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BERLIN/ Philharmonie: WAR REQUIEM unter Simon Rattle

Berlin/ Philharmonie: “WAR REQUIEM” unter Simon Rattle, 14.06.13


Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle. Foto: Monika Rittershaus

Ein Riesenwerk ist das “War Requiem” op. 66 von Benjamin Britten, ein opus magnum, komponiert 1961 zur Weihe der wieder aufgebauten St. Michaels-Kathedrale in Coventry (England). Dort wurde es am 30. Mai 1962 uraufgeführt.

1940 waren die Stadt und das Gotteshaus durch deutsche Bomben weitgehend zerstört worden, doch die Feier wurde ein großherziger Akt der Versöhnung. Den Bariton-Part sang seinerzeit Dietrich Fischer-Dieskau, die vorgesehene russische Sopranistin hatte allerdings kein Ausreisevisum erhalten.

Seither haben wir weltweit weitere Kriege erlebt, bis zum heutigen Tag. Und so ist Brittens Werk nach wie vor höchst aktuell, und seine Musik ist es ebenfalls. Britten beschränkt sich aber nicht nur auf die üblicherweise verwendeten Teile des lateinischen Requiems. Vielmehr reichert er sie mit Versen des Dichters Wilfred Owen an, der als Soldat noch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs den Tod fand.

Dessen Zeilen geben Brittens Requiem eine höchst persönliche Note. Der Komponist betrauert nicht nur die Toten. Ihm als Pazifisten geht es auch darum, die Sinnlosigkeit von Kriegen zu zeigen und zur Versöhnung aufzurufen. Auch musikalisch unterscheiden sich die lateinischen Texte deutlich von den auf Englisch gesungenen Versen. Britten stellt Tradition und Moderne gegenüber, aber ohne das eine dezidiert gegen das andere auszuspielen. Irrtumsmöglichkeiten inklusive – die kritische Wertung eines unabhängigen Geistes

Unter Simon Rattles Händen nimmt dieses Werk mit seinem oft zu hörenden Glockenklang und beunruhigenden Marsch-Rhythmen erneut tief beeindruckend Gestalt an. Ein würdiges Geschenk zu Brittens 100. Geburtstag. Das – nach seiner Vorgabe – Großaufgebot von Instrumentalisten und Sängern führt er sicher und mit spürbarem Engagement durch die anspruchsvolle Partitur. Abgesehen von den Solisten sind es die Berliner Philharmoniker, der Rundfunkchor Berlin (unter Simon Halsey) sowie die Knaben des Staats- und Domchors Berlin (einstudiert von Kai-Uwe Jirka). Sie alle vereinen sich zu aktiven Gestaltern.

Nach dem inhaltlich eher fatalistischen „Requiem aeternam dona eis Domine“ folgt bald darauf Owens herber Klartext, übersetzt mit „Was für Totenglocken gebühren denen, die wie Vieh sterben?“ Nichts da mit Kriegsverherrlichung und Heldentum. Die Sinnlosigkeit des Tötens zieht sich textlich und musikalisch durch das gesamte Werk.

Diese Verse singt der britische Tenor John Mark Ainsley, lässt aber zunächst einiges an Volumen und Eindringlichkeit vermissen. Ganz anders der deutsche Bariton Matthias Goerne, dessen Stimme, Gestik und Körpersprache seinen Partien eine nachdrückliche Präsenz verleihen. Die ihm zugedachten Zeilen „Hörner sangen, stimmten die Abendlust traurig“ berühren sofort. Er hat dieses Requiem verinnerlicht, tut hier nicht nur seinen Job.

Die wichtige Sopranrolle obliegt der Amerikanerin Emily Magee. Auch sie gestaltet ihre Verse mit Engagement und schönen Spitzentönen bis zum angstvollen hohen C, doch ihr anfangs recht starkes Vibrato passt nicht so recht in dieses Requiem, das überdies den Gefallenen durch ein 12-köpfiges Kammerorchester einen gesonderten Klangraum bietet.

Wunderbar greifen jedoch der Rundfunkchor und Orchester ineinander, vereinen sich nahtlos, sei es im Pianissimo des Kyrie oder im Fortissimo des Sanctus, bei dem Simon Rattle sein Temperament zügelt und den Klang keineswegs ausufern lässt.

Quintessenz des gesamten Requiems ist sicherlich das Miteinander zweier sterbender Soldaten: „Ich bin der Feind, den du getötet hast, mein Freund, “ singt verhalten und innig der Bariton (Matthias Goerne). Ein Schlüsselsatz. Der Tod egalisiert Freund und Feind. Schuld und Sühne obliegt beiden Seiten.

Mir kommt die auf Deutsch (!) gehaltene Predigt von Collin Bennetts, Ex-Bischof von Coventry, in den Sinn, die er am 30. Oktober 2005 bei der Weihe der wieder aufgebauten Dresdner Frauenkirche gehalten hat. Er betonte den Coventry-Wahlspruch: „Vater vergib“, nicht etwa „Vater vergib ihnen“, also den Deutschen, die die Bomben geworfen haben.

Ein Motto, das durch Brittens gesamtes Requiem zieht, in den kirchlichen und noch mehr in den individuellen, versgebundenen Teilen. Ein Vermächtnis mündend in F-Dur, Hoffnung weckend auf eine jenseitige Friedenswelt.- Erst nach langer, nachdenklicher Pause brandet der lang anhaltende Beifall auf. Wir haben die Botschaft verstanden. Und die anderen…..?

Weitere, schon weitgehend ausverkaufte Termine: 15. und 16. Juni.

Ursula Wiegand

 

 

 

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