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BERLIN/ Staatsoper: DOMINGO-GALA ZUM 50JÄHRIGEN BÜHNENJUBILÄUM

01.06.2017 | Konzert/Liederabende

Berlin/Staatsoper: Domingo-Gala zum 50jährigen Bühnenjubiläum, 31.05.2017

Domingo (r) mit Elsa Dreisig (l) und Marina Prudenskaya (mittig),Foto Thomas Bartilla
Rene Pape, Elsa Dreisig, Marina Prudenskaja, Placido Domingo, Daniel Barenboim. Copyright: Thomas Bartilla

Die Wahl dieses Datums für die Domingo-Gala ist kein Zufall. Der junge mexikanische Tenor hatte sich bereits an den nordamerikanischen Bühnen einige Sporen verdient und war auch in Barcelona positiv aufgefallen. Danach setzte er verstärkt auf Europa und wagte mit Verdi im Mai 1967 gleich drei Debüts: Den Anfang machte der Radames in Aida im Hamburg, es folgten am 18. Mai sein Don Carlo an der Wiener Staatsoper und am 31. Mai der Ricardo in Un ballo in maschera an der Deutschen Oper Berlin.

Doch nicht dieses im Krieg zerbombte und 1961 neu erbaute moderne Haus hat die gestrige Gala zu Domingos 50jährigem Bühnenjubiläum ausgerichtet, sondern die Staatsoper im Schillertheater. Im Stammhaus Unter den Linden, das nach jahrelanger Sanierung ab 3. Oktober nach und nach wieder eröffnet werden soll, war Domingo erstmals 1993 zu Gast. Zu einem Benefizkonzert. Auch solches ist typisch für ihn.

Zwischen ihm und Daniel Barenboim, nun seit 25 Jahren Chef der Staatskapelle Berlin, hat sich offenbar eine tiefe Freundschaft entwickelt. Mit weiteren Benefiz-Konzerten hat Domingo auch die Sanierung der Lindenoper unterstützt. Jetzt haben Barenboim und die Seinen diese Feier ausgerichtet.

Wie die Beurteilung des Domingo-Debüts 1967 in Wien insgesamt war, weiß ich nicht. Doch gerne möchte ich zitieren, was mein geschätzter Kollege Peter Skorepa in seinem offenbar gut sortierten Archiv gefunden und im Online Merker vermittelt hat. Ein von ihm namentlich nicht genannter damaliger Merker-Mitarbeiter schrieb folgende Beurteilung und Prognose:

„Der Tenor ließ schönes Material hören, aber mangelnde Sicherheit in dessen Behandlung. Außerdem hatte er zehn Hände zu viel. Die Chancen für eine Weltkarriere scheinen nicht überwältigend. Vielleicht ließe sich aus dem Sänger ein brauchbarer Haustenor á la Zampieri formen? Allein wird er es kaum schaffen.“ 

Eine solche Fehleinschätzung ist beileibe kein Einzelfall, und leider konnte ich nicht herausfinden, wie die Reaktion seinerzeit in Berlin war. Doch selbst ein Domingo kann sich irren, wie ein Auszug aus einem Interview im Magazin Stern am 25. März 1982 beweist. Darin äußert er sich zum Aussehen und zum vermeintlichen Ende seiner Gesangskarriere wie folgt:

„Ich finde, man hat als Sänger heute die Pflicht, sich in Form zu halten. Denn wenn man die Jugend dazu bringen will, häufiger in die Oper zu gehen, dürfen nicht lauter dicke, alte Leute auf der Bühne herumstehen. Es gibt, auch was das Alter betrifft, eine Grenze. Ich werde noch zehn Jahre singen, dann bin ich fünfzig. Dann werde ich nur noch als Dirigent auftreten. Ich bin auf das Ende meiner Sängerkarriere gut vorbereitet, weil ich das Dirigieren studiert und auch schon ausgeübt habe. Mein Dirigenten-Debüt war 1973 an der City Opera in New York. Ich will nicht als Greis immer noch junge Helden spielen.

Auch dann nicht, wenn die Stimme noch da ist?

DOMINGO: Auch dann nicht. Ich habe letztes Jahr in Wien eine »Fledermaus« dirigiert mit Hans Beirer. Der ist fast siebzig. Das finde ich furchtbar.“

Domingo (r) mit Daniel Barenboim und René Pape, Foto Thomas Bartilla
Rene Pape, Daniel Barenboim, Placido Domingo. Copyright: Thomas Bartilla

Doch heute ist es überhaupt nicht furchtbar, dass dieser unverwüstliche offiziell 76jährige Domingo nach wie vor auf der Bühne steht und singt. Nun als Bariton mit – je nach Partie – unüberhörbarem Tenor-Anteil. Kritik verdient diese Variante keineswegs. Es ist seine ganz persönliche Art zu singen und seine ganz persönliche Stimme, noch volltönend in der Mittellage und mit dem speziellen Domingo-Timbre. Davon könnten sich einige wesentlich jüngere Sänger noch eine gehörige Scheibe abschneiden.

Seine 2. Weltkarriere, die im Baritonfach, begann an der Staatsoper Berlin mit der Hauptrolle in Simone Boccanegra. Stimmlich und darstellerisch ist es seine Parade-Partie geworden. Genau genommen hat er diese vernachlässigte, weil hitarme Verdi-Oper, aus dem Abseits geholt. Klar, dass eine Szene daraus nicht fehlen darf.  

Der Berliner Gala-Abend beginnt allerdings mit einer Schrecksekunde. Domingo lässt sich von Barenboim wg. einer kleinen Indisposition ansagen. „Er hat mich darum gebeten, doch sie werden davon nichts merken,“ versichert Barenboim sogleich. Vorsichtshalber wurde das Programm um eine Germont-Arie aus La Traviata gekürzt. Zwischenspiele, dargeboten von Barenboim und der Staatskapelle Berlin, sorgen nicht nur für Wohlklang, sondern auch für Erholungspausen.

Jedenfalls bleibt es beim Duett Violetta/Germont „Madamigella Valéry?“ aus dem 2. Akt. In dem fordert bekanntlich Germont von Violetta das Opfer, seinen Sohn Alfredo, ihre große Liebe, freizugeben, um die Heirat von Germonts Tochter mit einem feinen Herrn durch ihren schlechten Ruf nicht zu gefährden.

Domingo singt das eher zurückhaltend, vielleicht auch, um seine Stimme zu schonen, während die junge, schon mit einigen Preisen bedachte Sopranistin Elsa Dreisig alle Gefühle dieser gepeinigten Violetta hören und miterleben lässt. Ab 2017/18 gehört sie zum Ensemble der Staatsoper. Sie wird noch bei Domingos 75. Berliner Bühnenjubiläum glänzen, scherzt später Daniel Barenboim, . 

Auch „Macbeth“ gehört inzwischen zu Domingos beeindruckenden Baritonrollen, und nun ist er wie verwandelt. Voller Kraft strahlt jetzt seine Stimme in „Sappia la sposa mia – Fatal mia donna!“ der Szene im 1. Akt vor dem Mord an Duncan, angestiftet dazu von seiner Frau. Diese Lady verkörpert die ebenfalls junge, schlanke Mezzosopranistin Marina Prudenskaya. Verständlicherweise hat Domingo, selbst immer noch gut aussehend, ein Faible für aparte Partnerinnen. 

Zum Höhepunkt wird das Duett Boccanegra/Fiesco „M’ardon le tempia“ aus dem 3. Akt dieser Oper. René Pape zeigt sich mit seinem schönen, an diesem Abend besonders prägnantem Bass in Glanzform. Beide stehen (zu) weit auseinander, Domingo muss gegenhalten, setzt eher auf Lyrik. Er, der alte Doge, Pape als sein junger Widersacher. Auch das passt. Riesenapplaus nach diesem Duett.

Die 2. Halbzeit gehört Richard Wagner. Nach dem rasanten Meistersinger-Vorspiel singt Domingo die melancholische Wolfram-Arie aus dem Tannhäuser „Wie Todesahnung Dämmrung deckt die Lande – Oh du, mein teurer Abendstern“. Er tut es mit deutlicher Aussprache und ergreifender Innigkeit, um danach mit geschlossenen Augen „Vorspiel und Liebestod“ aus Tristan und Isolde zu genießen.

Zur Szene aus dem 3. Akt des Parsifal kommt schließlich der gesamte große Chor auf die Bühne, einstudiert von Martin Wright. Nun badet das ganze Haus im Wohlklang. Domingo, der vor einigen Jahren bei einer Festveranstaltung als Parsifal arg enttäuschte, überrascht nun bei „Nur eine Waffe taugt“ sehr positiv.

Offenkundig hat er an dem für ihn schwierigen Deutsch gearbeitet, jedes Wort ist zu verstehen. Außerdem kann er in dieser Tenor-Partie seinen eigenen Tenor nach wie vor berückend zur Geltung bringen. Sicherlich ist dieser Hang zur Perfektion und die anhaltende Bereitschaft zum Bessermachen neben einer – wie er sagt – von Gott gegebenen guten Gesundheit das Geheimnis seiner ungewöhnlichen Karriere.

Zuletzt „standing ovations“, viele laute Bravos und noch eine weitere Anerkennung seiner Leistung: Zum 50-jährigen Berlin-Bühnenjubiläum wird Plácido Domingo zum Ehrenmitglied der Staatsoper Unter den Linden ernannt. Der hat nun einen großen Blumenstrauß im Arm und Tränen in den Augen. Das passende Ende eines unvergesslichen Abends.       Ursula Wiegand

 

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