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BERLIN/ Staatsoper im Schillertheater: ORFEO ED EURIDICE. Wiederaufnahme mit umjubeltem Rollendebüt von Max Emanuel Cencic

09.10.2016 | Oper

BERLIN / Staatsoper im Schillertheater: ORFEO ED EURIDICE – Wiederaufnahme, 8.10.2016

Umjubeltes Rollendebüt von Max Emanuel Cencic

„Ich Orpheus der Liebe müde und nur noch vom Gesang getragen verzagte als Euridice starb.“ Markus Lüpertz

Manchmal braucht gut Ding Weil. Erst mit der Wiederaufnahme ist die solide gearbeitete und szenisch spektakuläre Neuproduktion von Glucks Reformoper Orfeo ed Euridice in der Regie von Jürgen Flimm und in Bühnenbildern in Kooperation mit Frank Gehry Partners LLP, eine ganz und gar runde Sache geworden. 

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Copyright: Mathias Baus

Die Inszenierung ist als schmerzlicher Liebestraum Orfeos nach dem Tod der Euridice inszeniert. Der von Flimm in eine konkrete Lebenswelt geholte Mythos dreht sich aber auch um die Kunst und den Sänger, der kreative Kraft und Schönheit der Stimme aus Leid und Asche schöpft. Berührend, wie Orfeo am Schluss die schwarz verkohlten Überreste seiner Euridice aus dem Violinkasten auf die Erde streut. Kein Happy End, aber der Schlussstein eines Weges, der die Utopie der Liebe als Antrieb für Künste, Kreativität und Kultur begreift. 

Was er nicht alles erdulden muss dieser Orfeo. Noch im Krematorium wird Orfeo von drei Höllentypen entführt, wie ein Besessener auf die Bahre geschnallt, mit Messern attackiert, misshandelt und gequält. Dieses Bild gibt den Weg frei für Orfeos Traum, in dem Amor und Jupiter (stumme Rolle als Alter Ego Flimms?) ihm Euridice versprechen und dem thrakischen Sänger den Eintritt in den Hades ermöglichen. Damit er sie unter Gelübde des Schweigens und Nichtanblickens wieder auf die Erde zurückführe. 

Und da landet Flimm einen seiner größten Theatercoups überhaupt. In einer Art „Unterwelt- Stundenhotel“ treffen die beiden einander verloren geglaubten zum ersten Mal wieder aufeinander. Tja und wie das so ist, läuft dieses intime Stelldichein ganz anders ab als gedacht. Euridice will gleich „zur Sache“ und als Frau wahrgenommen werden, was Orfeo nicht darf. Ein hollywoodtaugliches tödliches eheliches Eifersuchtsdrama entspinnt sich, Euridice als zickig Frustrierte treibt es soweit, dass Orfeo seinen Schwur bricht und sie eine zweites Mal stirbt. Eine Flasche Bier und der billige Fernseher trösten. Eine geniale pralle Theaterszene, die der oratorienhaften Reformoper aus 1762 Leben und dramatische Kraft einhaucht. 

Das Bühnenbild, das mit einem Krematorium beginnt, verwandelt sich im zweiten Akt aus zwei mächtigen Eiswänden in eine spektakuläre Vision von Frank Gehry „Biomuseum in Panama“, auf dem sich eine hedonistische Gesellschaft in elysischen Wonnen ergeht. 

Überhaupt ist der Gegensatz des wie ein Schmerzensmann leidender Orfeo, der neben aller Gesellschaft und unverstanden von ihr seinen Weg gehen muss, ein starker Motor in Flimms Arbeit. Dazu braucht er auch einen Darsteller, der diese immens lange und schwere Titelrolle nicht nur singen kann, sondern auch in deren szenischer Übersetzung überzeugt. Beides ist bei Max Emanuel Cencic höchst gelungenem Rollendebüt der Fall. Die Stimme strömt ebenmäßig und bruchlos in allen Lagen, die langen Legatobögen machen die berühmte Arie „Che farò senza Euridice“ zu einem Ohrenschmaus. Cencic bei Countertenören so seltenes fleischige Timbre verfügt in der Mittellage über einen schönen Bronzeton, der die Gesänge Orfeos in ein glimmendes Abendlicht zu tauchen scheint. Das Duett mit der Euridice der Elsa Dreisig (eine wahre Entdeckung, welch strahlende Höhen und Theaterblut!) wird der Höhepunkt einer in sich musikalisch geschlossenen Aufführung. 

Dafür sorgt auch Dirigent und Alte Musik Spezialist Alessandro De Marchi, der nach Daniel Barenboim die musikalische Leitung übernommen hat. Die Staatskapelle Berlin spielt unter diesem Dirigenten so, als ob sie die Stilistik der Originalklangbewegung im kleinen Finger hätte. Flüssig gehts dahin in der so radikalen und selten aufgeführten und noch gekürzten Wiener Fassung. Die innere Dramatik, die Schnörkellosigkeit der Gluckschen Klangsprache kommen in der 80 Minuten pausenlosen Aufführung großartig zur Geltung. Von einem kleinen Spannungsabfall im zweiten Akt abgesehen, gelingt eine Aufführung wie am „am Knochen“, existentiell und wahrhaftig. Der höchst charmante Amor der Narine Yeghiyan als Deus ex machina tut das ihrige, um dem herben Zauber dieser Musik zu huldigen.

Das Publikum hat alle Protagonisten, Chor und Ballett der Staatsoper im Schillertheater am Schluss gehörig bejubelt. Ein Glücksfall!

Orfeo ed Euridice kann in in Berlin in genau dieser Konstellation noch am 13., 15. und 19. Oktober gehört werden.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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