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BERLIN/ Philharmonie/ „Musikfest“: THE DREAM OF GERONTIUS – Oratorium op. 38 von Edward Elgar, seine große Glaubens-Choroper

21.09.2016 | Konzert/Liederabende

Musikfest Berlin/ Philharmonie: THE DREAM OF GERONTIUS, Oratorium op. 38 von Edward Elgar, seine große Glaubens-Choroper, 20.09.2016

The Dream of Gerontius, Barenboim, Staatskapelle und Andrew Staples,  Foto Holger Kettner
Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboim, Andrew Staples. Copyright: Holger Kettner

Oratorium hat Edward Elgar „The dream of Gerontius“ genannt. Es ist das opulente opus magnum eines Autodidakten, dessen Eltern zu arm waren, um ihm eine musikalisch-akademische Ausbildung zu ermöglichen, die sich gut Betuchte seinerzeit speziell in Deutschland angedeihen ließen.
Elgars Mitwirkung in zahlreichen heimischen Chören und Geigenunterricht in Leipzig schufen immerhin eine gewisse Basis. Vor allem kam ihm Englands immense Chortradition zugute. Seit Händels „Messias“, der mit riesigem instrumentalen und sängerischem Aufwand auf den damaligen Musikfesten vor oft tausenden Zuhörern aufgeführt wurde, ist Britannien ein Oratorienland. Auf dieser Schiene wurde Elgar erfolgreich.

Der Traum des Gerontius, komponiert nach einem umfänglichen Gotteslob-Text (1865) von Kardinal John Henry Newman, war ein Auftragswerk des renommierten Birmingham Festival. Nach Selbstschulung Elgars an Mahler und Wagner, dessen „Parsifal“ ihn in Bayreuth intensiv beeindruckt hatte, komponierte er, ein Katholik, dieses Oratorium, eine aufwändige „große Glaubens-Choroper“, die allerdings erst bei der Zweitaufführung am 19. Dezember 1901 in Düsseldorf zu einem Triumph geriet.

Daniel Barenboim, der Elgars Kompositionen ohnehin schätzt, zeigt, dass ihm dieses Werk besonders am Herzen liegt. Mit Hingabe und Engagement dirigiert er und hält alle Fäden in den Händen. Einfach ist das nicht, denn ähnlich wie in Old England wird nun, was den Aufwand betrifft, geklotzt und nicht gekleckert.

Neben der Staatskapelle Berlin, die fabelhaft spielt und Barenboims Intentionen aufs Beste verwirklicht, sind drei Chöre aufgeboten, die überdies tadellos harmonieren: der Staatsopernchor, einstudiert von Martin Wright, der RIAS Kammerchor (mit Justin Doyle) sowie der Konzertchor und Jugendchor der Staatsoper Unter den Linden (betreut von Frank Flade).

Das Ergebnis ein Klangerlebnis der Sonderklasse, gleichzeitig der großartige Abschluss des Musikfestes Berlin 2016 sowie das 1. Abonnementkonzert der Staatskapelle Berlin, die in diesem Jahr ihr 450-jähriges Bestehen feiert. Die Erwartungen für die neue Spielzeit sind also hoch gesteckt, auch ohne solch einen bombastischen Aufwand.

Doch nicht nur wegen Edward Elgar und der Chöre sind viele gekommen, sondern wegen Jonas Kaufmann, der die Titelpartie des Gerontius singen sollte. Der sagte krankheitsbedingt knapp 1 Woche zuvor ab, sein Ersatzmann Toby Spence nach 1 Tag. Andrew Staples ist kurzfristig eingesprungen und zeigt sich qualitätsmäßig keineswegs als dritte Wahl. Sein Werdegang zunächst als Chorist an Londons St. Paul’s Cathedral und seine Konzertauftritte u.a. mit den Berliner und Wiener Philharmonikern erinnern ein wenig an den von Elgar.
Staples bringt eine „typisch britische“ Oratoriumsstimme gekonnt ins Spiel, intonationsrein und wendig, hat keinen sehr volumigen, aber ausdrucksfähigen Tenor, der sich aber auch gegen die Klangmassen behaupten kann. Seine Stimme passt genau zum Stück. Darüber hinaus verdeutlicht er in Mimik und Körpersprache, wie er sich diesen Gerontius in seiner Todesangst, seinem Loslassen und seinem Weg ins Paradies zu eigen macht hat.

Der erste Teil des Oratoriums ist allerdings deutlich spannender und abwechslungsreicher als der folgende, der aufzeigt, wie die Seele des Gerontius von einem Engel, seinem Schutzengel, auf ihrem letzten Weg hin zu Gott bzw. ins Fegefeuer begleitet wird. Dialoge zwischen den beiden en masse mit Wyn-Rogers (anstelle von Sarah Connolly) als Einspringerin. Ihr Mezzo, oft mit reichlich Tremolo, manchmal schrill, hat die besten Tage hinter sich. Als Fels in der Brandung jedoch Thomas Hampson mit seinem knackigen, klangreichen Bariton, der leider nur 2 kurze Einsätze hat, als Priester und später als Todesengel.

Wie schon angedeutet,  erreicht dieser zweite, deutlich längere Teil nicht die Spannkraft des ersten. Die lieblichen Engelchöre, die Gerontius’ Seele auf der Wanderung ins Paradies begleiten, singen zuckersüß und segeln hart am Kitsch, was Elgar (bekannt durch seinen Pomp and Circumstance-Marsch) öfter und nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen wird. Erst wenn die Dämonen auftreten, wird die Gerontius-Musik wieder farbig.

In diesen Engelspassagen fällt auch die religiöse Schwülstigkeit des vertonten Gedichts auf, die die anglikanische Kirche zunächst als zu katholisch beanstandete. Doch die Begeisterung des Publikums für dieses Werk fegte schnell alle Einwände hinweg. Bis heute gehört das Gerontius-Oratorium zu den Lieblingswerken der Engländer. Dank Barenboim und den Seinen hat es auch die Zuhörer in Berlin begeistert. Starker, anhaltender Jubel für alle ist der verdiente Lohn.    

Ursula Wiegand

 

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