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BERLIN/ Schaubühne: „FOR THE DISCONNECTED CHILD“ von Falk Richter

13.10.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Theater

Berlin/Schaubühne: FOR THE DISCONNECTED CHILD“ von Falk Richter, 12.10.214

Unbenannt
Ursina Lardi, Borjana Mateewa und Jorijn Vriesendorp, Foto: Arno Declair

Frauen und Männer passen wohl wirklich nicht zusammen. Missverständnisse, Abgrenzungen, Alleinseinwollen, aber nur bei Bedarf. Das war schon immer so, macht uns Falk Richter, verantwortlich für Text, Regie und Choreographie, beim Stück „For the disconnected child“ eindringlich klar. Auch nimmt er Eugen Onegin (hier gespielt von Tilman Strauß) aus Tschaikowskis gleichnamiger Oper als schillerndes Vorbild. Den  Lebemann, der bekanntlich nichts versäumen will und die Liebe des jungen, unbedarften Landmädchens Tatjana kaltherzig zurückweist.

Auch mit modernen schrillen Klängen lässt Richter diese Unterschiede zwischen Mann und Frau in unsere Köpfe hämmern. Er blättert die Gegenwart auf, wo Nähe und das Zeit-Füreinander-Haben als ein Modell von vorgestern erscheint. Alle wollen/müssen sich optimieren, ihre beruflichen, sozialen, emotionalen und sonst welche Kompetenzen unter Beweis stellen, falls sie einen guten Job ergattern wollen.

Einer klinkt sich jedoch aus. Der kann und mag nicht mehr. Der hat sich schon als Kind – offenbar eines mit zerstörerischen Neigungen – äußerst ungeliebt gefühlt. Die gelegentlichen Zärtlichkeiten der Eltern erschienen ihm schon damals als plumpe Heuchelei. In einem langen, immer expressiveren Monolog redet und schreit Franz Hartwig den ganzen Frust aus sich heraus. Einer, der eines Tages auch zur Waffe greifen und um sich schießen könnte. 

Zu Beginn das beinahe Übliche. Lass mich mal allein sein, ich brauche Abstand, der Job ist so stressig. Danach diskutieren zwei über das Nahsein. Was ist das? „Alles viel zu abstrakt“, lautet das Fazit der Frau. Gedankenspiralen, die ins Nichts führen, Blockaden auf beiden Seiten. Schluss, Punkt, Weggehen.

Was so trocken klingt, geht in kurzen, wechselnden Szenen geschwind über die von Katrin Hoffmann gestaltete zweistöckige Bühne. Unten das Tagesgeschehen, oben die Betten der  Freud- und Ruhelosen. Dazu gibt es auch herrlich überdrehte Szenen, dass wir  Zuschauer und Zuhörer  immer wieder auflachen müssen.

Vor allem die heutige Art der Kompetenzprüfung nimmt Richter köstlich auf die Schippe. Da ist die Assessment-Trainerin Ursina Lardi,  Expertin fürs Seelen- und Gehirn-Screening, die mit ihren Fragen herausfinden soll, ob die 3 Kandidaten das Potenzial – ein heutiges Lieblingswort – haben, um sich an eine künftige Firma zu binden.

Ganz harmlos fängt das an, wenn sie vom Opernbesuch tags zuvor schwärmt und einer der Prüflinge – Christoph Gawenda – eilfertig sagt: „Ich gehe auch gerne in die Oper, um mein emotionales Spektrum zu erweitern“.  Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.Der Jobsuchende soll außer emotionalen Fähigkeiten auch Stresskompetenz erkennen lassen und noch vieles mehr mitbringen.

Einer der Prüflinge, Franz Hartwig, gibt den ständig Gutgelaunten und lacht immer wieder, was die gestrenge Interviewerin total daneben findet. Den lässt sie durchfallen, doch er landet bei einer Partnervermittlungsagentur und rächt sich mit Genuss. Denn die taffe Frau hängt im Privatleben völlig durch. Nun rasselt auch auf sie der fast unendliche Fragenkatalog der Selbsteinschätzung herunter mit der süffisanten Schlussfolgerung: Frau über 40 mit 2 Kindern, anfordernder Beruf – „ganz schwer vermittelbar“. Neue, vorteilhaftere Bilder soll sie schicken.

Ob die Mutter noch Bilder hat? Die aber lebt seit 18 Jahren im sonderbar verschneiten Japan, wartet dort als Zweitbesetzung von Tatjanas Amme bisher vergeblich auf ihren Einsatz und wird fürs Nichtsingen bezahlt.

Die Skype-Verbindung mit der Tochter bricht ständig zusammen, die beiden Frauen bekommen keinen oder kaum Kontakt. In jeder Beziehung. „Was man erst kaum ertragen kann, wie schnell gewöhnt man sich daran“ singt sie – Borjana Mateewa. Eine Lebensweisheit, aber wenig Trost für ihre Tochter, die keiner mehr will. Deren Jugendbilder regnen von der Decke auf den Boden und werden von den Darstellern zertrampelt.

Schließlich landet die alt gewordene Sängerin in einer japanischen Karaoke-Bar. Mit warmer Stimme und nur auf Bitten der weit entfernten Tochter bringt sie einen Song. Räumt dann auch ein, dass sie ihr Kind alleingelassen hat, um in der Heimat nicht verrückt zu werden. Anrührende Momente.

Die GI’s haben derweil thailändische Prostituierte für 50 Dollar als Trösterinnen auf dem Schoß. Eine Soldatenfrau im fernen Amerika ist dagegen in dem großen Haus allein. Die Kinder sind in der Schule, soll sie als Zeitvertreib immer nur sinnlos putzen und die Blumen neu arrangieren, meutert Luise Wolfram.

Irgendwie typisch, heutzutage ganz gängig ist das Ex-Paar nach der angeblich gemeinsam beschlossenen Trennung. Sie – die Sängerin und perfekte Darstellerin Narine Yeghiyan – wimmert jedoch herzzerreißend ins Telefon. Sie will wieder zu ihm,  doch er,  Tilman Strauß, antwortet mit Hohlsätzen, wie „das ist auch für dich besser“ und besteht darauf, dass sie verabredungsgemäß nicht weinen darf. Er schlüpft auch in die Rolle des historischen Onegin.

Im Ende des 1. Teils singt dann Gyula Orendt, der anfangs eine Szene aus der Oper Onegin gesungen hatte, nun aus Schuberts „Winterreise“ das Lied „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“.

Dieser Wanderer sagt seinem Liebchen noch freundlich „gute Nacht“. Das junge fitte Tanzpaar, Franz Rogowski und Jorijn Vriesendorp, rangelt derweil wüst miteinander und wirft sich abwechselnd krachend auf die Bretter, um sich dann doch noch gierig zu umarmen. Und nur einmal ist es eine Frau, die sich per Facebook einen Neben-Lover gönnt, während der Partner jammert, er könne ihr nicht vertrauen.

In der Schaubühne werden diese zwischenmenschlichen Katastrophen in einem spannenden Cross-Over von gekonntem Schauspiel, Tanz und Musik durchbuchstabiert. In Kostümen von Daniela Selig, vor einem Video von Chris Kondek und mal traditionellen, mal dissonanten Klängen von Malte Beckenbach, Achim Bornhoeft, Oliver Frick, Helgi Hrafn Jónsson, Jan Kopp, Jörg Mainka und Oliver Prechtl.

Das Musikalische haben einige Instrumentalisten der Staatskapelle Berlin unter dem jungen Dirigenten Wolfram-Maria Märtig bestens im Griff. – Helgi Hrafn Jónsson, der isländische Musiker, sorgt anfangs mit einem Lied zur Gitarre und zuletzt in voller Besetzung singend für den scheinbar besänftigenden Schluss. Es ist wohl die Ode an die sehnsüchtigen,  ungeliebten Körper, an die Sich-Selbst-Optimierer und Selbstverwirklicher. Eine Äußerung des streitbaren Arnulf Baring fällt mir dazu ein: Viele hätten gar nicht genug Selbst, um es zu verwirklichen.- Genau das wird hier turbulent und in vielen Facetten unterhaltsam und auch erschreckend deutlich.   

Ursula Wiegand                  

Weitere Termine: 22. und 23.10.2014

 

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