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BERLIN/ Staatsoper im Schillertheater: LE NOZZE DI FIGARO . Premiere

08.11.2015 | Oper

BERLIN/ Staatsoper im Schillertheater: LE NOZZE DIE FIGARO. Premiere am 7.11.2015

Im Ausweichquartier der Staatsoper im Schillertheater feierte am Samstag Mozarts „Le nozze di Figaro“ seine Premiere in der Regie von Intendant Jürgen Flimm. Es ist die nunmehr dritte Inszenierung des Werkes durch seine Hand; nach Amsterdam und Zürich nun also an seinem Berliner Stammhaus und durchaus eine Weiterentwicklung. Man kann ihm nicht genug zu dieser gelungenen Produktion gratulieren, war doch eine Neuinszenierung nach Thomas Langhoffs dröger Deutung längst überfällig. Flimm schafft es, den „tollen“ Tag in Farben und Formen umzusetzen und eine spannende Geschichte zu erzählen. Überhaupt erzählt er diese ohne sie umzustellen, verlegt lediglich das Geschehen in 30er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Die spritzige Overtüre zeigt, wie das Grafenpaar Almaviva und samt Gefolge (Figaro, Susanna, Cherubino und Basilio) mit Koffern bepackt an Ihrem Urlaubsziel, einem einfachen Haus am Meer, ankommen und von den dortigen Hausherren (Bartolo, Marcellina und Co.) in Empfang genommen werden. Die Stimmung scheint gut, einer schönen Auszeit scheint nichts im Wege zu stehen. Doch dann nimmt die gewohnte Handlung Mozarts / Da Pontes ihren vertrackten Lauf. Witzig und mit viel Spielfreude schmeißt sich das Sängerensemble in die Umsetzung von Flimms „Urlaubsdrama“ und alle geniessen sichtlich das Spiel im einfallsreichen Bühnenbild von Magdalena Gut und den wirklich ausnahmslos geschmackvollen Kostümen von Ursula Kudrna. Flimm bedient sich aller Klischees, um sie dann doch wieder gekonnt zu umschiffen. So zieht der Graf im 1. Akt tatsächlich die Decke vom Stuhl, unter der normalerweise dann der Page Cherubino kauernd sitzt. Nur steht diese in dem Fall genau dahinter, mit Kleidung bedeckt zu einer Art Säule erstarrt und wird dann durch das Fortwerfen der Decke enttarnt, da diese ihn streift und seiner Kopfbedeckung entledigt. Ähnlich ist es mit dem Kabinett der Gräfin im 2. Akt. Es ist tatsächlich vorhanden, nur wird die Kammerzofe dann in einem Schrankkoffer vermutet und erscheint wenig später dann auch tatsächlich aus diesem. Das sind köstliche Details, die auch den 100. Figaro neu und frisch erscheinen lassen. Zwischen Bretterbude und Ostseedünen steigert sich das Geschehen dem Höhepunkt zu, um dann in einer grossen Versöhnungsorgie im Morgengrau seinen Abschluss zu finden. Alle Probleme sind geklärt, alle haben sich wieder lieb und so heisst es erneut die Koffer zu packen und so glücklich wie man gekommen ist auch wieder abzureisen. Was dazwischen war, bleibt ein Urlaubsausrutscher über den der Mantel des Schweigens gehüllt wird und jeder scheint froh, daß dieser Urlaub ein Ende gefunden hat.

Das war es dann leider schon fast mit den positiven Eindrücken, die man von dieser Premiere mitnehmen mag. Denn so beglückend wie die szenische Umsetzung war die musikalische Seite des Abends nicht unbedingt. Was durchaus nicht an Gustavo Dudamel gelegen hat, der mit grosser Geste schon eine spritzige Overtüre anstimmte und Lust auf alles Folgende machte. Auch er passte sich der Regie an und ließ den tollen Tag ebenso stürmisch und freudig im „corriam tutti a festeggiar“ beenden wie er angefangen hat. Dudamel blieb mit jeder Phrase bei seinen Sängern, folgte manch eigenwilligen Alleingängen der Solisten und entlockte der Berliner Staatskapelle wunderbare Farben.

Nur leider krankte die Besetzung der Sänger ausgerechnet schon an der Titelpartie. Wieso man eine Mozart-Premiere an einem A-Haus mit einem so leichten und szenisch wie gesanglich wenig interessanten Figaro besetzt, wird wohl ein Geheimnis der Direktion bleiben. Auch wenn man bedenkt, dass erst jüngst Sänger wie Adam Plachetka, Christof Fischesser oder Rene Pape diese Rolle am Haus verkörperten. Jedenfalls blieb Laurie Vasar 4 Akte lang ein unauffälliger Titelheld ohne Farben und Nuancen, der nun wahrlich keine Konkurrenz zum Grafen des Ildebrando D’Arcangelo darstellte. Und hier ist man auch schon beim musikalischen Triumph des Abends angelangt. Rollendebutant D’Arcangelo, der hier nun vom Figaro auf den Grafen Almaviva wechselt, war in jeder Hinsicht eine einzige Freude. Mit kernig-schönem Bassbariton und ausgezeichneter Technik gestaltete er einen selbstverliebten, zur Tolpatschigkeit neigenden Hausherren. Schon mit seinem ersten gesungenen Wort des Abends mochte man aufatmen, rettete er doch schlagartig das sängerische Niveau des Abends und es wurde ein Leichtes für ihn, im weiteren Verlauf das Zentrum der Solisten zu sein. Denn so vollends glücklich wurde man mit keinem seiner Kollegen mehr.

Dass sich die Susanna der Anna Prohaska darum bemüht „anders“ zu sein als man sie gewohnt ist, war bereits zu erwarten. Aber heisst „anders“ gleich besser? Mit ihrem eher kleinen Sopran, der oftmals Mühe hatte über den Orchestergraben zu kommen, und dem von ihr bekannten „Over-acting“ blieb sie als Figur zu beliebig und austauschbar. Auch musikalisch ging sie eigene Wege, warf mit Portamenti und unnötigen Schattenvokalen nur so um sich und ließ sich in Rezitativen mehr zum deklarieren der Worte als zum singen bewegen, worunter auch oft die Intonation litt. Wirklich geschmackvoll ist das nicht. Diese Susanna ist sehr auf ihre Außenwirkung bedacht, nichts wird ehrlich empfunden und reflektiert und so bleibt sie weniger Mozarts gewitzte und charmante Kammerzofe als ein pubertäres Mädchen. Was war da doch einst Dorothea Röschmann für ein sinnliches Vollblutweib in jener Partie, die nun auch in dieser Neuinszenierung als die leidende Gräfin Almaviva zu erleben war. Ihr Start in den Abend gelang mit einem vorzüglichen „Porgi Amor, welches sie abwechslungsreich farbig und der nötigen Portion Melancholie ausstattete. Von manch eigenwilligen gesanglichen Manierismen abgesehen, wie einer übergeöffneten Mittellage und das wenig schöne Anschleifen sämtlicher Töne von unten, blieb sie eine packende Interpretin die vor allem im Zusammenspiel mit Ildebrando D’Arcangelo das Drama spürbar machte. Im 3. Akt schienen sie allerdings die Kräfte zu verlassen und das Ende von „Dove sono“ geriet zu einem hörbaren Kampf für die Solistin.

Der Cherubino von Marianne Crebessa war mit zittrigem Mezzosopran maximal rollendeckend verkörpert, für eine Premiere dann aber doch etwas zu wenig auffällig und besonders. Anders sah die Sache bei ihrer Stimmfachkollegin Katharina Kammerloher aus, die hochgewachsen in ihrem androgynen Hosenrock und mit schwarzem „Bob“ wie eine Art Asta Nielsen die wohl erotischste Marcellina aller Zeiten darstellt. Ihr schöner und runder Mezzo unterstrich den optischen Eindruck und so war man sehr erfreut, auch die so oft gestrichene Arie im 4. Akt von ihr serviert zu bekommen. Ihr Bühnenpartner Otto Katzameier als Bartolo war dann wiederum kaum ebenbürtig. Mit wackeligem Bass, der weder in Höhe noch Tiefe ansprang, polterte er durch die Partie und degradierte sie zur absoluten Nebenrolle. Florian Hoffmann war ein unauffälliger aber adretter Don Basilio sowie der von der Deutschen Oper „ausgeborgte“ Buffo Peter Maus ein köstlicher Don Curzio. Dass man Olaf Bär als Antonio akustisch kaum vernahm mag daran gelegen haben, dass der Bariton in einer für ihn falschen Lage singt oder schlichtweg doch schon seine besten Sängertage hinter sich hat. Auch die Barbarina von Sonia Grané vermochte nicht wirklich einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, sang ihre Arie mit leicht hartem Sopran, der bereits zu einer wackeligen Höhe neigt. Aufhorchen ließen dann aber ausgerechnet die zwei Brautjungfern von Katharine Bolding und Verena Allertz aus dem Staatsopernchor, der sich auch sonst sehr gut präsentierte.

Barbara Rosenrot

Am 13.11. überträgt ARTE die Aufführung aus dem Berliner Schillertheater. Der Produktion von Jürgen Flimm sei es gegönnt, ausreichend bestaunt zu werden.

 

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