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BERLIN/ Philharmonie: BENEFIZKONZERT MIT ANNA NETREBKO

 

Berlin/ Philharmonie: Benefizkonzert mit Anna Netrebko, 31.08.2014

Anna Netrebko und Daniel Barenboim beim Benefizkonzert, Foto Thomas Bartilla
Daniel Barenboim bedankt sich bei Anna Netrebko, Foto: Thomas Bartilla .

Alle wollen Anna erleben und haben die Philharmonie zu dieser  Benefizveranstaltung zugunsten der Staatsoper-Sanierung – trotz entsprechender Preise – gestürmt. Anna Netrebko, gerade zur „Sängerin“ des Jahres“ gekürt und zuvor von der Süddeutschen Zeitung nach der Trovatore-Vorstellung in Salzburg mit dem Kompliment „besser als die Callas“ bedacht, wagt sich hier erstmalig in eine für sie ganz neue Welt, an „Vier letzte Lieder“ von Richard Strauss.

Der Kontrast könnte größer kaum sein. Eine schöne Frau in der Blüte ihrer Jahre, im schulterfreien Glitzergewand, leiht ihre fabelhafte Stimme den Werken eines über 80Jährigen, altersweise Gewordenen, der eine Rolle rückwärts in die Romantik gemacht hat.

Dem Thema „Frühling“ entlockt sie ein Girren und Aufstrahlen, malt die Herbstfarben des „September“, die noch die Sommerglut beschwören, plastisch aus. „Beim Schlafengehen“ und „Im Abendrot“ kommt die gutturale Tiefe ihres wunderbar wendigen Soprans – von feinsten Pianissimi begleitet  – zu angenehmer Wirkung.

Viel von den Texten ist zwar nicht zu verstehen, aber das ist heutzutage meistens der Fall. Doch mit Mimik und sparsamen Gesten unterstreicht Anna diese Verse. Dass sie sich, die temperamentvolle Sänger-Darstellerin, hier zurücknimmt, ist dennoch unüberhörbar.

Die gewisse Abgeklärtheit, die langjährige Lieder-Interpreten besitzen, ist (noch) nicht ihr Ding. Auch ist sie für soviel Todesahnung glücklicherweise viel zu jung und gesund. Sie, die auf der Opernbühne so herrlich leiden und sterben kann, lässt hier ihre kraftvolle Stimme nur gelegentlich aufleuchten. Sie singt diese „Vier letzten Lieder“ auf ihre Weise, in warmen, aber nie auftrumpfenden Tönen. Und das ist gut so.

Dirigent Daniel Barenboim behütet sie derweil hochkonzentriert und mit väterlicher Sorgfalt, bettet seinen Stargast gemeinsam mit der weich zeichnenden Staatskapelle Berlin auf ein Daunenbett. Noch mehr umschmeichelt sie das großartige Solo des 1. Konzertmeisters  Wolfram Brandl. Der wird zuletzt fast genau so gefeiert wie Anna. Mit Bravos bedankt sich das Publikum.

 Beim Kontrastwerk, der 6-teiligen Tondichtung „Ein Heldenleben“ op. 40 des frechen 34-jährigen Strauss, sind dann Barenboim und die Staatskapelle erwartungsgemäß wie ausgewechselt. Nun wallen die Klangwogen durch die Philharmonie. Strauss feiert sich, auch wenn er das später verbal abgeschwächt hat, selbst als den Helden. Die Wahl der Tonart Es-Dur, die von  Beethovens „Eroica“, spricht allein schon Bände.

Seine Gegner, denen er zu avantgardistisch war, verspottet der bereits gut beschäftigte Kapellmeister in g-Moll. Ansonsten keckern  die Bläser wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen, schwirren die Streicher wie ein Kritiker-Stimmengewirr. Strauss karikiert mit Schnarren und schrägen Tönen das Palaver der anderen. Nie lässt er sie und auch seine Zuhörer in Ruhe. Kaum hat er alle mit Kantilenen umschmeichelt, reißt er sie mit Dissonanzen und Trommelgewirbel aus allen Träumen. Und dass er im letzten Teil, den Friedenswerken des Helden, aus seinen eigenen Tondichtungen zitiert, zeugt von Hochmut. Den konnte er sich seinerzeit allerdings schon leisten.

Ein Höhepunkt besonderer Art ist wiederum das Violinsolo von Wolfram Brandl, der nun des Helden kapriziöse Gefährtin charakterisiert. Ein Paganini der feinfühligen Art ist hier am Werke und begeistert mit einer kristallklaren, eher leisen Darbietung. Totale Stille im Saal, niemand wagt zu husten.

Beim heftigen Schlussapplaus muss Barenboim den Bescheidenen mehrmals zur Verbeugung vom Stuhl hochziehen. Dass gerade ihm, Brandl, die meisten der lang anhaltenden  Ovationen gelten, scheint ihn fast zu genieren. Lächelnd pflückt Barenboim zweimal eine Rose aus den Sträußen, die man ihm an diesem glanzvollen Abend überreicht, eine rote und eine gelbe und drückt sie Brandl in die Hand.    

Ursula Wiegand

 

 

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