wurde aus den ursprünglich sehr langen Rezitativen, die eher wie Zwischenmusiken wirken, nur das wertvollste Material verwendet. Diese Rezitative wurden nun für die Berner Produktion ins Deutsche rückübersetzt, sie verbinden die Szenen nahtlos aneinander; die dem Hörer bekannten Dialoge, in ihrem romantisch-betulichen, der Biedermeierzeit verhafteten Genre für heutige Ohren unmodern, werden damit elegant eliminiert. Dirigent Mario Venzago hat aber auch die verschollene Eingangsszene zwischen dem Eremiten und Agathe ausgegraben und neu gefasst, ihr Material aus der ersten Symphonie unterlegt; und, dem Publikumsgeschmack der damaligen Zeit für Paris folgend, wird auch die Ballettmusik „Aufforderung zum Tanz“, das virtuose Klavierstück Webers, in der von Berlioz brillant orchestrierten Fassung, gegeben. Eine weitere auffallende Veränderung der Neufassung betrifft die Einverleibung der Partie des Samiel in den Eremiten, womit Gut und Böse, analog der zwei Seiten einer Medaille, von einer Person/Instanz dargestellt und reflektiert werden.

Das wesentlichste Merkmal der Neufassung Venzago besteht darin, dass wir eine durchkomponierte, keine von Dialogen unterbrochene Nummern-Oper mehr vorliegen haben: das verhilft dem Werk zu vermehrtem Fluss und Spannung; zudem gewinnen die Charaktere der Hauptrollen durch die zehn rezitativischen Zwischenszenen an Tiefe und Differenzierung.

Ich meine diese Berner Fassung könnte dazu beitragen, dass Weber’s Freischütz wieder vermehrt aufgeführt werden wird. (Meinem Bauchgefühl folgend, dass das Werk heutzutage viel weniger oft als noch vor 30-40 Jahren gegeben wird, habe ich das diesjährige Jahrbuch der Zeitschrift *Opernwelt* als Quelle zur Hand genommen und sehe mich bestätigt, dass in der vergangenen Spielzeit nur gerade sechs der 101 dokumentierten Bühnen des deutschsprachigen Raumes Webers Opus summum gespielt haben und in der vor kurzem begonnenen neuen Saison sogar nur noch vier Häuser sich an den Freischütz wagen).

Das Premièren-Publikum honorierte Mario Venzago’s Verdienste und Dirigat des grossartig aufspielenden Berner Symphonie Orchesters mit stürmischem Applaus und Bravorufen.

Michael Simon, Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion, hat weder der Geschichte ein modernes, kopflastiges Konzept übergestülpt, noch durch brutale oder sexistische Détails provoziert/verstört; und an seiner durchaus sinngebenden Personenführung ist bis auf zwei Einwände auch nichts auszusetzen. Und so erstaunte mich die Buhsalve von Teilen des Publikums doch ausserordentlich, mit der er konfrontiert wurde. Man kann die Inszenierung mögen oder nicht, das ist persönlicher Geschmack … die Missfallenskundgebung empfand ich aber als verfehlt.

Meine zwei Kritikpunkte: nicht gefallen hat mir die Bewegungschoreographie des Chors zur *Aufforderung zum Tanz*, ein Art von Mix aus spastischen Bewegungen und Elementen von Breakdance, die nicht zum positiv-schwungvollen Charakter dieses Musikstücks passen wollten. Und ebenfalls unpassend zur insgesamt guten Regie war der Werkschluss mit Künstlern, die im Finale gewisse Kleidungsstücke ablegen und sich abzuschminken beginnen: das leuchtete nicht ein, schien mir eher eine Verlegenheitslösung, Ausdruck des Misstrauens gegenüber dem lieto fine zu sein? 

Die Bühne erzielte durch überaus farbige, phantasievolle Prospekte Stimmung und die Beleuchtung unterstützte sowohl den unheimlichen Werkcharakter als auch die Ängste/Zweifel des Protagonistenpaares. Steigernd dazu kam die bizarre Kostümierung des Chors durch Zana Bosnjak, die das Werk der immanent-sonntäglichen Romantik entkleidete und mit einem Augenzwinkern in Richtung hoffmanesk-übersinnliche Fantasterei verschob.

Zu den Sängern: die Agathe der Bettina Jensen wird sowohl den lyrischen Passagen mit herrlich-schwebenden Piani und den jugendlich-dramatischen Aufschwüngen ihrer Partie auf schöne Weise gerecht; zudem überzeugt sie mit differenzierter Mimik. Ihr Verlobter Max des Polen Tomasz Zagorski kommt mit meist düsterer Miene darstellerisch etwas eindimensional daher, meistert die vertrackte Anforderungen stellende Tenorpartie solide-gut. Yun-Jeong Lee als Aennchen präsentiert einen substanzreichen, höhensicheren Sopran weitab der für diese Rolle oft eingesetzten Soubrette. Die grossartigste Darbietung des Abends geht auf das Konto des unglaublich beweglichen, spielfreudigen Kaspars von Pavel Shmulevich, der sowohl stimmlich wie darstellerisch restlos begeisterte.

Die soliden Leistungen in den Nebenpartien, Kai Wegner als Kuno, Wolfgang Resch als Ottokar, Dietmar Renner als Eremit und Andries Cloete als Kilian seien  mit einem Pauschallob bedacht.

Der Chor von Zsolt Czetner ist in allen Stimmfächern ausgeglichen besetzt, tönt klanglich kompakt und besticht durch spielfreudigen Einsatz.

Nach Fallen des Vorhangs grosser Jubel für Venzago, Orchester, Chor und die Künstler in den vier Hauptrollen, die Regie umstritten.

Fazit: Kompliment an das Stadttheater Bern, das in einer aufwändigen Produktion mit dieser Neufassung einen anregend-lohnenden Opernabend bietet.

 Alex Eisinger

 

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