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BERLIN/Deutsche Oper/ Staatsballett Berlin: MAILLOT | MILLEPIED

04.02.2017 | Ballett/Tanz

Berlin/Deutsche Oper/ Staatsballett Berlin: MAILLOT | MILLEPIED,  03.02.2017

Altro Canto, von Maillot, mit Ekaterina Petina (l) und Aurora Dickie (r), Photo Yan Revazov
Altro Canto von Maillot, mit Ekaterina Petina (l) und Aurora Dickie (r), Photo Yan Revazov

Zwei renommierte Franzosen unterschiedlichen Alters entwickelten die beiden neoklassischen Choreographien dieses Doppelabends. Von Jean-Christophe Maillot, dem langjährigen Intendanten der Ballets de Monte-Carlo im Fürstentum Monaco, stammt das 1. Stück, der feierlich strenge „Altro Canto“ (= anderer Gesang) aus dem Jahr 2006.

Auf schwarzer Bühne (konzipiert von Rolf Sachs) beginnt das Geschehen, erhellt von nur einer Kerze zwischen zwei Tänzerinnen, deren Arme und Finger deren flatterndes Licht nachahmen. Im Hintergrund frühbarocke Musik von Claudio Monteverdi, Biagio Marini und Giovanni Girolamo Kapsberger, leider nur vom Tonträger. Aurora Dickie und Ekaterina Petina biegen sich dazu graziös in einem Damen-Pas de deux.

Bald füllt sich die Bühne mit Tänzern. Die erwecken den Eindruck, als seien sie Kloster-Novizen, die trotz der feierlichen Klänge und rituellen Messgesänge ihre versteckten Aggressionen ebenso ausdrücken wie ihr Bedürfnis nach Liebe. Einen ungestüm-zärtlichen Männer-Pas de deux bringen Kévin Pouzou und Alexej Olenco (in ihren Rollendebüts) eindrucksvoll auf die Bretter. Dass einige von ihnen Röcke tragen, die Damen jedoch Hosen zu edlen Korsagen, verstärkt den ambivalenten Eindruck, den Modezar Karl Lagerfeld mit seinen Kostümen erweckt.

Bald ein Mehr an Kerzen, die sich an den Wänden verteilen (Licht: Dominique Drillot), denn nun erscheint Elena Pris. Wie eine Göttin schreitet sie über die zu Stufen geformten Hände von acht Männern, wird so – von zwei weiteren gehalten – tatsächlich auf Händen getragen. Wird dann jedoch senkrecht empor gestemmt, danach in der Waagerechten getragen, wobei sie ihren Körper auch mal in Schwingungen versetzt. Schon das ist eine exzellente Leistung.

Allgemeines männliches Begehren wird spürbar, trotz der weihevollen Musik. Sie aber wählt den kleinen Schüchternen im Röckchen – Vladislav Marinov – als Partner. Doch beide haben sichtlich Angst vor der Liebe, winden sich umeinander, die Hände und Gesichter oft ganz dicht beieinander, ohne sich tatsächlich zu berühren.

Zärtlich greift der junge Mann rückwärts und streichelt plötzlich doch ihr Gesicht. Dann ein Kuss, und beide schrecken auseinander. Insgesamt ein sehr feines, tief empfundenes und unvollendet bleibendes Liebesspiel in einer geheimnisvollen fremden Welt. Berührende Szenen jenseits des Alltäglichen und für mich der Höhepunkt des Abends.

Daphnis et Chloé, Ensemble, Photo Yan Revazov
Daphnis et Chloé, Ensemble, Photo Yan Revazov

Andere sehen das offenbar anders, wie der deutlich stärkere Jubel nach dem 2. Stück kundtut. Das ist verständlich, denn Benjamin Millepied setzt in seiner Choreographie „Daphnis et Chloé“ aus dem Jahr 2013 – hier eine Deutschland-Premiere – auf Licht und Farben. Der Sommer scheint sich anzukündigen, wie schön an diesem grau-kalten Winterabend.

Livemusik gibt’s dazu auch: die „Symphonie chorégraphique“ von Maurice Ravel, mal süffig, mal knackig gespielt vom Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Marius Stravinsky. Der Extrachor des Hauses komplettiert diesen Klangteppich, auf dem sich diese spätantike ländliche Liebesstory wunderbar tanzen lässt, in weißen, schwingenden Schönwetter-Gewändern (Kostüme: Holly Hynes) unter den wechselnd farbigen Kreisen, Quadraten und Rechtecken des Konzeptkünstlers Daniel Buren.

Daphnis und Chloé sind zwei Findelkinder, die sich auf einem Dorffest ineinander verlieben, hier überzeugend verkörpert von der schönen Elisa Carrillo Cabrera und dem drahtigen Arshak Ghalumyan. Der, ein fitter Tänzer, wirkt bei seinem Rollendebüt anfangs etwas angespannt, doch bald wirbeln die beiden nur so übers Parkett.

Daphnis et Chloé, Dinu Tamazlacaru und Elisa Carrillo Cabrera, Photo Yan Revazov
Daphnis et Chloé von Millepied, Dinu Tamazlacaru und Elisa Carrillo Cabrera, Photo Yan Revazov

Dass sich auch andere Männer für Chloé interessieren und andere Frauen für Daphnis glaubt man/frau bei diesem Paar sofort. Denis Vieira als Konkurrent Dorcon und Iana Balova als peppige, verführerische Lycéion überzeugen ebenfalls auf ganzer Linie. Da sind auch noch die schwarz gekleideten Piraten mit ihrem Häuptling, der Chloé gekapert hat und mit weiten Sprüngen über die breite Bühne fegt. Das ist „natürlich“ Dinu Tamazlacaru.

Daphnis hat die Entführte aufgespürt, eilt mit seiner Geliebten vondannen. Nun tanzen beide strahlend lächelnd umher. „Love is in the air“. In der Original-Geschichte hat es damit allerdings seine Schwierigkeiten. Den endgültigen Schritt trauen sich beide lange nicht, wissen gar nicht, wie das so geht.

Zuletzt haben sie doch noch kapiert, was zu tun ist. Das zeigen ihre nun roten Gewänder ebenso wie die besonders zärtlichen Pas de deux. Und nicht erst jetzt wird das zur perfekten Show à la Hollywood. Was andererseits auch nicht verwundert, denn Millepied choreographierte den Film „Black Swan“ und hat die Hauptdarstellerin und Oskar-Preisträgerin Natalie Portman geheiratet. Der grübelt nicht und bringt, was gut ankommt.

Ursula Wiegand

Weitere Vorstellungen am 10. und 11. Februar sowie am 14.und 17. März

 

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