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BERLIN / RADIALSYSTEM: PETITE MESSE SOLONNELLE

BERLIN / RADIALSYSTEM: PETITE MESSE SOLONNELLE, Nico and the Navigators, 30.12. – Oratorium semi seria nach der Musik von G. Rossini

„Did you see the Pope, Benedikt? Yeah. Did the Pope see you? …“

Das Radialsystem Berlin in Friedrichshain hat die szenische Übersetzung von Rossinis Alterswerk „Petite Messe solonnelle“ als Koproduktion des Kunstfest Weimar und „Nico and the Navigators“ wieder ins Programm genommen. In der Halle eines historischen Abwasserpumpwerks in Berlin im Stil der märkischen Backsteingotik hat das Team rund um Regisseurin Nicola Hümpel (Bühne Oliver Proske, Kostüme Frauke Ritter) eine Art Halfpipe auf die sonst leere Bühne gehievt. Darin tummelt sich eine Horde zappeliger Großstadtfreaks auf der Suche nach ihrem Gott, getrieben, zwänglich, Unsinn quatschend, sich selbst mit ihrer pubertären Bedingtheit ins Chaos  zwischen weißen Rosen und Geldbüscheln manövrierend. 

Aber was die jungen Leute da wirklich können und was sie dem Eigentlichen näher bringt, das ist Musik machen. Unterstützt von den vortrefflichen Pianisten David Zobel, Alevtina Sagitullina und Jan Gerdes am Harmonium hören wir eine von allen Beteiligten großartig gesungene „Petite Messe solonnelle“. Im Falle des exzeptionellen Solosoprans Rebecca Gerdes sogar auf absolutem Weltklasseniveau. Wie diese Künstlerin in ihrem blauen Schimmerdress Verzierungen delikat gurrt, Akuti säulengleich in den Raum setzt, mit Rhythmen und Worten experimentiert, ihr glasklar perfekt in der Maske sitzendes Edelinstrument in dieser singschauspielerischen Aktion wie Lichtsterne in den Raum projiziert, ist ereignishaft. Aber auch die kroatische Mezzosopranistin Kora Pavelić, der serbischstämmige Tenor Miloš Bulajić und der weissrussische Bariton Nikolay Borchev überzeugen nicht nur stimmlich in der köstlichen Farce rund um die Ambivalenz menschlicher Gefühle. Sie alle vermessen das pralle Leben auf einen möglichen Zugang zu Glauben, Zweifel samt augenzwinkernder humoriger Ironie. Rossini schau oba! Die haben Deine grandiose Messe zwischen Wahrhaftigkeit und Geschmacksverirrung, luzider Spiritualität und pompösem Opernton verstanden. Gemeinsam mit einem typenstarken kleinen Chor, den Performern Yui Kawaguchi, Martin Clausen, Charles Adrian Gillot und Patric Schott folgen sie dem Pfad der Musik bis tief hinein in ihre Seelen. Mal Himmel und Hölle, mal Schuld und schlechtes Gewissen, spiegeln sie pantomimisch mit einem ausgetüftelten Bewegungskanon das stilistische Vielerlei der 1864 in der Privatkapelle des Pariser Adeligen Comte Michel-Frédéric Pillet-Will uraufgeführten Kirchenmusik. 

Allerdings wird in der Produktion zuviel gesprochen. Und zwar von einem englischsprachigen, in mönchische Braunkutte und orangefarbene Sonnenbrille gewandeten Guru, der dem schnöseligen Wahrheitssucher im cremehellen Anzug und Rollkragenpulli gar „Gescheites“ mit auf den Weg geben will, in der poetischsten Szene des Stücks aber grandios scheitert. Da lösen die beiden jungen Leute geschwungene Stufen aus einer Sitzpyramide und vollführen Schaukelig-Akrobatisches. Hier erweist sich denn der Schüler als der Meister.

Die Musik unter der wissenden Leitung des ebenfalls auf der Bühne herum irrlichternden Dirigenten Nicholas Jenkins ist so stark und gewichtig (und übertraf in der Wirkung alle CD-Aufnahmen, die ich kenne), dass die szenische Unübersichtlichkeit zwar oft zum Lachen reizt, bisweilen jedoch in den rein dialogisierenden Passagen über gut gemeinten Slapstick nicht hinausreicht. Der Zuseher braucht gar nicht erst zu versuchen, das hippelige Treiben auf der Bühne in logischen Assoziationsketten zu ordnen. Es tut seine Wirkung, vernachlässigt aber final doch die spirituelle Seite, das zart Lyrisch-Poetische. Des Öfteren habe ich mich gefragt, welche Theaterbilder wohl Ariane Mnouchkine aus Rossinis handfest lebensbejahender und dennoch engelseliger Musik destilliert hätte? Dennoch ist es insgesamt ein anregender, unterhaltsamer typisch Berliner Abend geworden. Das alte philosophische Prinzip „Prima la musica e poi le parole“ wurde durch diese Produktion jedenfalls nicht ausgehebelt. Es lebe der Maestro der komischen Oper, Gourmet, Frühpensionist, dieserFarceur und Schelm in allen Gassen Rossini!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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