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BERLIN/ Philharmonie: KIRILL PETRENKO UND DANIEL BARENBOIM MUSIZIEREN GEMEINSAM

11.01.2020 | Konzert/Liederabende


Kirill Petrenko und Daniel Barenboim. Foto: Stephan Rabold

Berlin/ Philharmonie: Kirill Petrenko und Daniel Barenboim musizieren gemeinsam, 10.01.2020

Kirill Petrenko und Daniel Barenboim – beide Stardirigenten, beide „Alphatiere“. Doch wenn Barenboim den Klavierpart innehat, herrscht bestes Einvernehmen. Solch eine gut funktionierende „Elefantenhochzeit“ war schon einmal – auch mit den Berliner Philharmonikern – unter Simon Rattle, ihrem dem Ex-Chefdirigenten, Ende Februar 2018 zu erleben. Nun also die Kombination mit Kirill Petrenko, dem neuen Chef dieses internationalen Spitzenorchesters.

Die Erwartungen des Publikums waren groß und die drei Konzerte seit vielen Wochen ausverkauft. Ich erlebe die zweite Aufführung, und wieder fällt auf, dass viele Berliner und ihre Gäste Daniel Barenboim am Flügel besonders schätzen. Bei ihm selbst scheint das – zumindest an diesem Abend – ebenso der Fall zu sein.

Vielleicht gehört Beethovens „Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll“ op. 37,  in dem sich der Komponist deutlich auf zwei Moll-Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart bezieht, sogar zu Barenboims Lieblingsstücken, die er auswendig spielt. Ein Eindruck, der sich im Laufe der Darbietung weiter verstärkt.

Mit dem Komponieren  dieses Klavierkonzerts hatte Beethoven 1796 begonnen, uraufgeführt wurde es aber erst am 5. April 1803 im Theater an der Wien mit ihm selbst am Klavier. Zwei Schicksalsschläge hatte er darin verarbeitet: das Scheitern seiner ersten großen Liebe und die beginnende Taubheit.

Seine Verzweiflung über den Hörverlust fand ihren Niederschlag im Heiligenstädter  Testament vom Oktober 1802. Aus dieser schwierigen Zeit, in der Beethoven sogar an Selbstmord dachte, stammt sein bekannter trotziger Satz: „ich will dem schicksal in den rachen greifen, ganz niederbeugen soll es mich gewiß nicht“.

Barenboim, der bei dieser Klaviersonate recht lange auf seinen Einsatz warten muss, startet kraftvoll, um dann, so scheint es, Beethovens  Gedanken an das schöne, einst geliebte Mädchen in den Vordergrund zu stellen. Sein Spiel klingt hier leicht und sehr nach Mozart. Generell lässt sich Barenboim an diesem Abend viel Zeit, baut mitunter noch kleine Rubati ein und hebt, wie gewohnt, hin und wieder einige Noten deutlich heraus.

Dass dieser erste Satz  jedoch „Allegro con brio“, heißt und geschwinder gespielt werden könnte, wird von Barenboim nicht in die Tat umgesetzt. Vielmehr setzt er auf perlende Läufe und Triller, kann auch Oktaven aufeinander türmen. Doch nur keine Hast. Insofern gibt er vor, wo es langgehen soll. Den ersten und zweiten Konzertmeister hat er stets im Blick und die beiden ihn. Petrenko zeigt sich als Gentleman und hält die Berliner Philharmoniker etwas zurück.

Noch mehr versenkt sich Barenboim in das Largo, so als spiele er es nur für sich selbst. Die Melodien schweben sanft und manchmal pianissimo durch den Saal. Beethoven, Mozart, Barenboim und die Berliner Philharmoniker scheinen trotz einiger pointierter Klaviertöne von schönen Zeiten zu träumen, und alle im Saal lauschen gespannt.

Auch im Rondo herrscht zumeist keine Eile. Oft bleibt es beim gemäßigten Hüpfen und steigert sich nicht in ein wahres Presto. Doch nach der überwiegend langsamen und gefühlsreichen Gangart der beiden vorangegangenen Sätze muss das zuletzt nun auch nicht sein und enttäuscht das Publikum keineswegs.

Im Gegenteil. Diese ruhige einfühlreiche Darbietung, die Ohren und Gehirn Zeit zum Verstehen und Mitfühlen gelassen hat, löst nun sofortigen Jubel und viele Bravi aus. Solch einen intensiven Applaus hat Barenboim auch als Pianist schon länger nicht mehr erhalten und überdies weit mehr als mitunter als Dirigent. Immer wieder muss er auf die Bühne, und generös überlässt ihm Petrenko den Hauptteil der Begeisterung.

Nach der Pause steckt Kirill Petrenko mit der selten aufgeführten Symphonie c-Moll op. 27 „Asrael“ von Josef Suk sein Terrain ab, liegt es ihm doch am Herzen, die kaum bekannten Werke dieses letzten tschechischen Romantikers in die deutschen Konzertsäle zu bringen. Wie schnell zu bemerken ist, unterstützen ihn die Berliner Philharmoniker mit Feuereifer und  sichtlichem Interesse.

Wieder ist c-Moll die Tonart, gewinnt jedoch dank des Orchester-Volleinsatzes eine ganz andere Durchschlagkraft. Hier wird die Trauer zum Hauptthema. Es geht sogar um zwei Todesfälle, die den Komponisten tief getroffen haben: das Ableben seines geliebten Lehrers Antonín Dvořák und den plötzlichen Tod von Suks junger geliebter Frau Otylka, Dvořáks Tochter. „Asrael“, nach der nahöstlichen Mythologie der Todesengel, hat beide kurz nacheinander von der Erde hinweg genommen.  

Suks Symphonie gliedert sich dementsprechend in zwei Teile. Der erste drückt den Kummer über den Tod von Antonín Dvořák in drei voluminös instrumentierten Sätzen aus. Fast wirkt es, als wolle der hochbegabte Josef Suk alles herzeigen, was er bei ihm gelernt hatte. Schmerz, Aufruhr, Trauer, Seufzer und Schrilles wie Schreie werden hörbar. Gelegentlich setzt sich auch ein mutvolles Anstemmen gegen den Tod und die Trauer durch.

In weit tiefere Schichten reicht der 2. Teil hinab, der von Suks gestorbener Frau handelt. Wie sehr dieses Schicksal Suk getroffen hat, wie intensiv er den Verlust beklagt, lässt sich ebenso heraushören wie die fast fröhlichen Weisen, die vermutlich an unbeschwerte Liebesjahre erinnern.

Es folgen Dissonanzen, vertrackte Rhythmen und auch mal ein wildes Durcheinander, die Suks Hilflosigkeit bei diesem Doppelunglück charakterisieren. Melodien, an denen sich die Ohren festhalten können, bleiben jedoch weitestgehend aus.

Zuletzt, nach einem herben Trauermarsch, obsiegt eine feierliche, beinahe schwelgerische Klangpracht, gefolgt von einem leisen sanften Schluss, bei dem sich Suk von c-Moll zum C-Dur durchgerungen hat. Die schönen Jahre sollen wohl fortan das Gedenken an seine jung verstorbene Frau prägen.

Anschließend gibt es auch für dieses fremdartige Werk großen Jubel für Kirill Petrenko und die spürbar innerlich beteiligten Instrumentalisten/innen, die all’ die vielen Facetten aufgezeigt haben. Großer Einsatz, ein ebenso großer Applaus. Es bedarf aber eines Spitzenorchesters, damit sich Suks spätromantisches Riesenwerk in Deutschland neben Gustav Mahler, der hörbar Pate gestanden hat, einen Platz sichern kann. Eine Besonderheit zu Beginn des neuen Jahres und Jahrzehnts war dieses Konzert auf alle Fälle.   

Ursula Wiegand

 

 

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