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BERLIN/ Philharmonie/ Kammermusiksaal: WEINBERG, BRAHMS Klavierquintette, 24.5. – JERUSALEM QUARTETT, SIR ANDRÁS SCHIFF

25.05.2017 | Konzert/Liederabende

BERLIN / Philharmonie Kammermusiksaal: WEINBERG, BRAHMS Klavierquintette, 24.5. 2017 – JERUSALEM QUARTETT, SIR ANDRÁS SCHIFF

Berlin ist im Ausnahmezustand, Barack Obama besucht den Evangelischen Kirchentag, Helikopter kreisen über der Stadt, die Mitte samt Philharmonie ist großräumig für den Verkehr gesperrt. Und doch ist an diesem Mittwochabend der Kammermusiksaal beinahe voll. Die Musikfreunde finden immer einen Weg, ein hinreißendes Programm und ebensolche Interpreten schon gar nicht wegen äußerer Widrigkeiten zu verpassen. Und es war – mit Einschränkungen – wirklich ein ganz außergewöhnliches und lohnendes Musikerlebnis. Das begann schon beim Programm. Es koppelte den Quartettsatz in C-Moll, D 703 von Franz Schubert mit Mieczyslaw Weinbergs ausladendem fünfsätzigem Klavierquintett Op. 18 im ersten Teil, um dann nach der Pause das nicht minder seelenstärkende Klavierquintett in F-Moll, Op. 34 von Johannes Brahms, das erste seiner Art übrigens in der Musikgeschichte, voller musikantischer Emphase anzubieten.

Das Jerusalem Quartett, das vor kurzem sein 20-jähriges Jubiläum feierte, ist eine ganz besondere Kammermusikformation. Das zeigt sich exemplarisch schon bei Schuberts 10- minütigem Quartett-Fragment vom Dezember 1820. In einer Schaffenskrise des Wiener Romantikers entstanden, reißen die „Jerusalemer“ in dieser Musik voller Extreme den Hörer mit. Stürmisch fegen die Naturgewalten durch zerklüftete Seelenlandschaften, um sogleich wieder in leises zurückgenommenes Singen überzugehen. Die Klangschönheit und das somnambule Miteinander, mit denen das Jerusalem Quartett all die schwierigen Übergänge spielerisch meistert, das bewegliche Gleiten und Mäandern im Auf und Ab der Stimmungen und die feinabgestimmte Dynamik der vier Musiker (Alexander Pavlovsky, Sergei Bresler, Ori Kim und Kyril Zlotnikov), sind einzigartig. 

Diese subtil aufeinander abgestimmte Klangregie, der luxuriös dunkle Klang und die unglaubliche Ausdrucksdichte kommen gerade Weinbergs enigmatischem, 1944 vollendeten Klavierquintett entgegen. Wohl von Shostakovich inspiriert, ist dieses Stück mit seinen fünf Sätzen und zwei Scherzi ein Laboratorium der freien Behandlung der Streicher. Es bietet eine reiche Vielfalt an musikalischer Technik/Material, von Pizzicati, Anleihen aus schottischer Volksmusik, Reminiszenzen an Bartók, bsi hin zu verzerrten Grimassen im Walzer- und Tangotakt, berückenden Klaviersoli im Largo und einem Finale (Allegro agitato), das in motorisch hämmernden Rhythmen voraneilt bis es in einem leiseren spirituellen harmonischen Ausklang in F-Dur endet. Dieses Programm hat das Quartett mit Sir András Schiff in Köln, Wien, Neumarkt und Berlin vorgestellt. Was mich gewundert hat, ist, wie lange der berühmte Pianist gebraucht hat, um im musikalischen Duktus, dynamisch-rhythmisch und der Ausdruckskongruenz nicht neben seinen Partnern, sondern mit ihnen zu musizieren. Mit der Nase vollkommen in den Noten versteckt, fiel Schiff vor allem in den ersten beiden Sätzen weit von der Perfektion des Quartetts ab. Erst im Finale atmeten alle fünf „chorisch“ , was auch im energetischen Sog der Musik zu spüren war. Das Publikum hat es final gedankt und jubelte ungewöhnlich laut für einen soignierten kammermusikalischen Rahmen.

Nach der Pause erklang Brahms‘ berühmtes Klavierquintett in F-Moll, dessen Entstehung in genau dieser Besetzung (das Werk mutierte vorerst von einem Streichquintett zu einer reinen Sonate für zwei Klaviere) wohl dem Einfluss Clara Schumanns zu verdanken ist. Die Musiker feierten dieses Brahms gewidmete Neigen des Abends verträumt, wehmütig voller Düsternis aber auch dämonisch wild so richtig in der Mitte zwischen Schubert und Weinberg. Sir András Schiff war hier endlich auf der Höhe dessen, was von ihm erwartet werden durfte. Exemplarisch!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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