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BERLIN/Konzerthaus: Paavo Järvi mit Radu Lupu und der „Leningrader“

09.11.2016 | Konzert/Liederabende

Berlin/Konzerthaus: Paavo Järvi mit Radu Lupu und der „Leningrader“, 08.11.2016

Die Staatsoper im Schiller Theater wählt für ihre Konzerte seit längerem zwei Aufführungsorte nacheinander, die Philharmonie und das Konzerthaus am Gendarmenmarkt. In letzterem spielt an diesem zweiten Abend die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Paavo Järvi. Solist am Flügel:der rumänische Pianist Radu Lupu. Vermutlich ist seinetwegen der Andrang so groß, wurde doch dieser stille Künstler schon als Schamane oder Zen-Meister bezeichnet. Das macht neugierig.
Lupu interpretiert Beethovens „Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll“ op. 37. Mit diesem Werk, uraufgeführt im April 1803 im Theater an der Wien, hatte Beethoven neue Pfade eingeschlagen und die zuvor übliche Bevorzugung des Solisten beendet. Seither behandelte er Orchester und Pianist als gleichberechtigte Partner. Dialog statt Dienst am Solisten.

Radu Lupu (c) Matthias Creutziger
Radu Lupu. Copyright: Matthias Creutziger

Dem siebzigjährigen Radu Lupu kommt das entgegen. Der verfolgt auch einen anderen Weg als viele seiner Kolleginnen und Kollegen. Ihm geht es nur um die Musik und ihren Inhalt, nicht um Show. Schnellen Schrittes eilt er zum Flügel, doch erst nach der langen Orchestereinleitung darf er sich kraftvoll ins Allegro con brio einschalten, um dann zart und mit angenehm sparsamem Pedaleinsatz fortzufahren, so als lausche er hinein in die kristallklar perlenden Töne. Den Kontakt zum Publikum sucht er nicht und spielt, als säße er allein in seinem Zimmer.
Mal fügt er kleine Rubati ein, dann wieder hebt er kurze Passagen oder die Begleitstimme heraus. Das lyrische Largo, gelingt ihm sehr schön, insbesondere der Dialog mit den Holzbläsern. Und wie sanft steigt er von einem längeren Triller herab ins Melodiöse. Beim geschwinden Rondo, pendelnd zwischen Fröhlichkeit und Trauer, geht’s schon mal daneben, den Gesamteindruck trübt das kaum. Zuletzt viel Beifall, doch zu einer Zugabe kann sich Radu Lupu nicht entschließen.

Zum Ereignis wird dann die  „Leningrader“, Dmitri Schostakowitschs berühmte „Sinfonie Nr. 7 C-Dur“ op. 60, die übrigens schon vor der Belagerung Leningrads in Arbeit war. Schostakowitsch selbst sagte dazu: „Ich habe nichts dagegen einzuwenden, dass man die Siebte die Leningrader nennt. Aber in ihr geht es nicht um die Blockade. Es geht um Leningrad, das Stalin zugrunde gerichtet hat. Hitler setzte nur den Schlusspunkt.“

Doch die „Leningrader“ traf den Nerv der Zeit, obwohl Schostakowitsch seine Bezeichnung der 4 Sätze mit  „Krieg – Erinnerungen – Heimatliche Welten – Sieg“ zurückgezogen hatte. Nach der Uraufführung am 5. März 1942 in der Sowjetunion eroberte sie die Musikwelt in Ost und West, als heraus geschmuggelte Partitur (auf Mikrofilm) in den USA, wo sie am 19. Juli 1942 in New York von Toscanini aufgeführt wurde.

Sie packt noch immer, zumal wenn sie mit solch einem Furor und Können dargeboten wird wie an diesem Abend. Und leider ist das in ihr verewigte Kriegsgeschehen auch nach wie vor aktuell.
Beim mächtigen Beginn in C-Dur scheint noch Frieden zu herrschen, doch schon bahnt sich die Katastrophe an, zu deren Illustrierung Schostakowitsch unüberhörbar an Ravels „Bolero“ anknüpft. Angst kommt auf, wenn Paavo Järvi und die Staatskapelle – getrieben von der Trommel – diesen dissonanten Invasionshorror in 18 Variationen immer krasser vorantreiben. Schostakowitsch macht beim extrem lauten Höhepunkt, anders als Ravel, aber nicht Schluss. Der Krieg ging ja weiter.
Das alles wird von der brillant aufspielenden Staatskapelle mal Nerven zerfetzend, mal voller Trauer oder mit spürbarem Dennoch-Lebenswillen in allen Aspekten realisiert. Die späteren, fratzenhaft verzerrten Tanzrhythmen ebenso wie Erschöpfung und scheinbare Ruhe. Die superfeinen Piani vom 1. Konzertmeister Wolfram Brandl, ein wunderbares Bratschen-Solo und die gelungenen Pizzicati unter Führung der Cellisten sowie das Engagement der Bläser bleiben im Gedächtnis.

Deutlich wird schließlich, dass trotz des wiederkehrenden mächtigen Anfangsthemas in C-Dur dem guten, siegreichen Ende auch nicht ganz zu trauen ist. Eine packende, heftig bejubelte Glanzleistung.   

Ursula Wiegand

 

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