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BERLIN/ Philharmonie: EIN DEUTSCHES REQUIEM von Johannes Brahms

04.11.2019 | Konzert/Liederabende


Vladimir Jurowski dirigiert. Foto: Kai Bienert

Berlin/ Philharmonie: Brahms’ Requiem mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, geleitet von Vladimir Jurowski. Viel Trost für die Trauernden. 03.11.2019

Der Novemberbeginn steht im Zeichen des Totengedenkens und der Trauer. Schon das trübe,  kühle Wetter und die zunehmende Dunkelheit stimmen viele Menschen melancholisch oder gar depressiv. Dennoch ist der Tod in Ländern mit langer Lebenserwartung zum Tabuthema geworden.

So gesehen muss es eigentlich erstaunen, dass aam Nachmittag des 3. November die Berliner Philharmonie ausverkauft ist. Oder auch nicht verwundern. Denn „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms steht als Hauptwerk auf dem Programm, und der Dirigent heißt Vladimir Jurowski.

Das ist ein doppeltes Plus, wurde doch dieses deutsche Requiem, das der erst 32 Jahre alte Brahms komponierte, eines seiner Meisterwerke. Wenn es von Vladimir Jurowski und „seinem“ Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB) dargeboten wird, sind die Erwartungen hoch. Seit 2017/2018 ist der weltweit Geschätzte Chefdirigent und Künstlerischer Leiter dieses großartigen Klangkörpers.

Schnell haben die Musikfans in Berlin und ihre Gäste gemerkt, was Jurowski kann. Stets entsteht der sicherlich zutreffende Eindruck, dass er jedes Werk, das er dirigiert, zuvor genau studiert und sich zueigen gemacht hat. Auch dieses andersartige Requiem, das sich zwar intensiv auf die Bibel stützt, sich aber von der Fassung der Katholischen Kirche deutlich unterscheidet.  

Daher steht bei Brahms kein „dies irae, dies illa“, das den Überlebenden zusätzliche Schrecken einjagen und auch zur Buße anhaltend soll, im Vordergrund. Der „bibelfeste Ketzer“, so wurde er kritisiert, verließ sich lieber auf die Propheten, die Evangelisten und die übrigen Apostel.

Statt weiteren Horrors hat Brahms in den sieben Szenen dieses Requiems viel Trost für die Trauernden parat. „Selig sind, die da Leid tragen“, denn sie sollen getröstet werden“, singt sogleich der Chor, hier der für Besonderes bekannte Cantus Domus, einstudiert von Ralf Sochaczewsky und verstärkt durch den Chor des jungen Ensembles Berlin, trainiert von Vinzenz Weissenburger.

Gemeinsam mit Jurowski legen die Sängerinnen und Sänger mit diesen volkstümlich einfachen, zu Herzen gehenden Melodien ein weiches Pflaster auf die Wunden der ohnehin Leidenden, kombiniert mit der Verheißung: „Die mit Tränen sähen, werden mit Freuden ernten“ aus dem Psalm 126,5-6.

Genau diesen Psalm hatte schon Heinrich Schütz in seiner Motette für fünfstimmigen Chor vertont und auch das später zu hörende „Wie lieblich sind deine Wohnungen“, Psalm 84 für achtstimmigen Chor und Basso continuo. Brahms hat Schütz sehr geschätzt, und so bilden aus gutem Grund diese zwei Motetten des Altmeisters den Auftakt des Konzerts und leiten direkt über zu Brahms’ Requiem. 

Jurowski dirigiert alles mit rhythmischen Körperbewegungen und lockeren, aber genauen Gesten. Selbst beim hämmernden „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras…“, das rein gar nichts beschönigt, insistiert er ohne Übertreibungen. Der Chor, das Blech mit der großen Tuba und die Streicher aller Tonlagen schildern eindringlich, wie hilflos die Menschen dem unausweichlichen Tod gegenüberstehen.

An- und abschwellend wird das musiziert, nicht jedes Mal gleich aufrüttelnd und schrecklich. Bald wird erneut Zuversicht verbreitet und die Auferstehung in Aussicht gestellt. Auch der Jüngste Tag ist bei Brahms keine harte Abrechnung, wie es zahllose Gemälde drastisch zeigen.   

Vielmehr stellt Brahms, den Propheten Jesaja 32:10 zitierend, den Gestorbenen „ewige Freude“ in Aussicht. „Schmerz und Seufzen wird weg müssen“. Ähnlich wie Martin Luther, der nach frühen Ängsten vor dem Tod und dem Jüngsten Gericht schließlich auf einen gnädigen Gott vertraute, hatte wohl auch Brahms Gottes Gnade im Sinn und mied die  kirchlichen Institutionen.  

Dass der Tod dennoch das Ziel des Lebens sei, macht Matthias Goerne mit seinem ausdruckstarken Bariton klar. Notenfrei bittet er um Gottes Hilfe, um dieses akzeptieren zu können. Diese Tatsache, so singt er, würden andere durch sinnlose Emsigkeit von sich schieben und somit neuen Göttern dienen.

Der Chor antwortet auf diese durchaus vorhandenen Ängste mit dem schon erwähnten „Wie lieblich sind Deine Wohnungen“. Brahms bezog sich an dieser Stelle nicht nur auf Heinrich Schütz. Eine veritable Fuge nach Bachs Vorbild hat er den Sängerinnen und Sängern ebenfalls in die Kehlen komponiert.

Eine weitere Fuge folgt nach dem schön von Maria Bengtsson gesungenen Sopran-Solo „Ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wieder sehen“, und dem zweiten Bariton-Solo mit der herben Feststellung „Wir haben hie keine bleibende Statt“.  Mit Posaunenschall, wie von Brahms vorgeschrieben, wird rhythmisch betont die Auferstehung der Toten geschildert.

Brahms hat gerade dieses voller Power zu Papier gebracht, jetzt sind alle in der Philharmonie gefordert. Triumphartig ertönt das Fazit: „Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle, wo ist Dein Sieg?“ Den anschließenden Gotteslob hat Brahms erneut in eine Fuge gekleidet. In dieser 6. Szene kulminiert alles, was Brahms ausdrücken will. Genau so wird es dirigiert und musiziert.

Doch nur durch die Gnade Gottes kommen die nun als selig Gepriesenen aber auch bei Brahms nicht ins liebliche Jenseits. Sie sollen ausruhen von ihrer Arbeit, „denn ihre Werke folgen ihnen nach“ (Offenbarung Johannes 14:13b). Auf diese Anmerkung könnte sich u.a. der Schweizer Reformator Zwingli bezogen haben, der bekanntlich die Ansicht vertrat, dass nicht nur die die Gnade Gottes für die Auferstehung genüge. Nötig seien auch die guten Werke, die ein Mensch im Leben vollbracht hätte.  

Jedenfalls haben Vladimir Jurowski und alle Mitwirkenden an diesem beeindruckenden Nachmittag mit sogar außerordentlich guten musikalischen Werken überzeugt. Nach ergriffener Pause liefert das Publikum seine guten Werke: mit anhaltendem Jubel feiert es diese exemplarische Gesamtleistung.   

Ursula Wiegand

 

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