Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BERLIN/ Philharmonie: FESTLICHER JAHRESAUFTAKT MIT DEM RIAS KAMMERCHOR BERLIN

02.01.2022 | Konzert/Liederabende

Berlin/ Philharmonie: Festlicher Jahresauftakt mit dem RIAS KAMMERCHOR BERLIN, 01. Jan. 2022

neujahrskonzert 2022, foto rias kammerchor berlin, b
Foto: RIAS Kammerchor Berlin

 Neujahr ohne Georg Friedrich Händel – das geht für Barockmusik-Fans gar nicht und ist auch für den RIAS Kammerchor Chor Berlin eine Selbstverständlichkeit. Doch was ist heutzutage selbstverständlich?

Eigentlich war Händels Oratorium „Judas Maccabaeus“ geplant, doch Solist/innen aus dem Vereinigten Königreich konnten nicht kommen. Seit dem 20.12.2021 gilt Großbritannien wegen der rasant steigenden Omikron-Infektionen als Virusvariantengebiet und unterliegt strengen Einreisebeschränkungen.  

Doch Chefdirigent Justin Doyle hat blitzschnell reagiert und zusammen mit der renommierten Akademie für Alte Musik Berlin eine  überzeugende Lösung gefunden. Daher ist nicht nur Händel zu hören, sondern auch Überraschendes aus Italien, das schon im 17. Jahrhundert mit Neapel, Venedig und Rom eine Bastion der Barockmusik war.

Die dort ausgebildeten Musiker verdingten sich bald im nördlichen Europa u.a. als Kapellmeister. Andererseits zog es Begabte aus dem Norden nach Italien. Flexibel zu sein, war schon immer vonnöten und oft von Erfolgen gekrönt.

Das gilt auch für den RIAS Kammerchor, der zur Weltspitze gehört. Wegen des Lockdowns musste das vorherige Neujahrskonzert ausfallen. Ein geschwindes Umdisponieren ist so gesehen fast eine leichte Übung. Die bestens trainierten Stimmen der Damen und Herren strahlen trotz aller Neuheiten durch die gut gefüllte Philharmonie. Zudem verleihen die Sängerinnen in ihren schimmernden dunkelroten Abendkleidern diesem Neujahrskonzert auch optisch einen sehr willkommenen Glanz.  

„Wir sind sehr froh, dass wir trotz der schwierigen Umstände zusammen mit Ihnen Neujahr feiern dürfen und unsere Händel-Tradition zum Jahresbeginn fortsetzen können. Mit dem Magnificat von Durante und Händels kurzen Meisterwerken erwartet Sie ein festlicher Start ins Jahr 2022,“ hatte vorab Justin Doyle geäußert und löst nun dieses Versprechen zusammen mit allen Mitwirkenden hundertprozentig ein.

Auch die Solisten/innen gefallen, so Johanna Winkel mit fülligen Sopran, Sophie Harmsen mit einem warmen Mezzo, Patrick Grahl mit zupackendem Tenor und Andreas Wolf mit profundem Bass. Doch generell betrachtet haben  sie weit weniger zu tun als die mit Verve und Wohlklang aufspielenden Instrumentalisten/innen und der großartige Chor, in dem die Sopranistinnen besonders brillierten.

Die geschwinde Umstellung des Programms beschert dem Publikum bisher  weithin Unbekanntes, das durchaus überzeugt. So ein Magnificat von Francesco Durante (1684–1755). Recht flott hat der seinen insgesamt oft vertonten Lobgesang Mariens (auf Deutsch: „ Meine Seele preist den Herrn“) begonnen. Eine einfache junge Frau hat die Gnade Gottes erfahren und darf sich nun zu Recht wichtiger als die weltlichen Herrscher fühlen, ein Triumph, der von Chor glaubwürdig unterstützt wird.   

Wer sich jedoch hinter Henrico Albicastro (1660–1730) verbirgt, haben die Forscher noch nicht herausgefunden. Vielleicht war er ein Schweizer, ein Wiener oder ein deutscher Komponist namens Weißenburg, der seinen Namen in bella Italia entsprechend italinisiert hatte, wird im Programmheft überlegt. Sein „Concerto grosso G-moll“, Op.7, Nr. 5 ist jedenfalls gut gelungen, wird vom 1. Geiger der Akademie für Alte Musik dirigiert und vom Orchester intensiv dargeboten. 

Auch Georg Friedrich Händel (1685–1759) gehörte als junger Mann zu den Italien-Pilgern, um sein Musikschaffen zu vervollkommnen. Vier  Jahre lang war er in den dortigen Barockhochburgen unterwegs.

Mit zwei relativ kurzen Chorwerken Nisi Dominus, HWV 238 und Dixit Dominus HWV 232, die beide wahrscheinlich in Rom entstanden und dort am 16. Juli 1707 in einer Kirche uraufgeführt wurden, fand er sogar dort große Anerkennung. Vor der Pause ist Nisi Dominus zu hören, das einige kurze Arien bietet und mit einem überzeugenden Doppelchor endet, der mit deutlichem Applaus bedacht wird.

Händels nach der Pause gespieltes  „Concerto grosso F-Dur“. Op. 3, Nr. 4, HWV 315, ist vielleicht auch noch italienisch inspiriert, ist aber in London komponiert worden und spricht das Publikum sofort an.

Händel war damals schon sehr populär, und so hatte ein pfiffiger Londoner Verleger 1734 eine Sammlung von 6 Concerti herausgegeben, aber ohne Absprache mit Händel! Der legte heftigen Einspruch ein, und so musste der Verleger in einer Neuauflage einiges korrigieren, ist im Programmheft zu lesen. 

Außerdem sei dieses Concerto Grosso ein „Flickenteppich“, dessen Sätze Händel später in anderen Kompositionen weiter verwendet habe, fügt der Verfasser Bernhard Schrammek hinzu. Na und?  Das war damals eine durchaus übliche Methode, die auch Johann Sebastian Bach genutzt hat, sei zugefügt.

Dieser „Flickenteppich“ erweist sich jedoch als ein prachtvolles und ausgesprochen rhythmisches Concerto grosso, das von Justin Doyle temperamentvoll dirigiert und von Orchester mit spürbaren Engagement gespielt wird. Erst Prunk, dann Piani und schließlich tänzerische Weisen sind zu vernehmen. Der „Flickenteppich“ zeigt jedenfalls Händels Webkunst und wird vom Publikum stark applaudiert.

Das Beste zuletzt zu servieren, ist eine bekannte Regel, und der folgt mit dem schon erwähnten „Dixit Dominus“ auch dieses Neujahrskonzert. Dieses Stück des damals 22jährigen Händel ist bereits ein Meisterwerk, vor allem, wenn es wie hier in der Philharmonie mit solch einem Können und solcher Begeisterung dargeboten wird.

In „Dixit Dominus“ dominiert der Chor das Geschehen, und tut es, im Verein mit den ebenfalls auftrumpfenden Instrumentalisten/innen, mit erneuter Brillanz. Nur relativ selten können die Solistinnen und Solisten am Geschehen teilhaben, das gegen Ende in eine Fuge mündet. Ein ganzes Stück als Klanggemälde, oft temporeich und mit einem „Gloria Patri et Filio…“ als grandiosem Schluss.

Das ist der Höhepunkt, und das haben alle begriffen. Der ganze Saal jubelt und die jungen Barockfans kreischen vor Begeisterung. Als Zugabe gibt es noch eine Version von „Es ist ein Ros’ entsprungen“. Hoffen wir, dass wir alle der Pandemie alsbald entspringen.   

Ursula Wiegand

 

 

Diese Seite drucken