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BERLIN/ Russische Botschaft: KONZERT DES SYMPHONIEORCHESTERS DES KONSERVATORIUMS URAL

31.08.2016 | Konzert/Liederabende

BERLIN / Russische Botschaft: Konzert des Symphonieorchesters des Mussorgski Konservatoriums Ural, 30.8.2016

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Foto: Dr. Ingobert Waltenberger

Das Studentenorchester aus Jekaterinenburg, der drittgrößten Stadt der Russischen Föderation, hat von der europäisch-asiatischen Grenze über 3.600 km zurücklegen müssen, um am Young Euro Classic Festival im Berliner Konzerthaus teilnehmen zu können. Das Orchester gastierte dortselbst am 29.8. mit einem herzlich aufgenommenen Konzert mit Werken von Mussorgski, Abdokow, Rimski-Korsakov und Tchaikovsky. Am nächsten Tag begeisterte das Orchester mit tollem und umjubeltem Spiel im Großen Konzertsaal der Russischen Botschaft in Berlin. Botschafter Vladimir Grinin ist dort der spiritus rector über eine reges kulturelles Leben, wo schon mal auch Valery Gergiev vorbeischaut und Orchesterkonzerte dirigiert.

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Copyright: Dr. Ingobert Waltenberger

 Das 1934 gegründete und ca. 85 Studierende starke Jugendorchester unter der Leitung von Anton Schaburov hat alles drauf von Werken des 18. Jahrhunderts bis hin zu Opern und Uraufführungen. In der Botschaft spielten die sympathischen und sich mit größter Leidenschaft in die Sache werfenden jungen Leute zuerst die Ouvertüre zu Ludwig van Beethovens Fidelio, dann die „Alla Polacca“ aus dem Klarinettenkonzert Nr. 2, Op 74, von Carl Maria von Weber sowie das „Allegro con grazia“ aus der sechsten Symphonie von Pjotr I. Tchaikovsky. Schon bei diesen ersten Kostproben fällt der Sinn für Innenspannung und Dramatik, die Liebe zu Sonorität und das traumwandlerische Atmen mit der Musik auf. Der interpretatorische Zugriff ist kräftig, der tänzerische Schwung im Allegro von Tchaikovsky so unnachahmlich freudvoll-sehnend und doch melancholisch zugleich, wie es nur Russen zu spielen vermögen, die sich diese Musik völlig zu Eigen gemacht haben. Alexander Komkin darf als Soloklarinettist zeigen, wie virtuos und burschikos zugleich das im Auftrag des bayerischen Königs Maximilian I. entstandene Werk erklingen kann.

 Dann ein besonderer Moment des Innhaltens: Der Rektor des Mussorgski Konservatoriums, Prof. Walerij Schkapura, tauchte nach einer kurzen Begrüßung mit der Prélude et Nocturne für Klavier, linke Hand Op. 9 von Alexander Scriabin in Sphären der magischen Interpretation ein, die ein Musikantentum wie aus einer anderen Welt beschwor.   Beim Nicht-Hinschauen hatte man ob der Klangfülle und beseelten Intensität dieses Solostücks für Klavier den Eindruck, als ob nicht nur eine, sondern zwei Hände am Werk wären. Wie aus längst vergangenen Zeiten zeigte dieser weißhaarige Vollblutmusiker, was einen wahren großen Pianisten der russischen Tradition von einem bloßen Virtuosen unterscheidet. Mit innigstem Piano, zarten Trillern bis hin zu kraftvoll durchexerzierten Skalen veredelte dieser unendliche Güte ausstrahlende Mann das Klavierstück des noch jungen Scriabin. Ereignishaft!

 Zum Abschluss und als Höhepunkt des Abends konnte der blutjunge Schkapura-Schüler Arssenij Merslow am Flügel mit dem zweiten Klavierkonzert von Sergej Rachmaninov, Op. 18, bezaubern. Dieses Werk wurde ja nicht zuletzt durch die von José Carreras attestierte musiktherapeutische Wirkung bei der Heilung von seiner Leukämie bekannt. 

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Der russische Botschafter Vladimir Grinin (links) und unser Redakteur Dr. Ingobert Waltenberger. Copyright: Waltenberger

 Anfangs sichtlich nervös, ging der kleine zerbrechlich wirkende Musiker aber so hochvirtuos und musikalisch souverän an die Sache, dass einem der Atem wegblieb. Für mich sind Solokonzerte zumal mit Klavier, immer spannende Hochseilakte, wo ich von der ersten Sekunde an mit jedem Solisten mitzittere, ob alles gelingt. Und da gibt es ja bekanntlich bei diesem dem Neurologen Nikolai Dahl gewidmeten und nach einer langen Zeit der Depressionen geschriebenen Werk so manche technische und harmonische Hürde zu nehmen. Nicht nur bei den immensen Anforderungen an Kraft und Spannweite der Glockenschäge im ersten Satz reüssiert Arssenij Merslow, sondern auch die liedhafte Romantik im zweiten verträumten Satz und die hochvirtuosen Durchführung im Finale des letzten Satzes gelingen einwandfrei. Sein Anschlag ist von Beginn an dezidiert und klar, das Pedal setzt Merslow so dezent wie möglich ein, die Töne können sich so im Raum zu einem Ganzen fügen. Ein Musiker, der um die Notwendigkeit des Einkalkulierens der akustischen Bedingungen eines Saals und die Folgen für ein individuell adaptiertes Spiel Bescheid weiß, ist ja heute eher eine Seltenheit. Das Orchester beginnend von den volltönenden großartigen Celli, der Flöte bis hin zu den samten klingenden Streichern sind Merslow kongeniale Partner auf der Suche nach dem kompositorisch absoluten Urgrund dieses so oft auch als Filmmusik vergegenständlichten Konzertes. Der ohne Noten spielende Pianist als auch auch Dirigent und Orchester werden am Ende für so viel passionierten Einsatz und jugendlichen Elan mit Ovationen bejubelt. 

 Dr. Ingobert Waltenberger

 

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