Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BERLIN/ Philharmonie: SINFONIEKONZERT MIT REGERS „REQUIEM“ unter Barenboim mit Placido Domingo

Berlin/ Philharmonie: Sinfoniekonzert mit Barenboim und Domingo, 18.04.2014

Während der „Festtage“ zieht Daniel Barenboim mit der Staatskapelle Berlin, falls erforderlich, in die Philharmonie, und dank Plácido Domingo als Gastsolist ist der große Saal komplett ausverkauft. Sein Name zieht, selbst wenn er in Max Regers kurzem und selten gespieltem „Requiem“ op. 144b nur wenig zu tun bekommt. Einige Zuhörer sind davon sichtlich überrascht worden.  

Im Wechsel mit dem Staatsopernchor, einstudiert von Martin Wright, und begleitet von Barenboim mit der Staatskapelle singt Placido Domingo dreimal den Dreizeiler: „Seele, vergiss sie nicht, Seele vergiss nicht die Toten, Seele, vergiss sie nicht!“ Beim vierten und letzten Mal wird dieser Vers gesplittet. Max Reger (1873-1916) hat damit ein Gedicht von Friedrich Hebbel vertont. Daher wird das Stück, das ein Torso geblieben ist, auch als „Hebbel-Requiem“ bezeichnet.

Schmerz und Trauer prägen diese Musik. Hier geht es nicht um Erlösung, sondern nur ums Nicht-Vergessen-Werden. Für Reger, der als unmäßiger Raucher, Esser und Trinker seine Gesundheit frühzeitig ruiniert hatte, wurde es vorahnungsvoll zur eigenen Begräbnismusik. Denn erst nach seinem Tod, bei einer Gedächtnisfeier am 16. Juli 1916, hat man es  uraufgeführt. Domingo singt diese wenigen, sich wiederholenden Zeilen mit Ausdruck und Anteilnahme. 

Inhaltlich schließt sich Regers Requiem dem kurzem Auftaktswerk an: Mozarts   „Maurerischer Trauermusik“ c-Moll KV 477, gleichfalls die Komposition eines früh Verstorbenen, jedoch früh Vollendeten!  Als Appetithäppchen und Zeitfüller ist dieses facettenreiche Opus des Freimaurers Mozart eigentlich zu schade, passt aber in die Karwoche. Dem schwebenden Anfangsgesang der Bläser schließen sich erst nach einiger Zeit die Violinen und Bratschen an, bis die Contrabässe den Schluss des kleinen Meisterwerks einleiten.
Vermutlich haben Barenboim und die Staatskapelle all’ ihre Kraft für den im diesjährigen Gedenkjahr allenthalben gefeierten Richard Strauss aufgespart, hier für sein sehr anspruchsvolles „Ein Heldenleben“ op. 40. Dass Barenboim, stets kerzengerade, gerade dieses Beinahe-Selbstporträt des Komponisten aus dessen neun Tondichtungen ausgewählt hat, kommt wohl nicht von ungefähr, und er dirigiert sich förmlich in Rage.
Seine Staatskapelle scheint er mitunter wie ein Feindesheer zu attackieren, und die Musiker parieren, aber sicherlich aus freien Stücken. Mit spürbarem Engagement und selbstverständlichem Können malen sie dieses Strauss-Porträt, bestehend aus viel Selbstbewusstsein und Selbstironie. Domingo hat sich derweil als Zuschauer auf das Podium vis-à-vis gesetzt und folgt dem Geschehen mit großer Aufmerksamkeit.
Glanzvoll erklingt das „Heldenthema“ in der Grundtonart Es-Dur, genau wie Beethovens Eroica! Er, Strauss, als Ebenbürtiger, als einer, der nach eigenem Dafürhalten seine Tondichtung genau so effektvoll wie der Titan in Szene zu setzen meint. 

Mit den keckernden und schnarrenden Holzbläsern macht sich Strauss über seine Kritiker lustig, und das ist auch lustig anzuhören. Auch die Blechbläser sind an diesem Abend eine Klasse für sich. Fabelhaft dann das Violinsolo, des Helden Gefährtin charakterisierend. Feinfühlig spielt es der 1. Konzertmeister Wolfram Brandl. Bei seiner kristallklaren, eher leisen Darbietung wagt niemand im Saal zu husten.
Gewiss – Strauss hat auf die zunächst geplante Bezeichnungen der 6 Teile schließlich verzichtet, doch bekannt sind sie geworden und musikalisch auch gut zu erkennen. Welche Kämpfe auf „Des Helden Walstatt“ geführt werden, und wie der sich erneut dem missgünstigen Geplapper seiner Gegner erwehrt, ist deutlich herauszuhören.

Dass Strauss für die Friedenswerke des Helden aus seinen anderen Tondichtungen zitiert,  grenzt schon an Hochmut. Doch selbst Helden werden mal kampfesmüde und ziehen sich dann in ruhigere Gefilde zurück.
Dem Heldenleben zufolge tat es Richard Strauss schon mit 34 Jahren. Werden sich die über 70-jährigen Helden dieser „Festtage“ etwas Ruhe gönnen und wollen sie das überhaupt? Der Jubel der Zuhörer auch an diesem Abend ist ihr Lebenselixier, das Dirigieren, Klavierspielen und Singen ihr persönliches Fitnessprogramm.  

  Ursula Wiegand
 

 

Diese Seite drucken