Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BERLIN/ Staatsoper: IL TRIONFO DEL TEMPO E DEL DISINGANNO – Premiere

19.01.2012 | KRITIKEN, Oper

Berlin, Staatsoper: „IL TRIONFO DEL TEMPO E DEL DISINGANNO“, 18.1.2012


Bellezza, Sylvia Schwartz, und Tempo, Charles Workman, Foto Hermann und Clärchen Baus.

Bei dieser Oper triumphiert eindeutig Georg Friedrich Händel, bestens assistiert von Les Musiciens du Louvre, Grenoble, unter Marc Minkowski sowie vom Regisseur Jürgen Flimm. Gemeinsam und durchaus überzeugend siedeln sie dieses mehr als 300 Jahre alte Oratorium in der Gegenwart an.

Eine neue Inszenierung ist es allerdings nicht, die jetzt an der Staatsoper im Schillertheater beeindruckt. Flimm erntete dafür schon 2003 in Zürich großes Lob. Das Opernhaus Zürich stellt nun auch das Bühnenbild (Erich Wonder) und die Kostüme (Florence von Gerkan) zur Verfügung. Also eine Geld sparende, recycelte Arbeit des Intendanten. Doch in diesem Fall lohnt sich der Import wirklich.


Piacere, Inga Kalna, tanzt mit Bellezza, Sylvia Schwartz, Foto Hermann und Clärchen Baus

Den Höhepunkt erreicht das Werk, wenn – fast gegen Ende – Inga Kalna als Piacere (das Vergnügen) ganz schlicht und mit großartiger Stimmführung die herrliche Arie „Lascia la Spina“ singt, übersetzt mit „Lass die Dornen, pflücke die Rose“.

Diese Arie ist das Glanzstück in diesem Meisterwerk des 22-Jährigen aus Halle an der Saale. Gerade in Rom angekommen, wollte Händel eigentlich eine Oper komponieren. Pech gehabt – die Kirche hatte zuvor die Aufführung der „sündigen“ Opern verboten.

Doch er wusste sich zu helfen, nahm einen frommen Text von Benedetto Kardinal Pamphilj (1653-1730) als Libretto und kleidete sein zweiteiliges Oratorium auf den ersten Blick bzw. aufs erste Hinhören in ein ebenso frommes Gewand.

Beim Vernehmen dieser Arie und ihres Textes kommt jedoch der Gedanke auf, dass Händel damit die kirchlich kompatible Fassung gekonnt unterlaufen hat. Nicht ohne Grund verwendete er diese geniale Melodie drei Jahre später fast unverändert für seine erste Londoner Oper „Rinaldo“, ein Hit bis zum heutigen Tag.

Allerdings wird in der Oper die Erlösung nicht wie hier durch braves Büßen erreicht, und auch der Text ist ein anderer: „Lascia ch’io pianga mia crude sorte“ (Lass mich beweinen mein grausames Schicksal), heißt es dort. Aber das Schicksal, das die schöne Bellezza erleidet, ist eigentlich genau so schlimm.

Verkörpert wird sie durch Sylvia Schwartz von der Wiener Staatsoper, einer schönen Frau mit lyrischem, manchmal etwas zaghaftem Sopran. „Forever young“ war schon immer ein Thema, das hat Jürgen Flimm richtig herausgehört und verstanden.

Also verlegt er das Geschehen in eine schicke Bar, wo die Reichen und Schönen (und die nicht mehr so Attraktiven) in edler Garderobe bei Sekt und Wein das Leben genießen und versuchen, der Zeit Paroli zu bieten. Auch Matrosen finden sich dort kurz zum Saufen ein, Gestrandete ebenfalls.

Vorn am reich gedeckten Tisch sitzt Bellezza und schaut ständig immer wieder in den Spiegel, als suche sie die ersten Fältchen. Zwar entscheidet sie sich zunächst für Pacere, d.h. die Fortsetzung des Vergnügens und schlürft weitere Gläser Champagner. Doch ihre allein der Schönheit geschuldete Selbstsicherheit hat einen Knacks bekommen und macht sie alsbald zum leichten Opfer von Tempo, der Zeit, und von Disinganno, der Enttäuschung.

Wie die beiden – Charles Workman (Tenor) und Delphine Galou (Alt) – die schöne junge Frau traktieren, ist religiös motivierte Gehirnwäsche, und auch die ist ja keineswegs veraltet. Charles Workman zieht dabei schauspielerisch alle Register.

Händel bietet zum bösen Spiel auch stets die passende musikalische Vorlage, womit er m.E. wiederum diese üble Drangsalierung brandmarkt.

Schaurig erklingen Tempos Verse von den Gräbern, die nur noch „Skelette des Schreckens“ bergen, und voll überheblicher Grausamkeit stellt Workman der zunehmend verängstigten Bellezza die Schrecken des Tod vor Augen.

Als überlegene Besserwisserin geriert sich die Enttäuschung, die eher Missgunst heißen müsste. Händel charakterisiert auch sie auf unnachahmliche Weise.

Die schlanke, ebenfalls schöne Delphine Galou spielt diese Boshaft-Eifernde gekonnt, reißt sich sogar die schwarze Perücke vom Kopf.

Leider ist Frau Galou stimmlich kein überzeugender Widerpart. Ihr Alt ist zwar melodiös, aber oft zu schwach und im tiefen Bereich fast unhörbar. Der Zwischenbeifall und auch der Schlussapplaus, den sie erhält, hat sie, so scheint es, einer tatkräftigen Claque in einer Ecke des Hauses zu verdanken.

Es kommt, wie es kommen muss. Die so unter Druck gesetzte Bellezza entsagt aller Lebenslust und geht ins Kloster. Schon anfangs tauchten Nonnen in weißen Hauben kurz und wortlos in der Bar auf, Belezzas Weg ist so gesehen vorgezeichnet.

Sie aber meint, nun die Wahrheit gefunden zu haben. Für ihr bisheriges Leben, das in dieser Inszenierung keinesfalls verwerflich ist, will sie durch Reue und Entsagung büßen.

Sie legt allen Schmuck, ihr elegantes Kleid und die blonde Perücke ab und schlüpft mit Hilfe von Disinganno und Tempo in ihr Ordensgewand. Das Duett dieser beiden „Heilsbringer“ – „die schöne Träne der Morgenröte“ – gerät allerdings mickrig, und das ist etwas anderes als leise.

Denn leise, aber mit Wohllaut, verabschiedet sich nun Sylvia Schwartz von aller Erdensfreude. Während das Vergnügen traurig und empört das Weite sucht, findet Bellezza im Verzicht ihr Glück und macht auch die Zuhörer glücklich.

Die bedanken sich bei allen Beteiligten, insbesondere auch bei den Instrumentalisten, mit Bravos und lang anhaltendem Beifall.   

Ursula Wiegand

Weitere Aufführungen am 21., 24., 27. 29. Januar.

 

Diese Seite drucken