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BERLIN/ Staatsoper im Schillertheater: LE NOZZE DI FIGARO. Susanna hat Husten und der Dirigent ist vorzeitig abgereist

16.11.2015 | Oper

BERLIN Staatsoper im Schillertheater Le Nozze di Figaro, 15.11.2015

Figaro fährt auf Sommerfrische, Susanne hat Husten und der Dirigent ist vorzeitig abgereist

 Musikalisch stand die Aufführung am Sonntag unter einem Unstern. Dirigent Gustavo Dudamel musste die letzte Aufführung in der von ihm zu dirigierenden Serie wegen eines unerwarteten Trauerfalls in seiner Familie verständlicherweise absagen und ist zurück in seine Heimat geflogen. Der für ihn eingesprungene italienische Kollege Michele Gamba, der die Produktion als Assistent mit betreut hatte, war leider kein annähernd ebenbürtiger Ersatz. So hölzern, bar von jedem Charme und Brio, und in den Finali verhetzt habe ich Figaro noch nie gehört. Ich weiß nicht, wieviel davon der Nervosität zuzuschreiben war, auf jeden Fall ist das Orchester den Anweisungen Gambas gefolgt, die teils so irritierend für die Sängerinnen und Sänger gewesen sein mussten, dass es leider oft rhythmisch im Gebälk gewackelt hat. Leider.

Denn die mediterran durchflutete, repertoiretaugliche, kluge Produktion des Teams Jürgen Flimm, Gudrun Hartmann (Inszenierung), Magdalena Gut (Bühnenbild), Ursula Kudrna (Kostüme) bietet ja eine erfreulich frische, „werktreue“, herrlich nicht-ideologische Sicht auf Mozarts Geniestreich Nummer eins. Da meine Online Merker Kolleginnen und Kollegen schon im Detail viel Zutreffendes und Präzises zur Produktion gesagt haben, möchte ich mich im Weiteren auf die musikalische Seite des Abends konzentrieren. Nur so weit: Ich finde die Idee, Figaro einmal nicht als politische Satire, Psychodram einer gescheiterten Ehe oder auch als reine italienische Buffooper zu inszenieren, bestechend gut. Insbesondere kann ich dem Blickwinkel auf das Paar Almavia als „Mid-life-Crisis-Schrullis“ einiges abgewinnen. Die daraus von Flimm/Hartmann abgeleitete Situationskomik ist der Sprit im flotten Motor der Inszenierung. Sensationell ist das Bühnenbild es vierten Akts, wo sich in die weiß-verblichenen Holzjalousinen-Atmosphäre eines spanischen Grand-Hotels der Zipfel einer Meeres-Dünenlandschaft schiebt. Eine bessere „Geographie der erotischen Irrungen und Wirrungen“ ist nicht vorstellbar.

Zum Leidwesen des Publikums, das die Abreise von Dudamel noch geräusch- und kommentarlos zur Kenntnis genommen hatte, wurde die Ankündigung der krankheitsbedingten Absage von Anna Prohaska als Susanne („der Wotan unter den lyrischen Sopranpartien“) von einem großen enttäuschten Murren begleitet. Die noch am Vortag im Schillertheater in Händels Trionfo del tempo e del disinganno als Belezza auf der Bühne gestandene Sylvia Schwartz hat kollegialerweise übernommen und sich den ganzen Tag in die Dramaturgie eingearbeitet. Über Einspringer soll man ja nichts Schlechtes sagen. Daher eine reine Fiktion: Falls Frau Schwartz regulär auf dem Spielplan gestanden wäre und eine solche Susanne abgeliefert hätte, dann hätte man folgende Beobachtungen anstellen können: Sie spielt gut und beherzt, hat sich quasi ohne Abstriche ins Ensemble gefügt und nach der Pause auch eine respektable stimmliche Leistung ohne Intonationsprobleme hingelegt. Im Vergleich zu allen Susannas, die ich bisher gehört habe, fehlt ihr aber der lyrisch blühende runde Schmelz in der Stimme, leichtgängige Höhen und tragende Piani, insgesamt Volumen und Dramatik, um diese lange Partie zur Freude auch der verwöhnten Mozart-Freunde singen zu können. Dennoch möchte ich festhalten, dass Frau Schwartz vom Publikum für ihren Einsatz am Ende vollkommen zu Recht vehement gedankt wurde.

Genauso wie bei Frau Schwartz kann man über die rein stimmlichen Qualitäten des estnischen Baritons Lauri Vasar als Figaro vortrefflich diskutieren/streiten. Wobei es hier mehr um eine Geschmackswertung in Zusammenhang mit der Frage des richtigen Figaro-Tyops geht. Vasar hat eine technisch perfekt funktionierende große, etwas „trocken timbrierte“ Stimme. Klar kann er den Figaro singen, so wie es in der Partitur steht. Aber genügt das? Speziell in den Arien braucht es doch auch etwas von verletztem männlichem Stolz, zärtlich-trotzigem Aufbegehren, etwas vom treuen Maulhelden. Diese Zwischentöne sind mir abgegangen. Dafür hat Vasar einen interessanten eher intellektuellen Figaro-Typ verkörpert, der auf jeden Fall kultivierter wirkte als der Figaro-Graf des Ildebrando d’Arcangelo. D’Arcangelo ist ein Traum von einem Figaro-Graf. Stimmlich mächtig viril wie Gerald Finley oder Erwin Schrott, bringt als „alternder beau“ so viel Spielfreude, Witz und leichtfüßige Komik in die Rolle, dass auf einmal der Graf im Mittelpunkt der Oper steht. Unerreicht, wie er den Laufsteg rund und vor dem Orchester als Bühne vor der Bühne nutzt und jeden Zoll nur das zahnlose Double eines Macho-Fieslings darstellt. Seine große Arie “Hai già vinta la causa” gerät zum vokalen Höhepunkt der Aufführung. Grandios!

Die hinreißendste Frauenstimme des Abends kommt von der Französin Marianne Crebassa als Cherubino d’amore. So jungenhaft frech, sexy und mit solch einem füllig kernigen wohlklingenden Mezzo gesegnet, avanciert sie rasch zum natürlichen Publikumsliebling. Noch die vertrackteste Pose und das wievielte Nachstellen dem wievielten „Weiberkittel“ hinterher geraten zum Fest des Lebens und der Lebensfreude, zur Unschuld im Lasziven. Ihre Arien sind ein Muster an kultiviertem, doppelbödig-sinnlichem  Mozartgesang. Kein Wunder, dass die gemeinsam nach der Nadel (als Zustellnachweis des Briefs) suchende Barbarina (Sónia Grané im kecken spanischen Infantinnenlook) sich diesen fidelen Burschen angeln will. Ganz begeistert vom „fanciullo“ zeigt sich auch die Figaro-Gräfin von Dorothea Röschmann. Mit der schönsten Luxusstimme des Abends gesegnet, ist sie weniger dem Fatum unterlegene, in Würde gealterte Melancholikerin, als selber frivole Mitspielerin im Reigen der sich bietenden Lüste. Ihr „Porgi amor“ (wobei der erste Ton intonationsmäßig etwas verrutscht war) und ihr grandioses „Dove sono“ wecken Erinnerungen an die goldenen Zeiten des Mozart Gesangs. Das üppig-cremige Timbre vom Feinsten geht runter wie Schwarzwälder Kirschtorte. Suchtgefahr. Besonders zu erwähnen ist noch die Marcellina der Katharina Kammerloher. Diese Beschließerin im gräflichen  Schloss ist keine dürre sabbernde Jungfer, die dem knackigen Figaro nachstellt. Kammerloher repräsentiert vielmehr eine elegante, fesche Frau in den besten Jahren. Stimmlich singt sie ihre beiden Arien ebenso frisch und ganz vorzüglich serviert. Ihr Bartolo wird von Otto Katzameier gediegen rollendeckend verkörpert. Der intrigante Musiklehrer Basilio ist beim Charaktertenor Florian Hoffmann bestens aufgehoben. Lieder genügt der einstens so prächtige Bariton von Olaf Bär vom Volumen her nicht einmal mehr den vokalen Ansprüchen eines Gärtners Antonio. Peter Maus gibt einen untadeligen Don Curzio.

Wenn man sich an das Prächtig-Vokale des Abends gehalten hat, konnte man sogar zeitweise die nicht immer erfreulichen Beiträge aus dem Orchester vergessen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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