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BERN: COSÌ FAN TUTTE

12.03.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

BERN: COSI FAN TUTTE am 11.03.20112


In der Inszenierung von Daniel Karasek unter der musikalischen Leitung von Judith Kubitz sind u.a. Agnieszka Slawinska als Fiordiligi,
Claude Eichenberger als Dorabella, Robin Adams als Guglielmo, Andries Cloete als Ferrando, Armand Arapian als Don Alfonso zu erleben
 alle Fotos: Philipp Zinniker

Die Handlung des mit „La scuola degli amanti“ untertitelten Dramma giocoso ist bekannt; das Problem dieses bei der Uraufführung 1790 in Wien viel weniger erfolgreichen Werks der Schöpfer Mozart/da Ponte im Vergleich zu Figaros Hochzeit und Don Giovanni lag einerseits in der Erwartungshaltung des damaligen Publikums, andrerseits daran dass gängige Muster der Opera buffa von den Autoren ignoriert, nicht bedient wurden. Cristina Urchueguìa, Professorin für Historische Musikwissenschaft an der Universität Bern benennt *diese Mängel* klar im Programmheft: „Der Normalfall der Opera buffa sah nur zwei Alternativen für die Beziehung zwischen dem alten Don Alfonso und den Mädchen vor: die überbeschützende Vaterfigur, von der sich die Mädchen befreien müssen, oder den offensichtlichen Lüstling, vor dessen lächerlichen Annäherungsversuchen sich die jungen Mädchen mittels Heirat mit jungen Männern in Sicherheit bringen müssen. In Così werden zwei unschuldige Mädchen von jenem alten Mann verraten, der sie entweder beschützen oder begehren sollte. Alfonso agiert hier nicht aus Eigennutz, auch jegliche erotische Intention liegt ihm fern. Sieht man von der dürftigen Motivation der Wette mit Ferrando und Guglielmo ab, bringt ihm die Intrige keinen Vorteil. Sein Motiv ist das des Menschenforschers. Er wirft einen Köder aus und beobachtet die Windungen seiner Versuchspersonen, wie man Ameisen in einem Ameisenhaufen betrachtet, während man mit einem Stöckchen darin bohrt.“

Bis weit ins vorige Jahrhundert hinein wurde der böse Plot von den Leading Teams nicht eigentlich ernst genommen, in einem einer Vedute gleichenden Bühnenbild in mediterranem Ambiente mit luftig-duftigen Kostümen überspielt. Allmählich wurden die Schattenseiten des Werks von jungen Regisseuren entdeckt, ein weites, animierendes Spielfeld für psychologische Studien; diese Entwicklung führte letztendlich im Extremfall dazu, dass statt jungen, fröhlichen Menschen gelangweilte Wracks auf die Bühne gestellt wurden, deren Probleme abendfüllend unter die Lupe genommen, die Charaktere der vier Probanden nach Freudscher Manier seziert wurden. Diese Aufführungspraxis, die zudem den Vorteil bot, das Werk zu modernisieren, Così in die heutige Zeit zu verschieben, brachte zwar viele neue Einsichten, das Pendel schlug aber öfters mal zu weit aus: dem Werk wurde konsequent Charme und jegliche Leichtigkeit ausgetrieben, ein Portrait zerrütteter Beziehungen auf die Bretter gestellt, zu der Mozart’s Musik wie die Faust aufs Auge passt.

Heute besteht die Herausforderung für den Regisseur darin Fröhlichkeit und Tiefgründigkeit, giocosità und dramma gleichberechtigt unter einen Hut zubringen. Daniel Karasek ist das mit Bühnenbildner Lars Peter und der für die Kostüme zeichnenden Claudia Spielmann gut gelungen, Kompliment. Mittels des Zwischenvorhangs auf der Vorderbühne für die drei Männer-Terzette zu Beginn mit ausgeschnittenem Medaillon, auf der nebst zwei Barockengeln Adam und Eva mit Apfel zu sehen waren, das durch ein karg-modern gehaltenes Bühnenbild (Rundhorizont mit gegen das Publikum hin geneigter Scheibe, 14 verschiedene Stühle von barock bis modernem Design) abgelöst wurde, manifestierte sofort klar den Willen des Teams, dass Vergangenheit und Gegenwart, gestern und heute präsentiert wird; konsequenterweise waren auch die Kostüme nicht auf eine einzige Zeitepoche hin angelegt. Lobend sei zudem erwähnt, dass der Regisseur aus der bis zur Athletik reichenden Spielfreude der Liebhaber und dem unterschiedlichen Wuchs der zwei Schwestern bewegungsmässig Kapital zu schlagen wusste, sodass sich bei drei Stunden und zehn Minuten Spieldauer ein nie ermüdender, im Gegenteil bestens unterhaltender Opernabend entwickelte. Die Sängerriege war für ein kleines Dreispartenhaus mit einer Ausnahme von mehr als guter Qualität: die zierliche Polin Agnieszka Slawinska als Fiordiligi meisterte die vertrackten Intervalsprünge ihrer Arien souverän, berückte mitunter mit herrlichen Piani, vermochte aber auch ohne Qualitätseinbusse auf dramatisch-verzweifeltes Forte umzuschalten. Dem schon langjährigen Ensemblemitglied Claude Eichenberger als Dorabella nahm ich die Verzweiflung der „smanie implacabile“ stimmlich zwar voll ab (ihr Mezzosopran ist seit der Mutterschaft voller, satter geworden) darstellerisch war sie mir während dieser Arie zu zahm (Nervosität?); danach spielte sie sich in überzeugender Manier frei, sodass mein Einwand nur eine Randnotiz wert ist. Mit Chiara Skerath als Despina war eine junge, äusserst sympathische Bedienstete am Werk, die mit leicht ansprechender Höhe sowohl die Arien und den Parlandoton der Partie gut meisterte, zudem als Medicus und Notar stimmlich zu charakterisieren wusste und sich so in die Herzen des Publikums spielte/sang. Nun zu den Herren: in der undankbaren Rolle des wenig sympathischen Drahtziehers Don Alfonso (von Mozart musikalisch schon eher stiefmütterlich ausgestattet) präsentierte sich Armand Arapian in schwacher Abendverfassung, sein Bass tönte gestern spröde-trocken und sein Spiel empfand ich als eher bemüht denn überzeugend. Die beiden jungen Männer, Andries Cloete als Ferrando und Robin Adams als Guglielmo sind beide äusserst spielfreudig und darstellerisch hochtalentiert, grossartig. Stimmlich liess Adams als Gugliemo keine Wünsche offen, überzeugte ohne, wie jüngst in der Lucia als böser Bruder, zeitweilig zu forcieren. Seinem Kumpel/Mitstreiter Ferrando gelang eine prächtig gesungene „aura amorosa“, stand ihm wenig nach, bei der Arie im 2. Akt gibt es noch Raum nach oben.


Foto: Philipp Zinniker

Der Chor (Einstudierung: Zsolt Czetner) erfüllte seine relativ kleine Aufgabe gut. Zum ersten Mal in Bern präsentierte sich Judith Kubitz an der Spitze des Berner Symphonieorchesters: die Auftaktakkorde der Ouvertüre kamen sehr dezidiert und prägnant, die verspielten Girlanden der Oboe, Flöte, Fagott waren verspielt, doch dann empfand ich das gewählte Tempo des Presto als eine Spur zäh, zu langsam. Nach diesem nicht ganz idealen Beginn vermochte mich die Dirigentin aber den ganzen Abend hinweg zu überzeugen.

Fazit: eine musikalisch und szenisch überzeugende Produktion, die vom Publikum mit grossem Beifall, zuletzt rhythmischem Klatschen, begeistert aufgenommen wurde.

Alex Eisinger

 

 

 

 

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