Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BERLIN/ Staatsoper: SIEGFRIED – Premiere

04.10.2012 | KRITIKEN, Oper

Berlin, Staatsoper im Schillertheater: Premiere „SIEGFRIED“, 03.10.2012

 
Iréne Theorin, Lance Ryan. Foto: Monika Rittershaus

Mit der Premiere von „Siegfried“ ist nun Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ an der hiesigen Staatsoper sozusagen in die 2. Halbzeit gegangen, doch ein großer Wurf im Vorfeld des Wagner-Jahres 2013 ist der leider bis jetzt nicht geworden. Das liegt vor allem an der Inszenierung und dem Bühnenbild von Guy Cassiers sowie an dem grauslichen Zottelpelzwerk, das Tim Van Steenbergen dem Alberich und dem Wanderer (Wotan) zumutet.

Doch Umfeld hin, Umfeld her – am wichtigsten sind und bleiben die Sänger, und von denen fallen die meisten positiv auf. Den Siegfried singt Lance Ryan, momentan der „Heldentenor vom Dienst“, der allenthalben zum Einsatz kommt und fürs nächste Jahr wohl voll ausgebucht ist. Seine kräftige Stimme setzt er wohl dosiert ein, fährt sie offenbar absichtlich nicht immer voll aus. Ihm geht es ums Gestalten.

Anrührend gelingen insbesondere die Passagen, wenn er von seiner nie gekannten Mutter spricht. So das nachdenkliche „So starb meine Mutter an mir?“ im 1. Akt, nachdem er dem Mime seine eigene Herkunft abgepresst hat.

Auch im 3. Akt bringt er solche Sätze, ja Hilferufe an seine Mutter, sehr einfühlsam, um dann beim Werben um die aus langem Schlaf wach geküsste Brünnhilde schließlich mit voller Kraft aufzudrehen.

Doch zurück zu Mime, interpretiert von Peter Bronder, der mich durchaus überzeugt. Seinen Tenor versteckt er, der Rolle entsprechend, oft hinter hämischen Tönen. Ryan und er, dieses ungleiche Paar, ziehen darstellerisch alle Register. Ryan spielt und singt gekonnt den schwer erziehbaren Waisenjungen, der gar nicht weiß, wohin mit all’ seiner Kraft und seinem Übermut.

Der kann den hässlichen Mime keinesfalls lieben, selbst wenn der das einfordert. (Nebenbei bemerkt: ist es nicht allen Lobes wert, einen hilflosen Säugling aufzuziehen? Dass der Junge ihm später nützlich zum Erreichen des begehrten Ringes sein könnte, hatte der Zwerg anfänglich wohl kaum im Kalkül). Jedenfalls agieren Lance und Bronder mit soviel Witz und Körpersprache, dass in diesem ersten Akt – mit einer bald um 90 Grad geklappten Sitzgarnitur als Spielort – keine Langeweile aufkommt.


Johannes Martin Kränzle (Alberich). Foto: Monika Rittershaus

Der Beste von allen ist zweifellos Johannes Martin Kränzle als Alberich. Dessen Stimme füllt die Staatsoper im Schillertheater mühelos und mit echtem Wohllaut, selbst wenn er hämische Schärfe ins Spiel bringt. Wie fein er seine Passagen abschattiert! Schon nach dem 2. Akt erhält er kräftigen Beifall und geht auch aus dem Schlussapplaus als Sieger hervor.

Mit heller Stimme zwitschert Rinnat Moriah das Waldvögelein, versteckt sich derweil zwischen den Bäumen. Die bzw. der Wald sind im „Siegfried“ ohnehin fast ständig präsent. Nun werden Blattwerk und Stämme effektvoll mit wechselnden Farben ausgeleuchtet (Licht: Enrico Bagnoli). Ein Plus dieser Aufführung.

Unfreiwillig komisch wirken dagegen die wallenden Tücher, die den Riesenwarm Fafner ankündigen. Vor allem, wenn plötzlich zu sehen ist, dass sie von Tänzern bewegt werden. Den wabernden Wogen entsteigt schließlich Mikhail Petrenko und der bringt seinen Riesen-Bass gut zur Geltung.

À propos Tanz. Die Choreografie von Sidi Larbi Cherkaoui ist einfallslos und läppisch, der „Schwertertanz von den Damen um Siegfried wirkt lächerlich. Ein Ballett dieser Art ist überflüssig, aber vielleicht soll eine solche Zutat und manch anderes den Besuchern der Mailänder Scala (als Co-Produzent) gefallen.

Zum Schmunzeln gerät auch das Erscheinen der Erda im 3. Akt, die in einem weißen Abendkleid einem ebenfalls weißen Vorhangsgebilde entsteigt, das vom Boden zur Decke emporgezogen wird. Zunächst kauert Anna Larsson darin wie in einem Kuschelbett, gibt dann aber dem Wanderer stehend und mit schönem Alt ihre Antworten.

Dieser Wanderer ist eine tragische Figur, nicht nur bei Wagner, sondern auch was den Sänger, Juha Uusitalo, betrifft. Der Finne hatte einen Gehirnturmor und hat eine schwere Operation hinter sich. Voll bei Kräften ist er offensichtlich noch nicht und hält sich in den ersten beiden Akten stark zurück. Mitunter wackelt auch die Intonation. Er spart seine Kraft für die Herausforderungen des 3. Aktes. Dennoch – der Wanderer/Wotan muss Power haben. Dass er ein verkleideter Gott ist, wird hier nicht hörbar.

 Und die Brünnhilde? Die singt die Wagner-erfahrene Iréne Theorin, aber mit starkem Tremolo. Während ihr noch immer ein feines Piano gelingt, lassen die heraus geschleuderten Spitzentöne zusammenzucken, und der letzte geht sogar total daneben.

Allerdings hat es das Liebespaar in dieser Schlussphase schwer. Frau Theorin liegt auf einem rund 1 ½ m hohen Felsen, an dem Siegfried ständig hinauf- und hinunterklettern muss. Ein äußerst riskantes „Möbel“ mit Unfall-Potenzial.

Dem sportlichen Kanadier gelingt das ohne Mühe. Der spring auch mal aus dieser Höhe auf den Boden, achtet aber bei dieser Klettertour merkbar auf seine Schritte. Von hinten gibt es offenbar eine Treppe, doch viel Platz ist auf dem Felsbrocken und seinem Plateau nicht.

Frau Theorin hat damit deutlich mehr Mühe, zumal sie noch eine Robe mit langer Schleppe bändigen muss, die sie angeblich unter dem Panzer getragen hat. Sich trotz solcher Behinderungen auf das Singen zu konzentrieren, macht sicherlich Mühe. (Die kriegerischen Walküren müssen sich in der gleichnamigen Oper unter demselben Regie-Team ebenfalls mit solch unlogischen und unpraktischen Stoffbahnen abplagen).

Dennoch gewinnt dieser 3. Akt durch das intensive und bewegliche Spiel von Lance Ryan, der sehr glaubwürdig den schüchternen, von dieser Frau emotional überwältigten Jüngling darstellt. Kompliment, wie schließlich beide auf dem schmalen Felsplateau stehend, ihre Passagen bewältigen.

Der Schlussbeifall gilt vor allem der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim. Nach den düstern, recht gedehnt gestalteten ersten beiden Akten legt er das Ruder herum und lässt mit den Seinen den wesentlich lichter komponierten dritten Akt prächtig aufblühen.

Zuletzt halten sich die Buhs fürs Regieteam erstaunlicherweise in Grenzen, der Applaus und die Zustimmung für die Sänger insgesamt ebenfalls. Es ist fast Mitternacht, das Publikum will schnell nach Hause. Weitere Termine: 06. und 10. Oktober, um 18:00 Uhr.

Ursula Wiegand

 

 

Diese Seite drucken