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BERLIN/ Staatsoper/ Barocktage: Jordi Savall und sein 1989 gegründetes Le Concert des Nations

Welch ein toller Tanz in den Tag!

03.11.2019 | Konzert/Liederabende

Berlin / Staatsoper Barocktage: Jordi Savall & Le Concert des Nations im Pierre Boulez Saal – Welch ein toller Tanz in den Tag!  02.11.2019

Jordi Savall und sein 1989 gegründetes Concert des Nations sind wieder da, zur zweiten Auflage der Barocktage der Staatsoper und erneut im klangreichen Pierre Boulez Saal. Start ist um 11:00 Uhr am Vormittag, ein recht ungewöhnlicher Konzerttermin. Doch nicht für Jordi Savall und seine exzellenten Musiker/innen.

Wenn Savall ruft, kommen sie alle, die internationalen Experten in Alter Musik aus diversen Ländern. Selbstverständlich musizieren sie auf Originalinstrumenten und beweisen, wie jung und frisch die rund 400 Jahre alten Stücke klingen, wenn sie mit soviel Können und Begeisterung gespielt werden. Junge und Ältere sind mit Elan am Werke, und ebenso ist es beim Publikum. Auffallend viele Jüngere sitzen in dem schönen ovalen Saal.

Denn Besonderes gibt es auch diesmal: Schauspielmusiken zu Shakespeares Bühnenwerken. Zu seiner Zeit war es in England üblich, Theaterstücke mit Musik zu verbinden, um besondere Stimmungen zu kreieren und Personen zu charakterisieren. Genau so machte es dieser damalige Theaterkönig. Auch in späteren Zeiten animierten Shakespeares Werke mit ihren klangreichen Versen dazu, das Geschehen mit Musik zu illustrieren.

Wie im Programmheft zu lesen ist, sind im „A Shakespeare Music Catalogue“  mehr als 20.000 Musikstücke verzeichnet, die auf Shakespeares Erbe basieren. Es soll sich dabei um mindestens 270 Opern, Hunderte von Operetten und Musikkomödien sowie komplette Schauspielmusiken handeln. Als Beispiel werden sogar sinfonische Dichtungen wie Mendelssohns „Sommernachtstraum“, Liszts „Hamlet“  und Prokofjews Ballettmusik zu „Romeo und Julia“ genannt.

Der jetzige Berliner Vormittag beginnt mit der „Jacobean Masque & Stage Music“ von Robert Johnson (um 1583-1533). „Die englische Masque ist ein höfisches Maskenspiel des 16. und 17. Jahrhunderts und ein direkter Vorfahr der barocken Oper in England. Die Masque vereinte erstmals Dichtung, Musik, Tanz, Kostüm, Bühneneffekte und Architektur und wurde ausschließlich am Hofe von Angehörigen des Königs aufgeführt. Der Schwerpunkt lag eher auf den Gesängen und Tänzen als auf der dramaturgischen Geschlossenheit“, weiß Wikipedia. Und es war Robert Schumann, der diese Shakespeare-Zwischentexte in seinem „Dichtergarten für Musik“ versammelt hat.

Nun bietet sich das Ganze zunächst als eine Mischung von ins Deutsche übersetzten Shakespeare-Texten aus „Das Wintermärchen“ und „Macbeth“, kombiniert mit Musik. Gesprochen werden sie von Dagmar Papula und Johannes Silberschneider (beide gebürtige Österreicher). Frau Papula artikuliert deutlicher als ihr Partner und unterstreicht die Sätze auch schauspielerisch. Später wird auch Silberschneider beweglicher und holt merklich auf.

Das „Tanzfest“ beginnt mit dem Trommelwirbel von Pedro Estevan, und dann schwingen die Klänge durch den Saal. Jordi Savall spielt auf seiner Viola da Gamba und dirigiert sehr unauffällig seine 19 Mitstreitrinnen und Mitstreiter. Mal gibt er ein Zeichen mit dem Gambenbogen, mal reicht ein Fingerzeig, ein Blick oder Kopfnicken. Diese versierten Musikerinnen und Musiker wissen genau, was sie zu tun haben und bieten gleich anfangs ein großartiges Klangerlebnis, dem nun Textstücke aus „Das Wintermärchen“ folgen.

Doch wenn die tänzerische Musik einsetzt, wird alles noch fröhlicher. Die betont rhythmische Courant gefällt, wird aber vom „Satyr’s Dance“ überboten. Das gilt noch mehr für den „Pilgrim’s Dance“, der zuletzt immer schneller wird, und den anfangs marschähnlichen, später hüpfenden „A Scottish Dance“, bei dem Jordi Savall stärker dirigiert.

Die Hexen haben musikalisch auch was zu vermitteln und leiten über zur „Music for The Tempest“ (Der Sturm), die Matthew Locke (um 1621-1677) komponierte. Nun legt Jordi Savall seine Gambe beiseite und betätigt sich stehend als Dirigent. Er hat jeden Takt im Körper, ist aber kein Mann großer Gesten.

Weitere Tänze, wie Gavot und Saraband sind zu hören und nach erneuten Versen eher melodieträchtige Weisen, die den Ohren schmeicheln. Vor der zusammenfassenden Schlussmusik fallen noch ein schwungvolles Menuett und eine „Martial Jigge“ auf. Die erste „Halbzeit“ endet damit recht feurig und alle legen sich ins Zeug. Daher klatscht nicht nur das Publikum begeistert Beifall. Auch Jordi Savall belohnt auf diese Weise sein tolles Team.

Die zweite Halbzeit gehört, wie könnte es anders sein, Henry Purcell (1659-1695), der zwar mit „Dido and Aeneas“  eine Oper komponiert hatte, dann aber die Semi-Opera erfand und damit zum Trendsetter wurde. Daher ist nun seine Music for „The Fairy Queen“, einer Bearbeitung von Shakespeares  „Sommernachtstraum2  und Texte daraus an der Reihe.

Nach den ersten gesprochenen Versen von Puck, Oberon und Titania –  – Frau Papula nun mit einem Blütenkranz im Haar – hat wieder die Musik das Sagen. Prelude, Hornpipe und Aire erfreuen, alles im jeweils dazugehörigen Rhythmus. Besonders akzentuiert klingen das Rondeau und der Volkstanz Jig. Letzterer kommt zunächst marschmäßig daher, um dann doch tänzerisch zu werden. Dabei setzt der Konzertmeister Mauro Lopes mit seiner Geige die entsprechenden Glanzlichter.

Nach weiteren Versen schmeichelt ein Feentanz das Gehör, etwas derber wirken der Tanz für die grünen Männer und der für die Heumacher. Weltläufig war man damals in Old England auch schon. Das zeigt nicht nur der „Affentanz („Monkeys’ Dance), sondern auch eine reichhaltig ausgearbeitete, zunächst wie Vogelgezwitscher klingende Chaconne, gedacht als Tanz für einen Chinesen und seine hörbar trippelnde Frau.

Den sofortigen und anhaltenden Beifall belohnt Savall mit einer Bourré von 1600 als Zugabe und  applaudierte erneut nicht nur seinem außerordentlichen Team, sondern auch dem Publikum für die gezeigte Begeisterung. Eigentlich hätten wir alle zu dieser animierend-rhythmischen Musik tanzen müssen, so wie es einst bei den Masques am englischen Königshof von 1605-1640 der Fall war. Das war damals ein Geschenk der königlichen Familie an ihre Gäste. Angeführt von Königin Anne tanzten dann alle gemeinsam. Diesmal haben Jordi Savall und die Seinen zum Tanzen animiert. Beschwingt und mit strahlenden Gesichtern verlassen die meisten den Saal.  Ursula Wiegand

Nur noch ein Termin am 3. Nov. um 15:00 Uhr, erneut im Pierre Boulez Saal. Glücklich, wer noch eine Restkarte erwischt.

 

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