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BERLIN /Staatsoper: DER FREISCHÜTZ

09.02.2015 | Allgemein, Oper

BERLIN /Staatsoper im Schillertheater DER FREISCHÜTZ, 8.2.2015

Probejahr statt Probeschuss – Michael Thalheimers heimatlicher Samiel-Mummenschanz im krummgrau rissigen Gewehrlauf


Peter Moltzen (Samiel). Foto: Katrin Ribken

 „Ist’s recht, auf einer Kugel Lauf Zwei edler Herzen Glück zu setzen?“ Der Eremit (Jan Martinik) tritt am Ende als fortschrittlicher Verkünder einer vernunftgeleiteten Lösung für reaktionär-starre Initiationsriten auf. Der Freischütz ist ja nicht mehr oder weniger als eine hübsche aufklärerische, religiös verbrämte Parabel mit genialer Musik. Beim an sich genialen Duo Thalheimer/Olaf Altmann (Regie, Bühne), dem ich einen wunderbaren Tartuffe an der Schaubühne mit Lars Eidinger verdanke, wird daraus ein teuflisch biederer Splatterkitsch (19. Jahrhundert Kostüme Katrin Lea Tag) mit einem starken Schlussbild. Ganz folgerichtig schließt Thalheimer, dass eine Ehe mit so viel Betrug, ja infernalischen Tricks zur Erlangung von Fähigkeiten, die Mann nicht hat, nicht funktionieren kann. Der mit Wildschweinkopfpelzhauberl und behaarter Brust (keine Angst: ist nur ein T-Shirt) ganz niedlich böse Geisterbahn-Samiel (köstlich chargierend der omnipräsente Peter Moltzen) beißt sinnbildlich dem sich nach entgegengesetzten Richtungen geneigten Brautpaar Agathe und Max ins feuchte Händchen.

 Alles, vor allem die Körpersprache, dreht sich in dieser Regiearbeit ums Sexuelle. Was soll Max als impotenter, wahrlich unerotischer Max,  nachdem er seine Kugeln aus vollem Rohr mit Teufels Hilfe verschossen hat, seiner Agathe als Abendunterhaltung noch bieten? Auf dem Land ohne Fernsehen und Computer? Das Einheitsbühnenbild als abgenutzter verrußter Gewehrlauf von innen gibt die Antwort darauf. Und auch die Protagonistinnen, die sich bei all ihren Arien (besonders Ännchen) luftkopulierend verkrampft und frustriert durch die Gegend winden, dass es keine Freude ist, dürfen offenherzig zeigen, was Regisseur meint. Dabei sind das Geschieße samt Wolfsschlucht erst einmal Ausdruck der deutschen Romantik und zweitens doch nur eine  Zutat des volkstümlichen Freischütz, der gesellschaftliche Konventionen aufs Korn nimmt, um dann in einer katholisch religiösen Apotheose zu münden („ Schlusschor: Ja, laßt uns die Blicke erheben  und fest auf die Lenkung des Ewigen baun, Fest der Milde des Vaters vertraun! Wer rein ist von Herzen und schuldlos im Leben, Darf kindlich der Milde des Vaters vertraun!“).

 Und dennoch ist der Ansatz von Thalheimer nicht falsch, vor allem weil er um ironische Brechungen weiß und auch ein (ein wenig gedämpfter) Humor zu seinem Recht kommt. In der Umsetzung hapert es allerdings, vor allem die Wolfsschluchtsszene ist langweilig (sieben schwarze verlorene Seelen robben durch das „Rohr“, während Kaspar im hellroten Theaterblut pitschert) und es fehlen schlicht die optischen Kontraste in den zwei Stunden pausenloser Aufführung, die auch ohne Dialoge auskommen muss. 

 Dafür ist die musikalische Seite höchst erfreulich. Dirigent Sebastian Weigle lässt einen flotten, saftigen und spanungsvollen Weber hören. Wenngleich der Chor (Einstudierung Martin Wright) anfangs nicht vor, sondern nach dem Schlag einsetzt, was zu Unstimmigkeiten mit dem Orchester führt, kommt bald alles in den richtigen Takt. Und der von dem andauernden Bühnendunkel irritierte Zuseher kann all das an Natur und bukolischer Lyrik hören, was die etwas einseitige Lesart an Schauerromantik-Optik vorenthält. Wobei dennoch die tragische Verdichtung sowohl im Orchestergraben als auch auf der Bühne des Pudels Kern enthüllen. Eine hierarchisch autoritäre Untertanenmentalität, in der echte Emotion und Ehrlichkeit durch Angeberei, Machismogehabe und brutalen Gruppendruck verdrängt wird.


Anna Prohaska (Ännchen), Dorothea Röschmann (Agathe). Foto: Katrin Ribken

 Dorothea Röschmann als feist-biedere  Agathe singt mit luxuriös obertonreichem, einzigartig timbrierten, aber ein wenig gaumigem Sopran prachtvoll ihre Arien und Ensembles. Da der Regisseur mit der Figur der Agathe offenbar am wenigsten anzufangen wusste, ist sie meist zum Rampenstehen, bei fortschreitender Stunde auch zu allen möglichen akrobatischen Verrenkungen angehalten. So auch das formidable frech-dreiste Ännchen der Anna Prohaska, die mit gut fokussiertem lyrischen Sopran wohl mit der ausgewogensten vokalen Leistung des Abends aufwarten kann. Burkhard Fritz gelingt nach dem Kaiser in Leipzig mit diesem neuerlichen Rollendebut endgültig der Sprung in die allererste Liga der deutschen Heldentenöre. Wie dieser Sänger nach lyrisch-liedhaftem Beginn sich zu metallisch heldischen Aplomb bei differenziertester vokaler Charakterisierung steigert, das ist großartig. Technisch funktioniert sein Tenor ohnedies makellos. Besonders erwähnen möchte ich noch Tobias Schnabel als ersten Jägerburschen Kaspar, der zwar nicht über die Dämonie eines Falk Struckmann verfügt, dafür aber mit wunderschönem jungen Bariton ein beeindruckendes Alter Ego des Max (und somit aller bürgerlich Strebenden) zeichnet. Maximilian Krummen als viril stolzem Kilian kann man eine große Zukunft leicht voraussagen, während Roman Trekel als unsympathischer Ottokar und Victor von Halem als fürstlicher Erbförster Kuno noch rollendeckend aus ihrer reichen Bühnenvergangenheit schöpfen.

 Insgesamt ein musikalisch konzentrierter Abend, der manch interessante düstere Einsicht in den Freischütz erlaubt, dafür aber zu oft im dramaturgisch Ungefähren und der einseitig immerhin ironisierenden Nachtseite des Stücks stecken bleibt.  Ein Happy End gibt es nicht, dafür viel Jubel für die Sängerinnen und Sänger.

 Ingobert Waltenberger

 

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