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BERLIN/Staatsoper: GÖTTERDÄMMERUNG

11.03.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Berlin/ Staatsoper: „GÖTTERDÄMMERUNG“, 10.03.2013


Iréne Theorin als Brünnhilde, Ian Storey als Siegfried. Foto Monika Rittershaus

 Premieren bringen nicht immer wahre Wonnen. Selbst gestandene Sänger und ihre Leistungen leiden dann gelegentlich unter Nervosität. Manchmal fragt man/frau sich auch, ob ausreichend geprobt wurde.

All’ das möchte ich der „Götterdämmerung“, mit der die Staatsoper (in Koproduktion mit dem Teatro alla Scala di Milano) nun Wagners „Ring“ beschließt, nicht unterstellen. Jedenfalls fühle ich mich bei dieser dritten Aufführung nach der Premiere (am 3. März) musikalisch sehr gut bedient und kann manch harsche Premierenkritik nicht ganz teilen.

Die Inszenierung – wiederum von Guy Cassiers – gefällt mir allerdings ebenso wenig wie das Bühnenbild, das er zusammen mit Enrico Bagnoli entworfen hat. Hinzu kommt, dass die Zuschauer diesmal mit Videos (Arjen Klerkx, Kurt D’Haeseleer) förmlich überflutet werden.

Solche Bebilderung hat zwar den Vorteil, dass keine Kulissen gewechselt werden müssen. Doch spätestens im 3. Akt gerät diese Untermalung in kitschiges Fahrwasser. Während die drei verführerischen Rhein-Nixen (Aga Mikolaj, Maria Gortsevskaya und Anna Lapkovskaja) den kraftstrotzenden Siegfried vergeblich um den Nibelungenring bitten und vor dessen Fluch warnen, taucht auf der Videowand schon das Gesicht eines schreiend Sterbenden auf.

Noch zweifelhafter wird diese Illustrierung bei Siegfrieds Tod. Während er nach dem von Hagen gereichten Wahrheitstrunk wieder innig „Brünnhilde, heilige Braut“ haucht, spaziert auf der Videowand eine nackte Schöne in Rückenansicht umher.

Für die Beleuchtung ist Mit-Bühnenbildner Enrico Bagnoli verantwortlich und versetzt die drei spinnenden Nornen quasi ins Rotlichtmilieu. Ein Ärgernis ist auch und erneut die läppische Tanzerei im Volkshochschulenstil, die den Namen Choreographie nicht verdient. Meint denn ihr Schöpfer – immerhin Sidi Larbi Cherkaoui – das wäre für Wagner gerade gut genug?

Teils unpassend, teils lieblos wirken die Kostüme (wiederum von Tim Van Steenbergen), was nach der Kleiderordnung bei der „Walküre“ nicht verwundert. Die Jagdgesellschaft, verkörpert vom stimmstarken Staatsopernchor (unter Eberhard Friedrich), trägt Pelzfetzen wie vom Müllhaufen. Und Hagen sieht aus wie einer, der sich die Kleidung irgendwo zusammen gesammelt hat.

Dagegen müssen die Damen – neben ihren anspruchsvollen Gesangspartien – meterlange Schleppen an ihren Roben bewältigen. Wo waren wohl diese Stoffberge unter dem Panzer der schlafenden Walküre versteckt?

Doch eine solch routinierte Darstellerin wie Iréne Theorin meistert selbst diese überflüssige Herausforderung mit Grandezza und ist gesanglich die Überraschung des Abends! Anders als in „Walküre“ und „Siegfried“ wird ihr kräftiger Sopran niemals Ohren zerreißend schrill. Das anfängliche Tremolo weicht bald einem ruhigen Stimmfluss mit intensivem Ausdruck.

Selbst wenn sie als die von Siegfried an Gunther verschacherte Ex-Geliebte alle emotionalen Register zieht, muss man/frau sich diesmal nicht erschreckt ducken. Ihr wunderbares und deutlich artikuliertes Piano geht direkt ins Herz. Eine diesmal großartige und überzeugende Leistung.

Jan Storey als Siegfried kann nicht immer voll mithalten, hat aber volumenmäßig (verglichen mit seiner Tristan-Rolle an der Staatsoper) hörbar zugelegt. Zwar verlangt gerade der 3. Aufzug viel von jedem Siegfried-Interpreten. Dennoch scheint sich Storey zuvor nicht auffällig zu schonen. Andererseits trumpft er keineswegs unnötig auf. Feinfühlig und mit perlendem Tenor berichtet er vom Waldvöglein, das ihm in der Jugend den Weg gewiesen hat. Ganz zart singt er schließlich die letzten Liebesworte an Brünnhilde.

Darstellerisch gibt er zuvor eher den Schwerenöter, der seine früheren Liebesschwüre angesichts der hübschen Gutrune sofort vergisst. Wagner bemüht für diesen abrupten Sinneswandel Hagens K.o.-Tropfen, damit Siegfrieds Helden-Image makellos bleibt.

Den Hagen singt Mikhail Petrenko mit rundem tiefem Bass. Vermutlich ist er aber noch zu jung, um die volle Kraft des Bösen in diese Rolle zu investieren. Seine Boshaftigkeit kommt eher mit cleverer Beiläufigkeit daher, jedoch mit gekonnter Häme. Voller Power ertönt dagegen sein Jagdruf Hoi! Ho!

Noch mehr an Häme bringt Johannes Martin Kränzle als Alberich ins ungute Spiel. Fabelhaft, wie er das „Schläfst du, Hagen, mein Sohn?“ jedes Mal anders abschattiert. Ein Könner in dieser relativ kleinen Rolle.

Die des Gunther verlangt wohl noch mehr an wechselnder Anpassung. Doch Gerd Grochowski gelingt es sehr gut, diesen Möchtegern-Mann zu singen und zu spielen. Einen, der zu allem „Ja“ sagt und das bei Eintritt der Katastrophe (Ermordung Siegfrieds) nicht wahrhaben will. Ein willenloses Werkzeug in Hagens Händen und hinterher nur noch ein Häufchen Elend ob all’ der erlittenen Schmach.

Eine weitaus bessere Haltung bewahrt – dem Stück gemäß – Gutrune, hier bei der aparten Marina Poplavskaya in bester Kehle. Selbstbewusst mit erhobenem Kinn, blitzenden Augen und strahlendem Sopran bietet sie der Konkurrentin Paroli. Außerdem singt sie zusammen mit Margarita Nekrasova und Marina Prudenskaja die 3. Norn.

Marina Prudenskaja hat ebenfalls noch eine weitere Aufgabe. Als Walküre und frühere Schwester Brünnhildes muss auch sie gegen Frau Theorin antreten. Mit nuancenreichem Organ und intensivem Spiel versucht sie, diese zur Herausgabe des Nibelungenrings (bekanntlich Siegfrieds Liebespfand) zu bewegen, um so die Götterwelt zu retten. Das Zusammenspiel der beiden Frauen wird ein Glanzpunkt, und das Publikum belohnt Marina Prudenskaja zuletzt mit besonders herzlichem Beifall.

Den größten Applaus ernten jedoch und völlig verdient Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin. Sie haben – zusammen mit den Sängern – Wagner mit Verve und Hingabe verwirklichlicht.

Ursula Wiegand

Eine weitere Aufführung am 21. April. Den gesamten „Ring“ in Folge gibt es dann bei den Staatsoper-Festtagen im März 2014.

 

 

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