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BERLIN/ Staatsoper: Staatsballett, „RATMANSKY /WELCH“, zwei bejubelte Deutsche Erstaufführungen

23.03.2014 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Berlin/ Staatsoper: Staatsballett, „RATMANSKY /WELCH, zwei bejubelte Deutsche Erstaufführungen, 22.03.2014

Vladimir Malakhov, Mikhail Kaniskin, Foto Bettina Stöß
Vladimir Malakhov, Mikhail Kaniskin, Foto Bettina Stöß

Zwei völlig unterschiedliche Stücke, beide Deutsche Erstaufführungen, prägen diesen Abend und bescheren dem Staatsballett Berlin einen in diesem Ausmaß ungewöhnlichen Jubel. Die sich dermaßen äußernde Begeisterung hat ihren Grund, zeigen doch die Solisten und die gesamte Compagnie all’ das aufs Beste, was sie sich während der 10jährigen Intendanz von Vladimir Malakhov an technischem Können und darstellerischer Kompetenz erarbeitet haben. Denn beide Choreographien sind höchst anspruchsvoll, werden aber leichtfüßig auf die Beine gestellt. Auf wirbelnde Tanzbeine.

Den Anfang macht „CLEAR“ von Stanton Welch, das der Australier, schockiert vom Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001, gleich danach für das American Ballet Theatre geschaffen hatte (Uraufführung dort am 25.10.2001).

Bei dem Versuch, dieses schreckliche Ereignis tänzerisch zu bewältigen, baut Welch auf zwei Werke von Johann Sebastian Bach: das „Konzert für Violine und Oboe in c-Moll BWV 1060 sowie auf den ersten und zweiten Satz des Violinkonzerts in g-Moll BWV 1056. Eine Musik, die in ihrer Klarheit über die Augenblickskatastrophe hinausweist, die tröstet und Wege in die Zukunft aufzeigt. Die Staatskapelle Berlin unter Paul Connelly mit Thorsten Rosenbusch (Violine) und Fabian Schäfer (Oboe) bringen sie mustergültig.

Stanton Welch, seit 2003 künstlerischer Leiter des Houston Ballet, hat das Werk für 7 Tänzer und eine Tänzerin konzipiert, also für 7 Männer und 1 Frau. Kann das gut gehen? Das innewohnende Konfliktpotenzial wird besonders in den geschwinden Allegro-Sätzen deutlich. Hier müssen die Tänzer über das klassische Ballettrepertoire hinaus die Füße ungewöhnlich flink Bachs strengen Rhythmen anpassen, gekleidet in ebenso strengen Kostümen (Michael Kors), die keinen Fehltritt verschleiern. Den gut trainierten Herren gelingt das mit Ausdruck und Eleganz.

Zu den Sieben gehört selbstverständlich Vladimir Malakhov als fitter „Linksaußen“ (vom Saal her gesehen). Beim anschließenden Adagio tanzt er zusammen mit Mikhail Kaniskin. Schön anzusehen, wie die beiden miteinander harmonieren. Auch Arshak Ghalumyan, Vladislav Marinov, Ulian Topor und Dominic Hodal überzeugen. Doch einer wird zum Star dieser Aufführung: Marian Walter.

Elisa Carrillo Cabrera, Marian Walter, Foto Bettina Stöß
Elisa Carrillo Cabrera, Marian Walter, Foto Bettina Stöß

Verschwunden ist manch frühere Nervosität, der steht jetzt im Zenit seines Könnens, ist durchtrainiert von den Haarspitzen bis zu den Zehen und kann bei entsprechenden Rollen alles in den Ausdruck investieren. Hier wird er eindeutig zum Mittelpunkt.

Die einzige Frau – die attraktive Elisa Carrillo Cabreratritt zunächst nur gelegentlich auf, die Männer scheinen sich mehr um Karriere und Einkommen zu kümmern. Erst allmählich lässt Welch in ihnen – den 11. September noch vor Augen – das Bewusstsein dafür wachsen, was wirklich wichtig ist, nämlich die Liebe. Zuletzt triumphiert sie tatsächlich, dargeboten in einem atemberaubenden Pas de deux der beiden „Hauptdarsteller“ Elisa und Marian. Ein tänzerisch mit ungewöhnlichen Hebefiguren bestücktes, risikoreiches Zusammenfinden zweier Menschen, kulminierend in einem innigen Kuss und mit brausendem Beifall belohnt.

 Rainer Krenstetter als umschwärmter Matrose, Foto Bettina Stöß
Rainer Krenstetter als umschwärmter Matrose, Foto Bettina Stöß

Einen völlig anderen Charakter hat der zweite Teil: „NAMOUNA – Ein großes Divertissement“ von Alexei Ratmansky, uraufgeführt am 29. 04.2010 vom New York City Ballet.

Ratmansky, jahrelang beim Bolschoi Ballett als Tänzer, Choreograph und Ballettdirektor tätig und damals ein Weggefährte von Malakhov, hat sich seither zu einem international gefragten Choreographen entwickelt.  Warum – das zeigt dieses Werk.

Namouna ist eine Sklavin, und das lesend, lässt zunächst Altbackenes befürchten. Nicht aber bei Ratmansky. Vielmehr nutzt er mit Witz und Humor die gestrenge klassische Ballett-Tradition Europas zu einer perfekten Persiflage, hier mit Charme und Können verwirklicht von sieben Solisten/Innen sowie 20 Tänzerinnen und Tänzern.

Schon die Musik von Édouard Lalo, komponiert 1882, gibt den Takt vor. Anfangs schelmisch tänzelnd entwickelt sie sich bei noch leerer Bühne schließlich zu einer übertrieben brausenden Ouvertüre.

Anschließend sehen wir eine typische Haremsszene. Die Damen der Compagnie schweben mit schwarzen Lockenperücken und in langen hellgelben Gewändern (Kostüme: Rustam Khamdamov/ Marc Happel) herein, umkreisen betont neckisch die hockende Sklavin (Iana Balova). Doch alsbald dreht sich ihr ganzes Interesse nur noch um einen hübschen jungen Matrosen, einen Strahlemann auf Frauensuche, den wohl jede Mutter gerne als Schwiegersohn hätte: Rainer Krenstetter.

Der hüpft und tanzt bei bester Laune während der gesamten Dauer munter auf der Bühne umher, gerät aber doch ab und zu in Bedrängnis. Denn der Andrang der Schönen wird oft gar zu heftig. Selbstbewusste, Zigaretten rauchende Frauen sind es, großartig und herrlich ironisch getanzt von Nadja Saidakova, Elena Pris und Sarah Mestrovic. Doch so sehr sie ihn umgarnen, festhalten lassen sie sich von ihm keineswegs!

Einsam bleibt der Matrose zurück, muss sogar vor einer Horde maskierter Böser (vielleicht Haremswächter) die Flucht ergreifen. Der Anführer der Verkleideten macht besonders weite, energische Sprünge. Das ist Ulian Topor.

Das absurde Geschehen in einzelnen, geschwind aufeinander folgenden Szenen – von Ratmansky aus gutem Grund als „großes Divertissement“ bezeichnet, ist jedoch kein Nummernballett im üblichen Sinne, sondern eine höchst amüsante Spielanordnung, an der die Tänzerinnen und Tänzer trotz des fordernden rasanten Tempos ebenso viel Spaß haben wie das Publikum. Technisch ist das alles höchst anspruchsvoll, wirkt aber wunderbar unbeschwert.

Zuletzt agiert Namouna (Iana Balova) mit einer Freundin (Stephanie Greenwald) auf leerer Bühne, auf der sich bald auch der Matrose einfindet. Nun werden er und die Sklavin doch noch ein Paar und tanzen einen tollen, temporeichen Pas de Deux.

Ja, so lustig verspielt kann Klassik auf Bestniveau sein, und so gut kommt das in der ausverkauften Staatsoper im Schillertheater beim Publikum an! Tosender, lang anhaltender Applaus ist der höchst verdiente Lohn, der bei Iana Balova und Rainer Krenstetter noch um einige Phon anschwillt. Blumensträuße fliegen auf die Bühne, und ein besonders großes Bouquet überreicht Malakhov seinem gefeierten Freund Ratmansky.

Unbedingt hingehen! Weitere Aufführungen 26. und 30. März sowie 04., 05., 08. und 21. April.   

Ursula Wiegand

 

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