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BERLIN/ Staatsoper: LA FANCIULLA DEL WEST „Das Mädchen aus dem goldenen Westen“). Premiere

14.06.2021 | Oper international

Premiere als Stream: Giacomo Puccinis „Das Mädchen aus dem goldenen Westen“ („La fanciulla del west“) in der Staatsoper am 13.6.2021/BERLIN

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Foto: Youtube

Ein Sturm bestimmt die Stimmung

In der Inszenierung von Lydia Steier (Bühnenbild: David Zinn) wird das raue Leben in der kalifornischen Sierra mitsamt den Wirbel- und Schneestürmen schonungslos dargestellt. So sieht man gleich zu Beginn vor dem Vorhang einen Büffel stehen – und im Hintergrund der Bühne baumeln Erhängte. Dann nimmt man die Silhouette einer Variete-Tänzerin wahr. Es kommt sogar zu Feuerausbrüchen. Ein großes leuchtendes Herz sinkt langsam herab – es ist gerade so, als ob die Regisseurin Mitgefühl mit den vom Schicksal gebeutelten Männern zeigen möchte. Die Goldsucher befinden sich in stetigem Kampf mit verwegenen Räubern. Als einzige Frau bietet ihnen Minnie (die junge Wirtin der Bar „Zur Polka“) Paroli. Sie sorgt sich auch um das seelische Wohl der manchmal schwierigen Gäste, was bei der Inszenierung deutlich zum Vorschein kommt. Das mondän-laszive Bar-Leben wird hier gleichsam karikiert.

Den Führer der am meisten gefürchteten Räuberbande, Ramerez, der sich als Johnson vorstellt, erkennt sie zunächst nicht. Sie verrät den inzwischen Schwerverwundeten allerdings nicht, sondern verbirgt ihn in ihrer Wohnung. Es kommt zwischen Minnie und dem Sheriff Rance zu einer Pokerpartie um das Leben des Räuberhauptmanns, die Minnie im letzten Augenblick doch noch für sich entscheidet. Obwohl er dem Sheriff entwischen kann, fällt Johnson nach  einiger Zeit wieder unter die Goldgräber. Diesmal will man kurzen Prozess  mit ihm machen. Doch sie stellt sich schützend vor den Geliebten und beschwört jeden einzelnen Goldgräber, ihn am Leben zu lassen. Nach kurzer Zeit bindet man Johnson vom Baum los und der Senior der Goldgräber führt ihn Minnie zu. Die Liebenden nehmen Abschied von der Sierra und beginnen in der Fremde ein neues Leben.

Dies alles geschieht in der Inszenierung auf engem Raum, unterbrochen von starken Naturschilderungen und Schneestürmen, die auch die seelischen Prozesse der Protagonisten offenlegen. Hier liegt die Stärke dieser Inszenierung, die die Alpträume der Protagonisten einfängt. Manches szenisches Detail könnte allerdings auch noch präziser sein. Doch das brutale Klima unter den Männern erfährt eine schonungslose Darstellung.

Unter der subtilen Leitung von Antonio Pappano musiziert die Staatskapelle Berlin wie aus einem Guss. So kommt die aufwühlende Stimmung des Goldgräbermilieus in harmonisch heftiger Weise zum Vorschein. Stimmungsfarben und Bewegungsakzente übertragen sich auch auf die Sängerinnen und Sänger, die der impressionistischen Tönung dieser Musik mit ihren zahlreichen chromatischen Finessen in hervorragender Weise gerecht werden. Der Reichtum an Klängen wird immer wieder in eindringlicher Weise beschworen, die überwältigende melodische Fülle unterstreicht Pappano mit dem Orchester  in einfühlsamer Weise. Anja Kampe (Sopran) als Minnie wird den überwältigend-schwärmerischen Kantilenen ihrer Partie in exzellenter Weise gerecht. Die melodische Kraft der Gesangslinie ist hier beeindruckend. Und auch Marcelo Alvarez (Tenor) als Dick Johnson beeindruckt das Publikum aufgrund seiner strahlkräftigen Spitzentöne, was sich nicht nur beim Arioso „Lasset sie glauben“ in Ges-Dur zeigt. Ein Höhepunkt der Aufführung ist das Schlussbild mit der Rettung Johnsons vor dem Galgen. Hier fährt zunächst ein Auto herein – und der verwundete Johnson wird dabei vom Sheriff nochmals heftig attackiert. Als Jack Rance bietet auch Michael Volle (Bariton) eine packende gesangliche Leistung.

In weiteren Rollen überzeugen Stephan Rügamer (Nick), Lukasz Golinski (Sonora), Jan Martinik (Ashby), Grigory Shkarupa (Jake Wallace), Siyabonga Maqungo (Trin), Jaka Mihelac (Sid), Adam Kutny (Bello), Florian Hoffmann (Harry), Andres Moreno Garcia (Joe) und Viktor Rud (Happy). Hinzu kommen noch David Ostrek (Larkens), Zilvinas Miskinis (Billy Jackrabbit), Natalia Skrycka (Wowkle), Frederic Jost (Jose Castio) und Spencer Britten (Postillon) als stimmungsvolles Ensemble. Der Herrenchor der Berliner Staatsoper überzeugt immer wieder mit fulminanten Einsätzen.

Antonio Pappano zeichnet mit der einfühlsam musizierenden Staatskapelle Berlin die pastellfeine Detailmalerei der Harmonik in suggestiver Weise nach. Dadurch erhalten die Sänger genügend Freiraum, um sich zu entfalten. Das italienische Opernmelos blüht so immer wieder neu auf – vor allem auch in den leidenschaftlich  gestalteten Liebesgesängen. Die überaus bewegliche und manchmal sogar explosive Rhythmik lässt sich allerdings nicht in starre Metren zwingen. Doch es entsteht unter Pappanos Dirigat eine geradezu explosive Stimmung, die an klangmalerischer Eindringlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Sehr präzis kommt auch die große Fülle der kleinen Themen und Motive zum Vorschein, die Antonio Pappano mit der Staatskapelle Berlin intensiv beleuchtet. Die Bedeutung des Leitmotivs wird eindringlich herausgestellt, selbst der in dieser Oper selten anzutreffende spielerisch-graziöse Charakter blitzt verwegen auf. Und die Intensität der Gefühlsspache erfährt keine sentimentale Deutung, sondern besticht mit erfrischendem Temperament, das sich auf die Sänger überträgt. Ovationen und begeisterter Schlussapplaus des Publikums in der immer noch spärlich besetzten Staatsoper. 

Alexander Walther

ZUM TRAILER (1 Minute)

 

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