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BERLIN/Staatsoper im Schillertheater: LA BOHÈME. Das Traumpaar Joseph Calleja und Sonya Yoncheva sorgt für Momente ganz großer Oper

17.01.2016 | Oper

BERLIN/ Staatsoper im Schillertheater LA BOHÈME, 16.1.2016

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Copyright: Monika Rittershaus

Das Traumpaar Joseph Calleja und Sonya Yoncheva sorgt für Momente ganz großer Oper

Passend zum Ambiente von La Bohème schneit es in Berlin. Und zwar heftig, die Stadt ist mit einer dicken Schneehaube bedeckt. Die Wetterkapriolen haben jedenfalls dazu beigetragen, dass sich die beiden Stars des Abends vor der Aufführung als mit „einem Grippevirus kämpfend“ ansagen ließen. Glücklicherweise war während der Aufführung abgesehen von versteckten Hüsteln des Tenors nichts von einer stimmlichen Indisposition der beiden wohl aktuell größten Sänger in diesem Fach zu merken. Der stimmliche Glanz, den der strahlende und die Puccinischen Kantilenen traumwandlerisch singende Joseph Calleja verströmt, gibt alleine schon der Aufführung jene besondere Note, die das Herz der Melomanen höher schlagen lässt. Gesellt sich dann noch eine Mimi vom Kaliber der Sonya Yoncheva dazu, dann hat man wohl heute eine Traumbesetzung, die nach den Maßstäben von vor 35 Jahren dem Duo Pavarotti/Freni entsprochen hätte. Das „Oh suave fanciulla“, die Arien der beiden, der Schluss des vierten Aktes geraten zu magischen Augeblicken großer Oper. Die ja für viele der einzige Grund sind, warum man immer wieder in die Musentempel geht und auf solche „begnadete Augenblicke“ wartet. Auch wenn man oftmals enttäuscht von dannen zieht ohne dieses Aufstellen der Nackenhaare, dieses Kribbeln im Körper, dieses beinahe physische Erlebnis vollendeten Kunstgesangs. Sony Yoncheva ist jetzt schon eine Marke für sich, jeder Vergleich zu historischen Größen verbietet sich. Sie singt ausdrucksstark, das Wort in einer perfekten Italianità ausdeutend (hier ließen sich eventuell Parallelen zu Scotto ziehen), mit belkantesker Phrasierung und blühendem Legato in den Dienst eines romantischen Verismo gestellt. Freilich sind es Eisblumen, von denen dieses das Jungsein zelebrierende Stück handelt.

Die 15 Jahre alte grosso modo werkgetreue Produktion der Lindy Hume geht gleichzeitig vom Rückwärtsgewandten, der Erinnerung aus. Eine euphorische Nostalgie in den beiden ersten Akten und melancholische Reue in den beiden letzten scheinen diese Oper zu bestimmen. Nostalgie und Reue: die Farben verbleichender Fotos, das Chiaroscuro der Seele. Das „Addio, senza rancor“ der Mimi als Programmatik einer Inszenierung. Das ergibt auch die ansprechende optische Seite der Inszenierung (Bühnenbild Dan Potra, Kostüme Carl Friedrich Oberle), die Schönheit im Verfall mit der Karge sorgenloser Armut verbindet.

Leider kann der junge Dirigent Domingo Hindoyan (1. Assistent von Daniel Barenboim) die an ihn gestellten Erwartungen nicht erfüllen. Die Staatskapelle Berlin klingt dann bedauerlicherweise auch so, wie er dirigiert: im geraden Zweiertakt geschlagen, eher derb statt impressionistisch raffiniert, eher knallig denn von innen her knospend, eher nach militärischem Marsch als nach einem großen traurigen Liebeslied. Der in Caracas geborenen Hindoyan kann mit solch einer Leistung seinem Landsmann Gustavo Dudamel künstlerisch nicht das Wasser reichen.

Auch die Sängerinnen und Sänger der restlichen Partien kommen über (manchmal nicht einmal gepflegtes) Mittelmaß nicht hinaus: Ärgerlich ist die in der Mittellage arg tremolierende, in der Höhe messerscharfe Stimme der Anna Samuil als Musetta. Der Marcello des Arttu Kataja sollte im vierten Akt zumindest im Takt mit Rodolfo singen und nicht das schöne Duett durch Verschleppen gefährden. Zu Gyula Orendt als Schaunard, Jan Martinik als Colline fällt mir nur ein, dass in diesen Partien gehörig Luft nach oben besteht. Ich möchte hier absichtlich nicht an Besetzungen erinnern, die ich in diesen Rollen etwa in Wien erleben durfte. Dafür belohnt Olaf Bär in bester Erich Kunz‘scher Manier mit einem intensiv berührenden Kammerstück des Vermieters Benoit. 

Dank der beiden großartigen Sänger Calleja und Yoncheva, die natürlich auch das hohe C am Ende des ersten Aktes mühelos sangen, konnte man die Aufführung aber dennoch in weiten Teilen vorbehaltlos genießen und sich in den großen Momenten der beiden dankbar vom Wunder Oper überwältigen lassen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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