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BERLIOZ: SYMPHONIE FATASTIQUE / LÉLIO OU LE RETOUR À LA VIE – Riccardo Muti dirigiert das Chicago Symphony

25.10.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

Berlioz BERLIOZ: SYMPHONIE FATASTIQUE / LÉLIO OU LE RETOUR À LA VIE – Riccardo Muti dirigiert das Chicago Symphony Orchestra&Chor, Gérard Depardieu als Sprecher – CSO Live 2 CDs

Die als Episode eines Künstlers bekannte Koppelung zwischen der teils obsessiven Programmmusik der Symphonie Fantastique und dem Lélio (Finale und Abschluss) bilden einen „gewagten Mix aus Autobiographie und Fantasy, Symphonie und Theater, Musik und Literatur.“ Das Chicago Symphony Orchestra ist wieder einmal luxuriöser Mittler dieser Geschichte um eine verzweifelte Künstlerliebe und die Gedanken, die sich daran knüpfen. Unser Künstler schreckt ja nicht einmal davor zurück, sich in einen Opiumrausch zu versetzen, der ihn in einer schrecklichen Vision seiner eigenen Hinrichtung beiwohnen lässt. Diese bislang unerreichte Frau in Berlioz‘ Leben hatte auch einen Namen, Harriet Smithson. Sie hat ohne eigenes Zutun Berlioz Kopf so verdreht, dass er um nicht zu platzen, Musik schrieben musste, die bis dahin absolut unerhört war. Später ist sie dann seine (nicht letzte) Frau geworden. Es wäre nicht Riccardo Muti, dem schöngeistigsten unter den Dirigenten, wenn er die Sache nicht behutsam und gefühlvoll, klassisch ebenmäßig und wohlproportioniert anginge. Er nimmt dadurch der Symphonie das Vordergründige des Programmmusikcharakters und macht absolute Musik daraus. Das Orchester spielt ihm jeden Wunsch von den Lippen ab und wir erleben eine wunderbar fein gearbeitete, gut entwickelte, stringente Interpretation dieser Partitur ohne in allzu subjektive Abgründe zu verfallen, ohne (allzu) grelle Akzente zu setzen und große Dämonie zu suggerieren. Mutis Ernsthaftigkeit zeitigt eine Wiedergabe, in der man eher auf die fabelhaften Strukturen und die berauschende Instrumentation lauscht als auf gesuchte Effekte und die Schicksalhaftigkeit der Erzählung. Alles bleibt im symphonisch vorgegebenen Rahmen, in der überwiegenden Duftigkeit der Aufnahme erinnert vieles an Mendelssohn, ohne auf einen kräftig gewürzten Schluss verzichten zu müssen. Muti bringt letztlich das gewisse Etwas von Berlioz klingendem Kosmos genuin zur Geltung. Dennoch möchte ich auf die Referenz-Aufnahmen mit Pierre Monteux (Wiener Philharmoniker; Decca) und Igor Markevich (Lamoureux Orchester; Deutsche Grammopgon nicht verzichten müssen. 

Auf dem Programm des Konzertes, das live Ende September 2010 aufgenommen wurde, stand auch Lélio, dieses einzigartige Wort-Musik Hybrid, das Berlioz erst zu einem Star und Publikumsliebling machte. Wie von Berlioz vorgeschrieben, agierte das Chicagoer Orchester hinter einem Vorhang, welcher  nur zu Ende gelüftet wurde. Das ergibt auch den besonderen Sound und die Live-Atmosphäre, die sich auch in der Erzählung widerspiegelt.

Lélio ist eine Zusammenstellung von sechs Kompositionen, die Berlioz bereits vollendet hatte und durch gesprochene Texte verbunden werden: Goethes Ballade „Der Fischer für Tenor“ und Klavier Solo, ein Chor aus der Kantate „Cléopatre“, das Lied der Räuber für Bassbariton und Männerchor, zwei Nummern aus „La Mort d‘Orphée“  und ein Larghetto für Orchester. Das Finale bildet eine Fantasie aus Stimmen und Orchester auf Shakespeares „Der Sturm“. Während die Solisten (Mario Zeffiri Tenor, Kyle Ketelsen Bariton) leider nur durchschnittlich agieren, ist Gérard Depardieu als Erzähler ganz in seinem Element. Seinetwegen allein lohnt das Anhören. Als extremer Gegenpol zu Mutis klassizistischer Attitüde deklamiert, schreit, röchelt, haucht der exzentrische Star den Text, dass es eine Freude ist. Plastisch zum Greifen gerät seine Verzweiflung als Alter Ego des Komponisten und sein dem Wort selbst entrungenes Pathos. Der Chor ist ohne Fehl und Tadel. Am Ende kann der liebeswunde Held wiederaufleben kraft  der heilenden Kraft der Musik und Literatur (Shakespeare). Die unerwiderte unglückliche Liebe kann schließlich durch Musik überwunden in in Kreativität gegossen werden. Ein schönes Gleichnis, dessen Moral der Musikfreund vorbehaltlos gut heißt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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