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BERLIN/ Staatsoper im Schillertheater DON GIOVANNI

30.12.2015 | Oper

BERLIN/ Staatsoper im Schillertheater DON GIOVANNI, 29.12.2015

Von verlorenen Kobolden und Joint rauchenden Waldtrollen in einem sehr deutsch-düsteren Sommernachtstraum

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Christopher Maltman ( Don Giovanni), Dorothea Röschmann (Donna Elvira). Foto Monika Rittershaus

Man zeigt Don Giovanni in Berlin in der Staatsoper. In der berühmten, aber dem Zahn der Zeit verfallenen Inszenierung von Claus Guth. Einst als Teil des Salzburger Da Ponte Trilogie konzipiert, hatte sie am 27.7.2008 in Salzburg im Haus für Mozart Premiere und wird nun seit 2012 im Schiller Theater gespielt. Statt knisternd erotischem Qui quo pro im strengen spanisch-höfischen Ambiente ein juvenil-kindisches Treiben mit tödlichem Ausgang rund um kanadisch anmutende Holzfäller im deutschen Wald. Freischütz, Hänsel und Gretel feiern da fröhliche Urständ oder ist man eher an einen Münsteraner Tatort erinnert, wenn eine klapprige Blechkiste mit Donna Anna und Ottavio zu erotischen Turnübungen in den Wald fährt? Über das Ballszene Finale erster Akt sowie das Ende des zweiten Aktes wächst in diesem Rotkäppchen-Drehbühnenambiente sowieso das Moos, falls die weggeworfenen zerknüllten Bierdosen (wir haben verstanden: soll heißen die haben hier Wut!) nicht noch da und dort hervorlugten. Jeder Sechszehnjährige würde sich schieflachen, wenn er diese Alt 68-er Party-Hipster Marihuana rauchen sieht und die so Benebelten dann wie Elvira in hysterisches Lachen verfallen. Haschisch als Partydroge war übervorgestern und macht überdies dramaturgisch in diesem Stück so gar keinen Sinn.

Das dramma giocoso muss auch weitgehend ohne schwarzen Humor auskommen, falls man die hie und da eingestreuten Gags nicht mit Komödiantentum verwechseln will. Für mich das größte Ärgernis ist das Fehlen des Schlusssextetts nach der Höllenfahrt, die diesmal nichts anders ausfällt, als dass ein erfrierender Don Giovanni, dem offenbar das Brennholz ausgegangen ist, in ein vorgeschaufeltes Grab fällt. Vorhang Schluss. Wie banal.

Leider ist auch die musikalische Seite des Abends, zumindest was den Dirigenten und das Orchester anlangt, kaum besser. Das kommt dann eher wie Rotkäppchensekt als wie Champagner rüber, die Takte werden charmlos wie Pflöcke in den versinnbildlichten Waldboden gerammt. Jede Phrase knappt der italienische Dirigent Massimo Zanetti brutal ab, der Zuhörer hat permanent das Gefühl, einem akustischen „coitus interruptus“ beizuwohnen. Dabei ist ja so etwas wie ein „Originalklang“-Konzept erahnbar. Nur will das Orchester dem nicht so unbedingt folgen, oder es gab zu wenig Probenzeit oder der Maestro konnte das nicht adäquat vermitteln. Das Buh beim Schlussvorhang kam da nicht von ungefähr.

Freilich konnte der hartgesotten die Bühne und den Orchestergraben ignorierende Opernbesucher sich an mehreren großartigen Stimmen erfreuen. Die Staatsoper hatte nämlich in drei Partien absolute vokale Weltklasse aufgeboten: Christopher Maltman ist der aktuell optisch und stimmlich wohl attraktivste Giovanni. Eher sensibler Versager denn herrischer Verführer, eher Strizzi denn nihilistischer Weiberheld. Jedenfalls großartig, wie er auch schauspielerisch trotz des abstrusen Konzeptes eines in „Zara“ gekleideten (obdachlosen) Waldschratts einen Menschen auf die Bühne bringt, mit dem der Zuschauer am Ende auch Mitleid hat und haben darf. Wenngleich die Giovanni-Story wahrscheinlich besser bedient wird, wenn Zorn, Empörung und Schadenfreude ihre Entladung nach getaner Höllenfahrt des Bösewichts im finalen Moralgebet der sechs Überlebenden feiern. Und damit gesellschaftskonstituierend wirken basierend auf der konsensualen Lüge des Verteilens und Abladens von eigener Schuld auf andere. So funktioniert das nun mal.

Schauspielerisch am überzeugendsten ist Luca Pisaroni als Leporello. Wie prächtig und nuanciert er diesen fiesen Spießgesellen singt und auch als Akteur begreiflich macht, ist schon ganz großes Theater. Ein verdienter persönlicher Erfolg. Und last but not least war la divina Dorothea Röschmann als Elvira aufgeboten. Die beste Mozart-Sängerin der Jetztzeit singt mit Luxussopran, herrlichen Kuppeltönen und der nötigen, wenn es sein muss, auch hysterischen Bravour ihre Arien. Außerdem gelingt es ihr grandios, ein Wesen von Fleisch und Blut auf die Bühne zu stellen und damit ein berührendes Frauenschicksal erfahrbar zu machen. Auch Peter Sonn als Ottavio fällt auf die absolute Habenseite des Abends. Mit vollendeter Technik, fein gesponnenen Legatobögen bis ins Pianissimo, aber auch dramatisch sitzenden Ausbrüchen kann Sonn als ein idealer Vertreter dieser so schwierigen Rolle gelten.

Lieder kann man das weder von der eher steif herumstaksenden Donna Anna der Anna Samuil sagen, die mit trockenem Timbre und scharfen Höhen enttäuscht noch von der allzu soubrettigen Zerlina der Narine Yeghiyan, die überdies mit erheblichen Intonationsproblemen in der Mittellage zu kämpfen hat.

Der fesche Grigory Shkarupa als Masetto und der kaum dämonische Jan Martinik als Komtur sind zuverlässige Hausbesetzungen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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