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BERLIN / Philharmonie: MANON LESCAUT – konzertant

27.04.2014 | KRITIKEN, Oper

Berlin/ Philharmonie: Jubel für „MANON LESCAUT“ konzertant, 26.04.2014

Simon Rattle dirigiert Manon Lescaut, Foto Monika  Rittershaus
Simon Rattle dirigiert „Manon Lescaut“. Foto: Monika Rittershaus

Baden-Baden hatte mit “Manon Lescaut” bei den Osterfestspielen mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle das Erstgeburtsrecht. Dort wurde Puccinis erste große Erfolgsoper szenisch dargeboten, was – den Kommentaren zufolge – nicht voll überzeugte. In Berlin tritt das gesamte Team noch einmal an und bietet eine konzertante Version. In der ausverkauften Philharmonie gilt daher die Aufmerksamkeit allein der Musik. Auch das hat Vorteile.

Rattle widmet sich mit der Wahl dieser Oper erstmals Giacomo Puccini und tut es mit der ihm eigenen Intensität. Dass zu Beginn manches etwas zu streng und gewaltig klingt, gerät jedoch alsbald in Vergessenheit. Denn Rattle und die Seinen legen sich ohne Ermüdungserscheinungen und mit offensichtlicher Freude ins Zeug und malen die Geschehnisse plastisch aus. Deutlich klingen auch die Gefühlsschwankungen dieser jungen Frau an, die dank ihrer Schönheit beides haben will: heiße Küsse und gleißendes Gold. Für Puccini der perfekte Stoff für sein lyrisches Drama.

Mit Lyrik und italienischem Schmelz haben jedoch fast alle Sänger einige Probleme, müssen sie doch viel Kraft aufwenden. Sie stehen zwischen dem Orchester und dem Philharmonia Chor Wien (einstudiert von Walter Zeh), müssen also über die Philharmoniker-Phalanx hinwegsingen. Bogdan Mihai als Edmondo mit seinem hellen, durchaus lyrischen Tenor ist damit überfordert.

Eva-Maria Westbroek als Manon Lescaut macht diese Entfernung dank ihrer in Wagnerrollen gestählten Stimme nichts aus. Dass ihr leuchtender, vibrationsreicher Sopran recht schwer für eine junge Verliebte ist, steht auf einem anderen Blatt. Auch ihr Spontan- Lover Renato Des Grieux – Massimo Giordano – hat anfangs einige Mühe, schöne Tenor-Töne aus seiner vielleicht etwas strapazierten Kehle hervorzuzaubern. Daher bleibt es beispielsweise den Philharmonikern vorbehalten, mit dem „Gezwitscher“ von Violinen und Bläsern das verliebte Mädchen und später die Kapriziöse in den Nobelgemächern des alten Raffzahns Geronte de Ravoir (Liang Li, Bass) lebendig werden zu lassen.

Damit sind wir im 2. Akt und beim eitlen Auftaktsgeplänkel der von der eigenen Schönheit berauschten und vom Luxusleben gelangweilten Manon. Zu ihrer Unterhaltung ertönt ein Madrigal, sehr fein vom Musiker, der (hochschwangeren) Magdalena Kožená (Mezzo), zusammen mit dem Wiener Chor gesungen.

An dem Menuett unter dem Ballettmeister Krešimir Špicer, Tenor, hat die junge Frau, die sich gerne zur Schau stellt, mehr Spaß, doch bald schürzt sich bekanntlich der dramatische Knoten, da Manons verständnisvoller Bruder Lescaut (Lester Lynch, Bariton) eine erneute Begegnung mit Des Grieux arrangiert.

Wie nun die temperamentvolle Eva-Maria Westbroek – Simon Rattles Wahl für diese Rolle – all’ ihre fraulichen Waffen einsetzt, um den von ihr Enttäuschten wiederzugewinnen und er erneut in Rage gerät, wird von beiden großartig gesungen und gespielt. Sie reißt Massimo Giordano spürbar mit, und so gewinnt auch seine Stimme an Fülle und Glanz.

Dass sich die Beiden nach der Versöhnung innig küssen, findet jedoch der Kollege neben mir bei einer konzertanten Aufführung völlig unpassend. Warum eigentlich? Dass die Sängerinnen und Sänger bei dieser Art Darbietung im Abendkleid und Frack/Smoking zumeist stocksteif dastehen und ihren Part manchmal recht emotionslos singen, ist keine ideale Lösung, heutzutage weniger denn je. Die Kleiderordnung dem Stück entsprechend aufzulockern, wäre ebenfalls kein Fehler. Eine konzertante Aufführung sollte auch für weniger geübte Opernbesucher einigermaßen authentisch wirken.

Zurück zu Manon, die vor der (erneuten) Flucht mit ihrem Geliebten die genau so geliebten Klunkern zusammenrafft und dadurch wertvolle Zeit verliert. Das bevorstehende Unglück kündet das wunderbare Intermezzo vor dem dritten Akt an. Nach den innigen Cello- und Bratschensoli wird es von den Philharmonikern zuerst schwelgerisch, dann zupackend gespielt. Bald trägt Frau Westbroek ein schlichtes graues Kleid (sic!), wie es einer Inhaftierten geziemt. Der Chor aus Wien verlebendigt unterdessen das sensationsgierige Volk, das sich an der Zwangsverschiffung junger Delinquentinnen nach Amerika ergötzt.

Als schließlich Manon und Des Grieux durch die Wüste irren, muss Eva-Maria Westbroek nicht mehr auftrumpfen. Mit innigem Piano, fast ohne Vibrato, begleitet sie die letzten Schritte der Elenden, alsbald Dahinscheidenden. Nun entwickelt ihre Stimme zusammen mit der von Massimo Giordano zarten, berührenden Glanz. Bei diesem schön gesungenen und ebenso schön gespielten Schluss ist Puccinis „Manon Lescaut“ wirklich in der Berliner Philharmonie angekommen.

Rattle bleibt mit erhobenen Armen stehen, ein Nachdenken einfordernd. Dann bricht sich der Beifall Bahn, der alle belohnt, auch Arthur Espiritu (Tenor, als Lampenanzünder) sowie die beiden Bässe Reinhard Dorn (Wirt und Seekapitän) und Johannes Kammler (Sergeant der Bogenschützen).

Zuletzt stehende Ovationen für das Liebespaar, den Wiener Chor, den strahlenden Simon Rattle und seine glücklich dreinblickenden Philharmoniker. „Hic Rhodus, hic salta“, lautet ein Sprichwort.

Ursula Wiegand

 

 

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