Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BERLIN/Philharmonie: TEODOR CURRENTZIS und musicAeterna of Perm Opera mit Werken von Gustav Mahler.

Großartig

07.12.2018 | Konzert/Liederabende

Berlin / Philharmonie: Teodor Currentzis und musicAeterna of Perm Opera mit Werken von Gustav Mahler. Großartig! 05.12.2018

Wie ein Lob und eine Warnung zugleich klang das, was vorher über das Mahler-Konzert unter der Leitung von Teodor Currentzis auf dem Konzertkalender der Berliner Philharmoniker zu lesen war: „Das Orchester musicAeterna of Perm Opera unter der Leitung von Teodor Currentzis gehört zu den spannendsten Ensembles der internationalen Musikszene. Es gastiert bereits zum zweiten Mal in dieser Saison in der Philharmonie und widmet sich dieses Mal ganz der Musik von Gustav Mahler. Dabei ist eines sicher: So hat man die Vierte Symphonie des Komponisten und seine Wunderhornlieder wahrscheinlich noch nie gehört.“

Wird also Currentzis, dem immer noch das einst von ihm gepflegte Revoluzzer-Image anhaftet, alles durcheinander wirbeln, um die Hörerinnen und Hörer mit einer neuen Sichtweise auf Gustav Mahler zu irritieren oder gar zu schockieren?

Keineswegs, genau das Gegenteil ist der Fall. Offenkundig hat sich Currentzis sehr intensiv und voller Freude mit Mahler beschäftigt, insbesondere mit den vom Komponisten geliebten Liedern aus „Des Knaben Wunderhorn“. Kein Detail Currentzis entgangen, alles holt er heraus und legt es als Summe – zusammen mit dem von ihm gegründeten Orchester musicAeterna of Perm Opera – dem Publikum förmlich zu Füßen.

Auch die beiden Solisten – Anna Lucia Richter (Sopran) und Florian Boesch (Bariton) machen mit intensivem Einsatz und stimmlich überzeugend mit. Auf diese Weise gewinnt jedes Lied etwas zeitlos Lebendiges. Sie alle werden, je nach dem Text, zu ganz unterschiedlich eingefärbten Schmuckstücken, einige zu einem heiteren Sommerfest passend, andere eher zu einem Begräbnis.

Currentzis scheint diese Lieder genau zu kennen und könnte sie sicherlich selbst darbieten. Wenn die beiden Interpreten diesen volkstümlich grundierten Piècen Liebe und Leiden einhauchen, singt Currentzis, sich zu ihnen drehend, tonlos mit. Spiegelbildlich zu den Singenden formen seine Lippen jedes Wort und jede Verzierung. Ein spitzbübisches Lächeln bleibt mitunter nicht aus. Feinstes Musiktheater im Miniformat.

Den Anfang macht „Der Schildwache Nachtlied“. Florian Boesch setzt dafür resolut seinen kernigen Bariton (beinahe Bassbariton) ein und lässt in Stimme und Mimik die Schwankungen zwischen Soldatenmut und Todesgewissheit hören.

Dagegen strotzt das tänzerische „Rheinlegendchen“ nur so vom Übermut eines jungen verliebten Mädchens. Anna Lucia Richter, auch im Schauspiel hochbegabt, macht daraus ein kleines Juwel. Urkomisch und gar wienerisch wird die gebürtige Kölnerin bei „Verlorene Müh’“, und sehr lustig klingt „Wer hat dieses Liedlein erdacht?“ Beim skurrilen „Des Antonius von Padua Fischpredigt“, spöttisch von Florian Boesch gesungen, zeichnen Currentzis’ bewegliche Hände die Wellen nach.

Gemeinsam und mustergültig interpretieren Boesch und Richter das „Lied des Verfolgten im Turm“. Die Gedanken sind frei, lautet des Mannes Motto. Deswegen ist er eingesperrt, darauf beharrt er. Boesch singt es mit markanter Stimme. Seine Geliebte, anfangs noch um Fröhlichkeit bemüht, steht zuletzt hörbar traurig an der Kerkertür.
Abgesehen vom ironischen Gesangswettbewerb zwischen Kuckuck und Nachtigal mit dem Esel als Schiedsrichter („Lob des hohen Verstandes“) überwiegen zuletzt die Lieder, die sich mit dem Tod beschäftigen. Hier das Mädchen, das vor Hunger stirbt, weil die Mutter nicht schnell genug säen, ernten, dreschen und Brot backen kann. Dort die todgeweihten Soldaten. Ganz zart singt Boesch die Abschiede der Männer von ihren Geliebten.
Dem einen droht das Aus am Galgen, der andere stirbt im Kugelhagen und trommeln als Toter weiter. „Revelge“ heißt dieses letzte Lied und wird von Florian Boesch entsprechend expressiv dargeboten. Das trotzige Trallali, trallaley, trallalera tönt, hart rhythmisch und im aufbrausenden Forte vom Orchester begleitet, unheimlich durch den Saal. Anschließend heftiger Applaus.

Nach der Pause Mahlers „Symphonie Nr. 4“ G-Dur, die letzte seiner vier Wunderhorn-Symphonien, an der er bis zum Lebensende immer wieder gefeilt hat. Ein Werk, überaus naturverbunden und gleichzeitig utopisch in seiner exzessiven Romantik. Die Gefahr, in den Kitsch abzugleiten oder absichtlich hineinzusteuern, ist groß. Letzteres hätte ich Currentzis durchaus zugetraut. Genau das macht er jedoch nicht, sondern zelebriert, wieder alle Details herausholend, Wohllaut pur. Schwungvoll fügt dieses topfitte Orchester, angeführt vom quicklebendigen 1. Geiger, dieses Musik-Gemälde schwelgerisch zusammen.

Im 4. Satz mit dem Lied „Das himmlische Leben“ schauspielern Anna Lucia Richter und Currentzis um die Wette. Für ein Festmahl müssen aber das unschuldige Lämmlein, ein Ochse und die geangelten Fische sterben. Derweil backen die Englein das Brot – Frau Richter singt das spöttisch – und die elftausend Jungfrauen von St. Ursula tanzen zur Hofmusik der Hl. Cäcilia.

Wäre das nicht ein Volkslied aus vorvergangenen Zeiten, könnte nun manchen Menschen entweder der Magen knurren oder der Appetit vergehen. Maler wollte ursprünglich eine Humoreske komponieren, speziell in dem 4. Satz klingt das auch so. Currentzis und das famose Orchester lassen jedoch keine Zweifel hören. Sie beglücken das Publikum mit einer hochromantischen Vierten und werden mit „standing ovations“ gefeiert. Wahrscheinlich haben alle Mahlers Vierte Symphonie und seine Wunderhornlieder so noch nie gehört.

Ursula Wiegand

 

Diese Seite drucken