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BERLIN/ Staatsoper: MANON LESCAUT – der Film floppt. Premiere

05.12.2016 | Oper

Berlin/Staatsoper: Puccinis „MANON LESCAUT“, Premiere, der Film floppt, 04.12.2016

Anna Nechaeva als Manon Lescaut, Foto Matthias Baus
Anna Nachaeva als Manon Lescaut. Copyright: Mathias Baus

„Manon Lescaut“ als Hollywood-Tragödie. Warum nicht? Von der Idee her passt das. Also hat Regisseur Jürgen Flimm diese weltbekannte Romanze in ein Filmstudio verlegt und sie so Ende 2014 für das Mikhailovsky Theatre in St. Petersburg inszeniert. Nun die Premiere dieser Version in der Staatsoper im Schiller Theater.

Wir sehen Kameras, Kabel und Komparsen in den Studios von „Sunset Motion Pictures“ (Bühnenbild George Tsypin). Später kreist ein Edel-Gemach im Hintergrund, das neue Umfeld für Manon, die durchs Bett Karriere macht. „Sunset“ stimmt dennoch. Ihr Schwanken zwischen Luxus- und Liebesgier führt in die Katastrophe, ihre Lebenssonne geht schnell unter.

Anna Nechaeva
, Ensemblemitglied des Moskauer Bolshoi-Theaters, verkörpert die Titelpartie, eine schöne junge Frau im langen weißen Kleid (Kostüme Ursula Kudrna). Sie entsteigt einem roten Sportwagen und sitzt dann oft filmüblich vor dem Schminktisch.

Riccardo Massi in der Rolle des schwärmerischen Renato Des Grieux ist hier einer der Komparsen. In diesem Job kennt er sich übrigens als früherer Stuntman aus, und dieses Training kann er bald gut brauchen.

Aber geht es am Set wirklich so langweilig zu, wie es hier gezeigt wird? Vor allem in einer der Schlüssel-Szenen? Als Manon erneut mit ihrem heiß geliebten Des Grieux fliehen will, rennt sie keineswegs hektisch hin und her, um noch schnell all’ ihren Schmuck zusammenzuraffen. Und Des Grieux, schon die Verfolger hörend, packt sie nicht etwa am Arm, um sie mit sich fortzureißen.
Nein, die beiden sitzen auf zwei Stühlen nebeneinander, sie mit der juwelengefüllten Handtasche auf dem Schoß. So singen sie recht emotionslos ihre Passagen. Repetieren sie gerade ihre Songs? Möglich. Die 4 braven Revuegirls (Choreographie Gail Skrela) bringen auch keinen Pepp ins Nicht-Geschehen.

Flau bleiben selbst die eigentlich traumatischen Aktionen bei der Verladung der Frauen auf das Deportationsschiff. Anna Nechaeva irrt offenbar durch Sitzreihen im Kino, erscheint aber keineswegs völlig verstört. Nur Massi, der um jeden Preis bei seiner Manon bleiben will, wirkt glaubwürdig. Insgesamt bleibt die Dramatik auf der Strecke.

Nicht nur die, sondern auch Puccinis wunderbare Musik. Denn der aus St. Petersburg mitimportierten Stabführer Mikhail Tatarnikov, dort Chefdirigent des Mikhailovsky Theatre, fordert der Staatskapelle Berlin vornehmlich Lautstärke ab. Von Dramma lirico, Puccinis Untertitel für diese Oper, kaum eine Spur. Dieser Musikfilm floppt.

Denn abgesehen vom Staatsopernchor, einstudiert von Frank Flade, kann sich nur Riccardo Massi mit seinem markigen Tenor gegen die undifferenzierten Orchester-Klangmassen durchsetzen. Der bringt eine großartige Stimme mit Belcanto-Qualitäten inklusive einiger Schluchzer ins reichlich öde Spiel, ein Organ mit Timbre und strahlenden Höhen.

Die übrigen gehen bei diesen Orchesterwogen stimmlich beinahe auf Tauchstation. Anfangs bleibt selbst Roman Trekel in der Rolle des umtriebigen Lescaut recht blass. Noch mehr fällt das bei Franz Hawlata als Geronte de Ravoir auf, hier ein reicher Filmproduzent, der sich das Starlet mit Brillis gekauft hat. Stephan Rügamer als Edmondo punktet etwas besser.

Anna Nechaeva als Manon Lescaut, Riccardo Massi als Renato Des Grieux auf dem Schiff, Foto Matthias Baus
Anna Nachaeva und Riccardo Massi. Copyright: Mathias Baus

Und Anna Nechaeva? Zunächst kann sie mit Massis volumigem Tenor nicht mithalten, ist manchmal kaum zu hören. Zudem verliert ihr in der Mittellage angenehmer Sopran beim „Höhenflug“ deutlich an Wohlklang, neigt dann zum Tremolo und bekommt eine kratzige Beimischung. Sie hat die Rolle schon in St. Petersburg gesungen. Ist sie hier ein Opfer der vom Dirigenten verursachten Schallwellen? – In weiteren Rollen die Opernstudiomitglieder Dominic Barberi, Natalia Skrycka, Miloš Bulajić, Vincenzo Neri und David Oštrek.

Nach einem ersten, recht nervigem Video (von Robert Pflanz) mit Großgesichtern der Protagonisten als Untermalung beim Zwischenspiel, lässt das offenbar dokumentarische Filmmaterial vom Börsencrash 1929 in New York aufmerken. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist pleite, Armselige stehen vor den Bankschaltern Schlange.

In dieses Wirtschaftsdesaster gelangen die beiden Liebenden. Öde Straßen, kein Studio weit und breit. Wasser gibt’s in dieser Stadt sonderbarerweise auch nicht.

Hier nun, bei ihrem Endlos-Duett um Liebe, Leben und Tod überzeugen alle beide. Jetzt ist Puccini zu hören, zumal Nechaevas Sopran deutlich an Stärke und Ausdruckskraft gewinnt. Massi berührt mit verzweifelten, nie übersteuerten Ausbrüchen. Dieses echt hochdramatische Ende versöhnt ein wenig. Durch die leeren Straßen schleicht noch ein einsamer Fotograf, der das Kameralicht auf die sterbende Manon richtet.

Trotz dieses Aufschwungs zu guter Letzt ist der Schlussbeifall kurz und müde, durchsetzt mit deutlichen Buhs fürs Regieteam. Das Liebespaar erhält den meisten Applaus, Massi alleine viel zu wenig.    

Ursula Wiegand

Weitere Vorstellungen am 8., 11., 16., 19. und 22. Dezember 2016

 

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