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BERLIN/ SILVESTERKONZERT MIT SIMON RATTLE und MENAHEM PRESSLER

Berlin/Philharmonie: Silvesterkonzert mit Simon Rattle und Menahem Pressler –

Es gibt noch Wunder, selbst im TV, 31.12.2014

 Silvesterkonzert mit Simon Rattle und Menahem Pressler, Foto Holger Kettner
Sir Simon Rattle, Menahem Pressler (Klavier) . Foto: Holger Kettner

Mit 80 Jahren eine Solokarriere zu starten und mit 91 das Silvesterkonzert gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle zu gestalten – das grenzt an ein Wunder, und es wird auch ein solches. Gemeint ist der Ausnahme-Pianist Menahem Pressler.

Der gebürtige Magdeburger, der 1939 mit seiner jüdischen Familie durch die Flucht über Triest nach Palästina gerade noch den Nazis entkam, lebt seit 1955 im US-Bundesstaat Indiana und hat dort sogleich das bald hochberühmte Beaux Arts Trio gegründet, das letztmalig 2009 in Leipzig aufgetreten ist. Mit Pressler am Piano hat es rd. 7.000 Konzerte in aller Welt gegeben.

Und dann? Pressler, Professor an der Indiana University Music School, war diese Aufgabe offenbar nicht genug. Mit 80 Jahren hat er eine Solokarriere als Pianist gestartet und reist seither allein weiter durch die Kontinente.

Sein Debüt in Berlin hatte er im Januar 2014. Rattle war unter den Zuhörern und sofort begeistert. Ob er das Silvesterkonzert mit den Philharmonikern in Berlin spielen wolle, hat er ihn gefragt. „Da bin ich vor Freude fast geplatzt“, sagt Pressler in bestem Deutsch im Interview während einer Pause bei der live-Übertragung dieses Konzerts in der ARD.

Seinetwegen sitze ich diesmal ausnahmsweise nicht in der Philharmonie, sondern vor dem Fernseher, weil ich diesem Herrn beim Spielen genau auf die Finger und ins Gesicht schauen möchte. Dass die Akustik daheim bei weitem nicht an die im Konzertsaal heranreicht, nehme ich in Kauf, kann es kaum abwarten, bis Rattle und die Seinen in Kammermusikbesetzung ihren durchaus feinsinnigen Ausflug in Rameaus Ballettoper „Les Indes galantes“ beendet haben.

Einen Stock braucht der 91Jährige beim Gang zum Flügel nicht. Mozarts Klavierkonzert A-Dur KV 488 steht auf dem Programm. Zunächst sind im 1. Satz (Allegro) die Instrumentalisten an der Reihe, dann ist es der Pianist mit seinen immer noch flinken Fingern. Rattle und Pressler halten engen Kontakt, und wie ein liebevoller Sohn sorgt Rattle dafür, dass sich die Seinen etwas zurücknehmen und die Klarinetten deutlich Zwiesprache mit dem Solisten halten können. Das vor allem im 2. Satz, dem Andante, in der für Mozart relativ ungewöhnlichen Tonart fis-Moll.

Dieses von Pianisten gern gespielte Stück bringt Pressler mit einer solch schwebenden, fast schmerzlichen, doch völlig natürlichen Innigkeit, dass alle nur noch den Atem anhalten können. Jeder der sorgsam ausgeformten Töne, jede Passage bekommt seinen/ihren Sinn. „Musik aus einer anderen, vergangenen Zeit“, wird Rattle, ebenfalls tief berührt, später im Interview sagen. Und wird auch betonen, wie beeindruckend und anregend für ihn, den bald Sechzigjährigen, die Arbeit mit diesem großen Künstler gewesen ist.

Auch das Allegro assai mit seinen relativ flotten Läufen gelingt Pressler bestens, ganz ohne zu forcieren, ganz ohne Power-Spiel. Jüngere Pianisten spielen das schneller, attackieren stärker. Das leistet sich Pressler nicht mehr, entwickelt doch für jeden Anschlag eine besondere Färbung.

Seine Lippen formen die Töne mit, und nach mancher Passage huscht ein verschmitzt zufriedenes Lächeln über sein Gesicht. Wie ein Junger reißt er auch zweimal den Arm hoch. Ein Hellwacher, der zuletzt glücklich strahlt, der dieses Konzert – nach seinen Worten – als ein Geschenk begriffen hat und nun tiefe Dankbarkeit empfindet, dass er dieses Konzert hier hatte spielen können.

Rattle und Pressler umarmen sich, und der alte Mann küsst dem Dirigenten die Hand. Der Saal jubelt, die Zuhörer – mitsamt Angela Merkel und Gatten – applaudieren lange Zeit. Wir alle, vor Ort oder am TV, haben etwas Einmaliges und Unwiederholbares erlebt.

Für mich ist es ein unvergesslicher Abend, dessen Fortgang ich – pardon – nicht verfolgt, sondern zu einem Pavarotti-Rückblick auf arte umgeschaltet habe. Großartige Erlebnisse, an denen alle Klassikfreunde teilnehmen konnten.

Ursula Wiegand

 

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