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BERLIN/ Philharmonie: HERBERT BLOMSTEDT MIT BARTOK UND BRAHMS

20.01.2017 | Konzert/Liederabende

Berliner/ Philharmonie: Herbert Blomstedt mit Bartók und Brahms, 19.01.2017

Herbert Blomstedt, Foto Peter Adamik
Herbert Blomstedt. Copyright: Peter Adamik

Dreimal „B“  – das wird an diesem Abend zum beglückenden Erlebnis. 90 Jahre wird Herbert Blomstedt im Juli, doch er ist fit im Kopf und auf den Füßen. Ohne Geländerhilfe steigt er die Stufen zum Podium hinauf und später wieder flott hinunter. Er dirigiert noch immer stehend und macht den Berliner Philharmonikern mit lockeren, verständlichen Gesten klar, was er musikalisch mit ihnen gemeinsam erreichen will.

Oder zusammen mit dem renommierten ungarischen Pianisten András Schiff, der das „Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3“ Sz 119 seines Landsmanns Béla Bartók spielt. Der verleiht Bartóks letztem Werk, komponiert im Todesjahr 1945, die besonderen Schwingungen, die der Sterbenskranke in die Partitur hineingeschrieben hat. Ein Rückblick auf sein Komponistenleben scheint dieses Klavierkonzert zu sein, dessen noch fehlende 17 Takte von seinem Schüler in Freund Tibor Serly nach Bartóks Notenkurzschrift ergänzt wurden.

Kein trauriges Werk ist es, sondern ein heiter-friedliches, beginnend mit einem oft scherzhaft wirkenden Allegretto, das Schiff schelmisch in die Tasten tupft, um sich nach einem langen Triller gegen das (verkleinerte) Orchester kraftvoll durchzusetzen. Bartók zitiert ohne Scheu seine Vorgänger, insbesondere den von ihm geschätzten Brahms. In den beiden ersten Sätzen dieses Konzerts ist noch nichts dissonant, da klingt vielmehr seine Sehnsucht nach der Natur durch, die er – seit 1940 als Emigrant in New York lebend– im dortigen Asphalt-Dschungel schmerzlich vermisste.

Schon scheinen die Vögel im Wald den Frühling herbeizuzwitschern, ist nicht bereits der Kuckuck zu hören? Romantisches Waldesweben, das sich im wunderschönen Adagio religioso weiter steigert. Noch mehr Vogelstimmen, und Wagners Waldvöglein (im „Siegfried“) ist auch nicht fern. Dann wieder scheint ein Bächlein zu murmeln.

Bartók hat offenkundig den Pianisten beauftragt, die Richtung vorzugeben. Mehrmals beginnt Schiff lächelnd mit einem Solo, dem sich mal die Streicher, mal die Holzbläser – mit Albrecht Mayer mit der Oboe – hinzugesellen. Erst der 3. Satz lässt den späteren, agressiveren Bartók erkennen, den Vertreter der Moderne. Dennoch kommt vieles mit folkloristischem Einschlag daher. Bekanntlich hatte Bartók intensiv die Volkslieder seiner Heimat gesammelt.

Nun scheint es zu donnern, und der Flügel grummelt in der Tiefe. Jetzt haben vor allem Schlagwerk und Blech was zu sagen. – Anhaltender Beifall, von András Schiff mit einem zarten Stück aus seinem Kinderzyklus Mikrokosmos belohnt.

Nach der Pause die „Symphonie Nr. 1 c-Moll“ op. 68 von Johannes Brahms, die Blomstedt auswendig dirigierend nach den anfänglichen Paukenschlägen durch den Saal fluten lässt. Er hat den totalen Überblick, gibt jeder Instrumentengruppe den perfekten Einsatz. Vermutlich könnte er dieses Werk im Schlaf dirigieren, doch er ist hellwach, wie auch seine Körpersprache verrät.

Fern aller Süßlichkeit lässt er die Musik erblühen, schlägt große Bögen, bleibt aber trotz des Schwelgens immer exakt und musiziert gegen Ende auch zackig auftrumpfend. Ein konservativer Verwirklicher des Komponisten, nicht von sich selbst.

Dass Brahms an dieser Symphonie, eingeschüchtert durch die Werke Beethovens, 14 Jahre lang getüftelt hat, ehe sie 1876 uraufgeführt wurde, würden unvorbereitete Hörer kaum glauben. Denn ein Meisterwerk ist diese Nr. 1 geworden und wirkt unter Blomstedts Händen wie aus einem Guss. Schließlich schwebt die so wunderbare, choralartige Melodie wieder und wieder durch den Saal, verführt zum superleisen Mitsingen. Nur der energisch vorangetriebene, kompakt komponierte Schluss ist recht lärmgesättigt. Doch er mündet in verdienten Jubel und „standing ovations“.  

Ursula Wiegand

Weitere Termine am 20. und 21. Januar

 

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