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BERLIN/ Radialsystem: Sasha Waltz gestaltet GEFALTET – Ballett

18.03.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Berlin, Radialsystem: Sasha Waltz gestaltet „GEFALTET“, 17.03.2012

 

Sasha Waltz, Gefaltet – Mozart in allen Lebenslagen. Foto: Bernd Uhlig

Langsam schreiten die Darsteller barfuß rückwärts, die Tänzer und auch die Musiker. Nicolas Altstaedt spielt dabei auf seinem Cello unverdrossen Mozarts „Divertimento Es-Dur, Satz 2 Adagio KV 563“. Auch der Bratscher Guy Ben-Ziony und die Violinistin  Carolin Widman lassen sich durch das Gehen nicht beirren, spielen auch sitzend und liegend ihren Part.  

Zudem steckt Carolin Widman in einem steifen, breiten Seidenrock (Kostüme: Beate Borrmann) wie in einem Futteral, doch der ist für die Virtuosin auch dann kein Hindernis, wenn sie der Tänzer Edivaldo Ernesto in den Aha-Momenten sachte emporhebt und auch mal kippt. Stets geigt sie fehlerlos weiter.

Genau so souverän agiert Alexander Lonquich am Klavier. Als sein Flügel durch den Raum geschoben wird, spielt er konzentriert und ausdrucksvoll. Er weiß genau wie die anderen – hier ist alles in Bewegung.

Sasha Waltz, gefaltet, Edivaldo Ernesto trägt Carolin Widman, Foto: Bernd Uhlig .

Es geht um das Stück „gefaltet“ von Sasha Waltz und Mark Andre, das im Salzburger Landestheater am 27. Januar 2012 anlässlich der Mozartwoche uraufgeführt  wurde. Das Radialsystem bringt nun die Deutschlandpremiere und damit den Auftakt zur Veranstaltung MaerzMusik. Als „ein choreographisches Konzert“ bezeichnen die beiden Künstler ihre gemeinsame Arbeit, realisiert von „sasha waltz & guests“.

Insgesamt dominiert Mozart mit neun Sätzen aus unterschiedlichen Werken. Marc Andre wirft sieben kurze Stücke ins Geschehen, Gedankenblitze, so scheint es.   

Doch was wird hier gefaltet? Für Sasha Waltz ist mit dem Begriff  Faltung „die Transformation von Zuständen verknüpft, für die im Körperlichen andere Gesetze gelten als in der Musik. Ich suche nach Bewegungen unterschiedlicher Intensität, unterschiedlicher Dichte, nach einem Äquivalent im Körperlichen für die Veränderung der Klanggestalt. Jede Bewegung hat ihre eigene Musikalität. Und auch jede Musik ruft ihre eigenen Bewegungen hervor,“ äußert die Choreografin. Das setzt sie um und tut es nicht zum ersten Mal.

Für Mark Andre, bekannt für Übergänge von Klang zu Geräusch, bedeutet Faltung „eine Art Zwischenbereich und Raumwechsel“. „Einerseits ist es sehr abstrakt. Andererseits geht es um konkrete körperliche und klangliche Situationen.“ Seine Stücke heißen „Klangruine I“,  „Gefrorene Klänge“ oder tragen die Abkürzung iv, was für Introvertiertheit steht.     

Die großartigen Gäste von Sasha Waltz begegnen diesen beiden Musikwelten, den melodienseligen Mozart-Klängen und oft grimmigen Andre-Geräuschen, mit rhythmischer Exaktheit und viel Fantasie. Auch das knallende Aufsetzen der Füße und das betont heftige Atmen von Edivaldo Ernesto finden Eingang in die Klangkulisse. Musik und Tanz verschränken sich in solchen Momenten auf andere Art.   

Mit einer Fülle von Figuren und Bewegungen deuten die Tänzer die von den Solisten dargebotenen Klänge, verwandeln sie auch in außergewöhnliche und atemberaubende Pas de Deux. In solche, wo sie einander in die Arme springen und sich dann wie ein Kleinkind dem Partner an die Brust schmiegen, und in solche, die im Weggehen enden.   

Allerdings wird die tänzerische Umsetzung bei Mozarts „lieblicher“ Musik mitunter zur Gratwanderung, werden hier doch keine Handlungen interpretiert. Einige Male gerät das an den Rand des Kitschigen. Doch ehe der Tanz dorthin abkippt, fangen ihn Sasha Waltz und die Tänzer stets mit ungewöhnlichen Wendungen wieder ein. Dennoch würde diesem Teil des zweistündigen, pausenlosen Abends eine Straffung gut tun.  

Zuletzt dann wieder Mozart und eine quicklebendige Zaratiana Randrianantenaina. Mal auf dem rechten, mal auf dem linken Bein dreht sie in perfektem Rhythmus ihre Ganzkörper-Pirouetten, teils in Schräglage, um sich dann auf den Flügel zu kauern.

Dort beschwert sie die Saiten zunächst mit Notenbüchern und macht zusammen mit dem humorvollen Alexander Lonquich klar, wie verfremdet Mozart plötzlich klingt. Dann streckt sie sich quer zum Notenpult aus und bewirft die Musiker mit künstlichen Schneeflocken. Oder sind es inzwischen Frühlingsblüten?  

Die Musiker lassen sich auch davon nicht ablenken und setzen mit Mozarts „Klavierquartett g-Moll, Satz 1 Allegro“ zum rasanten Endspurt an. Nach und nach kommen alle acht Tänzer (darunter auch Saju Hari, Todd McQuade, Virgis Puodziunas, Sasa Queliz, Judith Sánchez Ruiz und Yael Schnell) auf die Bühne, setzen sich zu ihren Füßen und lauschen bewegungslos. Mozarts sanfte Macht lässt sie ganz still werden.  

Ganz anders der anschließende Applaus. Mit kräftigem Beifall und Getrampel  werden alle Mitwirkenden begeistert gefeiert.     

Ursula Wiegand

 

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