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BERLIN/ Philharmonie/ Foyer: BERLINER PHILHARMONIKER – Live Stream am 1. Mai

01.05.2021 | Konzert/Liederabende

Europakonzert der Berliner Philharmoniker in der ARD am 1. Mai 2021 im Foyer der Philharmonie/BERLIN

Europakonzert der Berliner Philharmoniker am 1. Mai – Live-Stream via ARD

Rasante Achterbahnfahrt im Rennwagen

 Ganz ungewöhnlich war diesmal das Europakonzert der Berliner Philharmoniker, denn die Musiker spielten im Foyer der Berliner Philharmonie. Gleich zu Beginn wurde das Konzert unter der einfühlsamen Leitung von Kirill Petrenko mit Boris Blachers „Fanfare zur Eröffnung der Philharmonie“ glanzvoll eröffnet. Sicheres Formgefühl und rhythmische Subtilität triumphierten in einem weiträumigen Ambiente. Von Charles Ives erklang dann „The Unanswered Question“. Unregelmäßige Rhythmik, Polytonalität und die Nähe zur Vierteltonmusik zeigten vielfältige Wirkungen, da Kirill Petrenko hier als Dirigent besonders auf die Akustik achtete. Mehrere musikalische Schichten türmten sich in imponierender Weise übereinander, weil sich die Klangflächen gleichsam in die Höhe des philharmonischen Baus schraubten. Die simultane Dreischichtigkeit gewann so eine bestechende Intensität. Sechsmal intonierte die Solo-Trompete die „fragende“ Zweitaktphrase, der Entgegnungen in dissonantem Satz folgten. Nähe und Distanz konnte man bei diesem Konzert dann in wunderbarer Weise bei Wolfgang Amadeus Mozarts Notturno für vier Orchester mit Echo-Effekten KV 286 erleben, wo sich die Echo-Effekte in kontrapunktisch ausgesprochen reizvoller Weise gegenseitig ergänzten. Da standen manchmal ebenfalls  unbeantwortete Fragen im Raum, deren klangliche Effekte sich in zauberhafter Weise verdichteten. Interessant war die Begegnung mit Kristof Pendereckis „Emanationen“ für zwei Streichorchester, wo neben eklektizistischen Akzenten ein sinnfälliger Rhythmus und gebrochene melodische Strukturen regelrecht heranwuchsen. Pizzicato-, Glissando- und Tremolo-Effekte waren hier kennzeichnend für diese hochkonzentrierte Spielweise, die gelegentlich auch an eine „Traube aus Tönen“ im Cluster-Stil denken ließ. Chromatische und diatonische Zwischentöne ließen grüßen. Eine Raummusik der ganz besonderen Art. Mit ausgefeilter Dynamik musizierten die Berliner Philharmoniker unter der sensiblen Leitung von Kirill Petrenko auch Peter Tschaikowskys selten zu hörende Orchestersuite Nr. 3 in G-Dur op. 55. Stilisierte Tänze blitzten dabei reizvoll zwischen rhapsodischen Sinfoniesätzen auf. Die gewaltigen orchestralen Steigerungen kostete Petrenko mit den Berliner Philharmonikern in rauschhafter Weise aus. Und die kunstvollen thematischen Verarbeitungen blieben so stets nachvollziehbar. Zum Abschluss gab es noch einen besonderen musikalischen Leckerbissen – nämlich „Short Ride in a Fast Machine“ für Orchester von John Adams. Er war 2016/2017 „Composer in Residence“ bei den Berliner Philharmonikern. Dabei schildert der Komponist eine überaus rasante Fahrt im Rennwagen eines Freundes. Es war frappierend, mit welch unglaublicher Kraft hier die Rhythmen explodierten und sich gegenseitig antrieben. Der energische Schwung steigerte sich bei jeder Kurve – und die Staccato-Attacken waren sich gegenseitig dicht auf den Fersen. Der verzweifelte Schrei nach der Bremse verhallte ungehört. 

Alexander Walther

 

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