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BERLIN/Komische Oper/ Staatsballet: „VIELFÄLTIGKEIT. FORMEN VON STILLE UND LEERE“,

03.04.2015 | Allgemein, Ballett/Tanz

Berlin/ Staatsballett in der Komischen Oper: „VIELFÄLTIGKEIT. FORMEN VON STILLE UND LEERE“, 02.02.2015

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Michael Banzhaf als Bach, Giuliana Bottino als Cello-Frau, Foto Fernando Marcos

Nacho Duato, seit August 2014 Intendant des Staatsballetts Berlin, präsentiert in der Komischen Oper seine zweite Arbeit: „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“ zur Musik von Johann Sebastian Bach.

Die gute Nachricht zuerst: diese Choreographie ist weit besser als sein altbacken wirkendes Dornröschen, mit dem er im März in Berlin startete. „Vielfältigkeit“ ist tatsächlich die richtige Bezeichnung und erlaubt den Tänzerinnen und Tänzern Schritt- und Bewegungsvariationen in bisher kaum betätigten Ausmaß.

Deutlich nutzen sie diese neuen Freiheiten, setzen offensichtlich auch alles exakt um, was ihnen Duato abfordert. Der aber profitiert von der Trainingsarbeit, die sein Vorgänger, Vladimir Malakhov, geleistet hat. Duato konnte eine total fitte Truppe übernehmen, die alles leisten kann und es an diesem Abend bestens beweist. Nach einigem Zwischenbeifall ist starker Schlussapplaus der verdiente Lohn.

Die zweite, weniger gute Nachricht: diese Choreographie ist 16 Jahre alt, hat Duato sie doch 1999 für die damalige Europäische Kulturhauptstadt Weimar geschaffen und ist später damit durch Europa getourt. Vielleicht ein werdender Klassiker? Kaum. Eher ein wieder verwendetes Abendkleid, das nun in Berlin frisch aufgebügelt wird und so als neu durchgeht. (Offenbar hat Duato einen äußerst freundlich formulierten Vertrag, der ihm solches erlaubt und ihm keine bestimmte Zahl an Neu-Inszenierungen pro Saison vorschreibt). Erst am 14. Mai – dann in der Staatsoper (nicht in der großen Deutschen Oper) – bietet er mit Duato/Kylián seine erste Choreographie fürs Staatsballett Berlin.

Bachs wunderbare Musik liefert leider nur der Tonträger. Auch wird kein vollständiges Werk interpretiert, sondern ein Medley im Wechsel von langsam und schnell. Die Palette besteht u.a. aus den Goldberg-Variationen und Auszügen aus den Brandenburgischen Konzerten. Sonaten und Orgelwerke dienen ebenfalls als Tanzgrundlage.

Generell ist Bachs Musik sehr zum Tanzen geeignet, aber ein gefährliches Terrain. Leicht rutschen solche Choreographien – je nach der Geschwindigkeit der Stücke – Richtung Kitsch oder hastigen Wirrwarr. Diese Gefahr wird hier dank der fitten Compagnie weitgehend vermieden, aber nicht immer.

Dass hier Johann Sebastian (Michael Banzhaf) im Barockkostüm und mit weißer Perücke (Kostüme: Nacho Duato in Zusammenarbeit mit Ismael Aznar) auf anfänglich kahler schwarzer Bühne (Jaffar Chalabi) oft nur herumstolzieren muss, ist eine Idee von vorgestern. Viel zu selten darf er seine tänzerischen Qualitäten herzeigen und seine Gefühle ausdrücken.

Dass Banzhaf dann seine Partnerin (Giuliana Bottino) bei Bachs Cello-Suite Nr. 1 als Instrument behandeln und ihr „Ganzkörper-Streicheinheiten“ verpassen muss, wirkt auf die einen lustig, auf andere unangenehm, zumal sie später als seine Frau agiert. In dem anschließenden Bach-Bilderbogen kann die Compagnie solche Entgleisungen wettmachen. Alle tanzen mit viel Rhythmusgefühl, die Herren in zumeist spritzig-sportiven Interpretationen. Temporeiches bieten auch die Damen im Wechsel mit geschmeidig-sinnlichen Passagen.

 Der zweite Teil – „Formen von Stille und Leere“ – bringt Bachs „Kunst der Fuge“ ins tänzerische Spiel. Die quicklebendige Darbietung einer 7-köpfigen knackigen Herrenriege zur „Toccata für Orgel d-Moll, BWV 538“ erntet sofortigen Beifall. Mit einem expressiven Pas de deux überzeugen Elisa Cabrillo Cabrera und Rishat Yulbarisov.

Den weiblichen Tod im durchsichtigen Oberteil, schwingendem schwarzen Rüschenrock und halber Gesichtsmaske tanzt Weronika Frodyma. Eine überzeugend Aggressive, die Johann Sebastian seine junge Frau aus den Armen reißt. Danach hockt er verzweifelt da, bis auch ihn der Tod ereilt.

Historisch stimmt das nicht und muss wohl unter „künstlerische Freiheit“ verbucht werden. Als Maria Barbara, seine erste Frau, verstarb, war Bach erst 35. Seine 2. Frau, Maria Magdalena, überlebte ihn um 10 Jahre. Dennoch führt diese Umdichtung zu einer berührenden Version von Abschied und Verlust.

Die beiden letzten Bachwerke werden vom Ensemble getanzt, während die übrigen auf einem dreistöckigen Metallgerüst im Bühnenhintergrund aufwärts wandern, vermutlich direkt in den Himmel. Na ja. Solche Details stören die Zuschauer keineswegs. Die freuen sich zu Recht über die tollen Tanzleistungen des Staatsballetts Berlin und applaudieren heftig.

Ursula Wiegand

 Weitere Aufführungen: 18. und 29. April, 05. Mai, 01., 03., 22. und 29. Juni.

Karten per Mail: tickets@staatsballett-berlin.de

 

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