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BERLIN/Deutsche Oper: ROMEO UND JULIA – Staatsballett Berlin – Premiere

10.02.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Berlin, Staatsballett: Premiere „ROMEO UND JULIA“, 9.2.2012


Jana Salenko als Julia, Marian Walter als Romeo, Foto Bettina Stöß.

Er springt auf die Bühne und strahlt. Das ist Romeo, der junge Liebhaber. Noch bevor er das Herz von Julia gewinnt, hat er – Marian Walter – schon die Zuschauer in der vollbesetzten Deutschen Oper Berlin erobert.

Optimismus strahlt er aus und überzeugt im Verlauf der folgenden  Stunden durch anhaltende Ausdrucksintensität und sein tänzerisches Können. Noch nie in all’ den Jahren habe ich ihn so locker und präsent erlebt. Und auch noch nie so voller Innigkeit im Zusammenspiel mit seiner liebreizenden Partnerin (und Ehefrau) Jana Salenko.

Die Leistung der beiden ist umso mehr zu bewundern, da sie fast in letzter Minute bei dieser mit Spannung erwartete Premiere von „Romeo und Julia“ eingesprungen sind. Eigentlich sollten Nadja Saidakova und Mikhail Kaniskin dieses weltbekannte Liebespaar tanzen. Eine Verletzung von Nadja machte das zunichte. 

Doch Marian Walter und Jana Salenko erweisen sich als vollwertiger Ersatz und passen auch von ihrer Jugend her bestens in die Rollen. Zugute kommt ihnen und allen anderen insbesondere die großartige Choreographie von John Cranko. Die war 1962 der Start für das durch ihn ausgelöste „Stuttgarter Ballettwunder“. Endlich, nach 50 Jahren, ist seine legendäre Schöpfung nun in Berlin zu sehen, neu eingerichtet von Georgette Tsinguirides, Crankos  Ballettmeisterin und langjährige Wegbegleiterin.

Die großen Unterschiede zu den Arbeiten anderer Choreographen werden sofort deutlich. Fades „Nummernballett“ vermeidet Cranko gründlich, und selbst die Massenszenen haben bei ihm Witz und eine innere Logik.

Perfekt gelingen die rasanten, sicherlich vielfach geprobten Fechteinlagen, ein Augenzwinkern Richtung der Mantel- und Degen-Filme. Und während der Ball von Julias Mutter, der eleganten Gräfin Capulet (Beatrice Knop), ein betont steifer Event in edelsten Goldroben ist (neue Ausstattung von Thomas Mika), strotzt der Karneval des einfachen Volkes nur so vor Schabernack und Lebensfreude.  

Besonders klar hat Cranko die Charaktere der einzelnen Personen herausgearbeitet, und sie werden von den Interpreten auch konsequent dargestellt. So machen es beispielhaft die drei unternehmungslustigen jungen Männer aus der rivalisierenden Montaque-Familie, die mit Masken den Ball besuchen und sich später auch unters feiernde Volk mischen. Neben Marian Walter sind das Dinu Tamazlacaru als Mercutio und Alexander Shpak als Benvolio.  

Speziell der Part des fröhlich-frechen Mercutio ist mit Dinu Tamazlacaru haargenau besetzt. Seine fabelhaften Sprünge werden sofort mit Zwischenapplaus belohnt. Vom finsteren Tybalt (Wieslaw Dudek), einem Neffen der Gräfin Capulet, wird er schließlich tödlich getroffen. Als Einer, der den Tod weglächelt und  noch schnell die Frauen abknutscht, gelingt ihm darüber hinaus eine bemerkenswerte Charakterstudie. Ebenfalls überzeugend Michael Banzhaf als  Graf  Paris, der von den Eltern für Julia ausgewählte Ehemann. Klar, dass auch er sich gleich in das grazile Püppchen verliebt.

Taktgenau passen sich überdies die Schritte und Bewegungen der Tänzer der Musik von Serge Prokofieff an. Das Orchester der Deutschen Oper bringt sie unter der Stabführung von Guillermo García Calvo gut zum Klingen. Der Maestro mag allerdings harte Kontraste. Beim Beginn des dritten Aktes wäre mir weniger Lautstärke lieber gewesen.

Naturgemäß sind es vor allem Romeo und Juli, die die Aufmerksamkeit bannen. Konzentriert wie selten folgen die Zuschauer dem Fortgang der eigentlich bekannten Handlung. Jana Salenko zaubert ein Lächeln in die Gesichter, als sie mit ihrer Amme (Charlotte Butler) herumalbert.

Als zarte Kindfrau, die sich Hals über Kopf verliebt und deswegen den Eltern trotzt, ist sie ebenfalls aller Sympathien sicher. Wie zwei verliebte Katzen tollen dann Romeo und Julia nach der heimlichen Trauung umher.

Wie sie ängstlich diese Julia immer wieder zögert, ehe sie den Zaubertrank des Priesters an die Lippen setzt, der sie in eine Scheintote verwandeln soll. Und wie tapfer rammen sich die Verzweifelten, bekanntlich einem Irrtum erliegend, zuletzt nacheinander den Dolch in den Leib.

Das Publikum ist fühlbar fasziniert, erlebt es trotz der opulenten Kostüme doch nicht Ballett als Show, sondern als ein überzeugend getanztes Schauspiel. Nach dem tatsächlich todtraurigen Ende und einer kleinen Denkpause explodiert der Jubel und hält lange an. Die zahlreichen jungen Zuschauer kieksen vor Begeisterung. Besseres kann sich Intendant Vladimir Malakhov, als aufmerksamer Zuschauer in der Loge sitzend, gar nicht wünschen.   

Ursula Wiegand

Weitere Aufführungen am 12. und 17. Februar, in anderer Besetzung – mit Polina Semianova und Friedemann Vogel (Gast aus Stuttgart) – am 2. März sowie am 6. und 9. April.

 

 

 

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