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BERLIN/ Staatsoper: TOSCA – Puccini überlebt die neue „Tosca“

07.10.2014 | KRITIKEN, Oper

Berlin/ Staatsoper: Giacomo Puccini überlebt die neue „TOSCA“, 2. Vorstellung, 06.10.2014

Unbenannt
Tosca mit Michael Volle, Anja Kampe, Foto: Hermann und Clärchen Baus

Eigentlich spricht rein gar nichts dagegen, eine 38 Jahre alte Inszenierung durch eine modernere zu ersetzen, doch bitte mit einer, die überzeugt. Das aber gelingt bei der neuen „Tosca“ an der Staatsoper im Schillertheater nur musikalisch. 

Denn Alvis Hermanis, zur Zeit ein gefragter Regisseur, lässt diese sattsam bekannte Herz-Schmerz-Sex-and-Crime-Story, wie er es gerne tut, auf zwei Ebenen ablaufen. Auf der Bühne sehen wir Floria Tosca und die Herren im Outfit der Puccini-Zeit, oben drüber läuft das Libretto gemäße, tatsächliche Geschehen von 1800 als pausenloser Quasi-Comic (Bühnenbild und Kostüme: Kristine Jurjane).

Zur Veranschaulichung der diversen Örtlichkeiten (Kapelle, Palazzo Farnese, Engelsburg) wäre das – als Kontrast zum Einheitsbühnenbild darunter – noch akzeptabel, doch die Personen, die da oben stumm agieren, werden schnell mehr als lästig. Wer den deutschen Text  verfolgen möchte, muss stets über diesen Dauer-Stummfilm hinweg nach oben blicken und kann den zumeist blöden Bildern nicht ausweichen. Dass diese Zutat außerdem gehörig ablenkt, versteht sich von selbst.

Allerdings verpassen die Zuschauer drunten auf der Bühne an Handlung nicht allzu viel.  Hermanis lässt die Personen herumstehen oder sitzen, was dem dicklichen Tenor Fabio Sartori (als Mario Cavaradossi) spürbar gelegen kommt.

Selbst bei der Schlüsselszene in Scarpias Regierungssitz, als dieser (Michael Volle mit kräftigem, wohl geführtem Bariton) die verzweifelte Tosca erpresst und angeblich voller Besitzgier bedrängt, äußert er sein  Begehren meterweit von ihr entfernt im Sessel sitzend! Passend dazu findet sich nach der Folterung kein einziges Theaterbluttröpfchen auf des Malers weißem Hand.   

Genau so blutleer erscheint Hermanis gesamte Inszenierung. Will er uns Heutigen ganz cool klarmachen, dass die Interpreten eine altmodische Schnulze mit verteilten Rollen „vorlesen“, oder ist ihm nicht mehr dazu eingefallen? Dass Tosca (Anja Kampe mit leuchtendem Sopran) ihren Mario liebt, wird zwar deutlich, doch hier verschwendet sie ihre Gefühle an den Falschen. An einen, der zwar behauptet, er liebe sie, das aber mit keiner Geste beglaubigt. Sartori, wie schon in anderen Stücken erlebt, kann eigentlich nur singen, aber nicht schauspielern. Das ist heutzutage zu wenig.

Michael Volle hingegen, der sängerisch voll überzeugt und sehr wohl eine Rolle gestalten kann, darf es offenbar nicht. Er scheint aber auch vom Charakter her nicht zum Despoten zu taugen. Sein „Va, Tosca!“ am Ende des 1. Aktes müsste wesentlich triumphaler und gewalttätiger daherkommen. Liegt das auch an Regievorgaben? Denn insgesamt gesehen hat der lettische Regisseur keinen Draht zu Puccini und eine seiner beliebtesten Opern gefunden.

Erst beim Beinahe-Liebesakt Tosca – Scarpia endet diese sonderbare Distanziertheit, ist doch Anja Kampe eine temperamentvolle Darstellerin. Hier wird sie sogar zur treibende Kraft. Ihr „Vissi d’arte, vissi d’amore“ singt keine Verzweifelte im stillen Kämmerlein. Vielmehr liebkost sie bei diesen Versen den Wüstling derart, dass er sich ihr quasi ergibt.

Nach der Störung durch einen Boten bietet sie sich ihm sogar von hinten dar, ersticht ihn beim Vollzug und hackt dann wollüstig mit dem Messer immer wieder auf ihn ein. Eine Tosca, nicht erschreckt über ihre Tat, sondern als stolze Frau. Mit schiefem Siegerlächeln sitzt sie nach der Tat eine Weile in Scarpias Regierungssessel. 

Selbstverständlich singt dann Sartori noch den Hit „E lucevan le stelle“, zeigt aber bei Toscas unverhofftem Erscheinen kaum Überraschung und Glück. Auch liebkost er keinesfalls ihre blut besudelten Hände und investiert wenig Lyrik in seine Partie. Zuletzt darf er wie einst Pavarotti auf einem Schemel Platz nehmen und wird vom Gefängniswärter durch Genickschuss getötet. Eine der wenigen Ideen von Hermanis.

In weiteren Rollen mit akzeptablen Leistungen: Tobias Schabel als echt hagerer Flüchtling Cesare Angelotti, Jan Martiník als Mesner, Florian Hoffmann als Spoletta, Maximilian Krummen als Sciarrone, Grigory Shkarupa als Kerkermeister und der Knabe Jakob Buschermöhle als Hirt.

Insgesamt nimmt das Publikum diese Inszenierung gelassen und hält sich klugerweise an Puccini. Tosca läuft immer, die Vorstellung ist ausverkauft. Überdies retten ihn und sein Werk – neben den Hauptinterpreten – vor allem Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin. Erstmals in seinem langen Dirigentenleben entdeckt Barenboim Puccini für sich und hat hörbar Freude an dieser für ihn neuen Bekanntschaft.

Nur an den erforderlichen Stellen lässt er das intensiv musizierende Orchester aufschäumen, vermeidet im Laufe des Abends mehr und mehr die anfangs noch durchschimmernde Wagner-Affinität. Er und die Seinen erhalten schließlich und zu Recht den meisten Beifall. Die Silbermedaille geht verdientermaßen an Anja Kampe ab, der ebenfalls der Weg von Wagner zu Puccini gelingt. Für den Chor unter Martin Wright ist solch eine Flexibilität eh keine Frage.   

Ursula Wiegand

 

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