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BERLIN/ Staatsballett: GISELLE. Die Kunst des stillen Berührens

06.03.2016 | Ballett/Tanz

Staatsballett Berlin: „GISELLE“ 5.3.2016 – Die Kunst des stillen Berührens

Maria Eichwald als Giselle (c) Stuttgarter Ballett
Maria Eichwald  als Giselle (in der Stuttgarter Produktion)   Copyright: Stuttgarter Ballett

Fast könnte man von einem kleinen „Giselle“-Festival sprechen, das das Staatsballett Berlin in Form von an vier aufeinander folgenden Abenden in verschiedenen Besetzungen gezeigten Aufführungen des romantischen Ballettklassikers schlechthin präsentierte. Es mag bitte nicht unhöflich gegenüber den TänzerInnen erscheinen, wenn der unter solchen Gegebenheiten mit besonders viel Flexibilität geforderte Dirigent Marius Stravinsky am Beginn der Würdigung der hier besprochenen dritten Vorstellung steht. Auch wenn es immer wieder zu Situationen kam, wo er mit dem Tanz, speziell den im besonderen Fokus stehenden Soli der Protagonisten, aufgrund manchmal abrupter Tempiwechsel nicht durchgängig auf einen Nenner kam und so eine optimalere choreographische Präsentation versagte. Zurecht aber deshalb, weil er mit der hingebungsvollen Staatskapelle Berlin der so ungemein feinen atmosphärischen Musik Adolphe Adams mit einer manchmal richtig betörend edlen Klangpracht in den Streicherkantilenen und generell delikaten klanglichen Sensibilität jene Aufmerksamkeit schenkte, die diese Seelenmusik als Schlüssel zum Verständnis des Werkes verdient hat.

Zu dieser klanglich betrachtet feinen Wiedergabe passte das Hauptpaar dieses Abends ideal, weil es seine Rollen ganz aus der Musik heraus mit tänzerischer Würde und der Kunst des Zelebrierens feinster Nuancen zu gestalten weiß. Maria Eichwald (als Gast) und der Erste Solist Mikhail Kaniskin sind ein spürbar miteinander vertrautes und als Giselle und Albrecht auch an anderen Bühnen mehrfach erprobtes Paar der Extraklasse. Im ersten Akt ist sie trotz ihres schon reifen Ballerinenalters ganz das anmutig schüchterne und dann ganz in ihrer ersten Liebe aufgehende Mädchen, in ihrem späteren Schicksal als im Tode zum ewigen nächtlichen Tanz verdammte betrogene Braut ein Wesen wie nicht von dieser Welt – federleicht in den virtuosen Variationen der Lebenden, natürlich glaubhaft in den Visionen der wahnsinnig Werdenden und von einer schwebenden Trance in den langsam gedehnten Arabesquen und den mit einer bewundernswerten Ruhe und in einem unablässigen Spannungsbogen zelebrierten Balancen der geisternden Wili. Genau daraus schöpft sie das stille nachhaltige Berühren anstatt der hier unpassender erscheinenden großen Emotionen. Eine ganz spezielle Kunst, die in Kaniskins tief empfundenem Albrecht die denkbar beste Entsprechung findet. Mag vielleicht manche Sprungsequenz nicht mehr ganz so leicht wie früher erscheinen, so durchdringt er seinen Part nun von Anfang bis Ende mit einer körperlich mimischen Ausdrucksdichte, die letztlich viel wertvoller wiegt. Dass seine Musikalität und sein Präzisionswillen (federnde Battements und edler Port de bras) an diesem Abend nicht zu vollem Erfolg führten, lag an den erwähnten Flexibilitäts-Problemen des Dirigenten.

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Harmonie pur: der Arabesque-Reigen der Wilis im zweiten Akt   Copryright: Yan Revazov

Klare Bahnen mit pulsierender Spitzen-Klöppelei zog Ilenia Montagnoli als nicht gar so streng wirkende Königin der Wilis, die von Sarah Mestrovic und Julia Golitsina würdevoll angeführt wurden und im Übrigen von einem ausgewogenen weiblichen Corps de ballet harmonisch erfüllt wurden.

Besonderes Augenmerk gilt noch im ersten Akt dem Bauern-Pas de deux mit seinen kniffligen klassischen Variationen. Die große und deutliche Akzente setzende Krasina Pavlova und der noch einen Tick überzeugendere, weil in Form und Wirkung noch geschlossenere und geschmeidigere Alexander Sphak zeigten Potenzial für einen Aufstieg zu Ersten Solisten.

Mehmet Yümak hat als Widersacher Hilarion wenig Chancen sich zu profilieren und bot in dem was er tänzerisch und vermehrt darstellerisch zu leisten hat, solide Kost ohne besonders aufzufallen. In noch eingeschränkterer Form betrifft das auch trotz Kopfhaube die noch etwas zu jung wirkende Mutter von Sebnem Gülseker und den aufgeweckt seinem Herrn beistehenden Knappen Wilfried von Alexander Korn.

Die nur in einigen Details des ersten Aktes (am auffälligsten die weitere Solo-Variation für Albrecht und die Umrahmung des Bauern- Pas de deux) von den meisten klassisch traditionell an Jean Coralli und Jules Perrot angelehnten Versionen abweichende Choreographie von Patrice Bart im etwas altbackenen Dekors von Peter Farmer ist mit der inzwischen 67. Vorstellung seit der Premiere im Dezember 2000 zum fixen Bestandteil nicht nur des Berliner Ballett-Repertoires geworden. Mögen sie auch nachfolgende Intendanten erhalten.                            

Udo Klebes

 

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