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BERLIN: Opernreise mit UN BALLO IN MASCHERA, TURANDOT und LA BOHÈME

27.02.2012 | KRITIKEN, Oper

BERLIN – auch eine Opernreise wert

 Eine Woche in Berlin, die kollegialen Treffen und fachlichen Kontakten über wissenschaftliche Themen galt, nützte der Rezensent auch zu ausgiebigen Opernbesuchen. Immerhin kennt er die drei Häuser seit drei Jahrzehnten, war bei einem Sabbatical 1997/98 abendlicher Stammgast in der Komischen Oper und durfte zuletzt im November 2009 am Tag vor der Premiere der „Fledermaus“ in der Staatsoper den Einführungsvortrag halten.

 Von insgesamt fünf Vorstellungen zwischen 21. und 26. Februar möchte ich wenigstens drei kurz besprechen:

Deutsche Oper: „UN BALLO IN MASCHERA“ – 24.2.

 Die Produktion von Altmeister GÖTZ FRIEDRICH habe ich zuletzt auf Dienstkarte von Julia Varady im Dezember 1996 gehört – und sie hat nichts von ihrer Dringlichkeit und szenischen Schlagkraft verloren. Sein Bild von Gustaf als verspieltem, zugleich zerrissenem Menschen mit homoerotischen Neigungen zum Leibpagen Oscar überzeugt ebenso wie der seelische Balanceakt zwischen Liebe zu Amelia und Freundschaft zu ihrem Gatten René. Das Bühnenbild von Gottfried Pilz besitzt gleichsam Physiognomie, ist in den ersten Szenen zeichenhaft, im Schlussakt von makabrer Schönheit. Die ‚Maskerade’ beherrscht als Leitthema und Beziehungsschiene zwischen den Personen die Dramaturgie.

 Beglückt darüber, dass ich eines meiner Lieblingswerke wieder erleben durfte, genoss ich den Abend in vollen Zügen. Selten habe ich ein so homogenes Ensemble in den fünf Hauptrollen erlebt. TATJANA SERJAN nimmt durch aparte Erscheinung, dunkle Stimmfarbe und strahlende, auch im Piano sichere Höhe für sich ein. DALIBOR JENIS, den ich noch als jungen Grafen Almaviva am Salzburger Landestheater erlebt habe (Jänner 1996), ist nunmehr zum Verdibariton von hohen Graden gereift: ausgeglichenes Register, so klangvolle wie markante Tongebung, überzeugende Darstellung. HEIDI STOBER erfüllt die Koloraturen des Oscar mit musikalischem Gehalt und Ausdruckskraft. EWA WOLAK als Ulrika gemahnt mit ihrem Orgelklang in der Tiefe an große Vorbilder und ist auch darstellerisch das beherrschende Zentrum ihrer großen Szene. An KAMEN CHANEV, dem halben Einspringer der Aufführungsserie, ließen sich allenfalls die mangelnde Tiefe und gelegentliche rhythmische Unsicherheit kritisieren. Das Konzept der Inszenierung hat er sich aber voll angeeignet und der Glanz seiner Spitzentöne (etwa im finalen C des Liebesduetts) sucht seinesgleichen. JACQES LACOMBE als musikalischer Leiter blieb den Schönheiten und dem Schwung der Musik nichts schuldig, baute die großen Ensembles souverän auf, konnte indes in den Wechselgesängen der Solisten gelegentliche Wackelkontakte nicht verhindern.

 Das Publikum wusste das Ereignis eines großen Opernabends zu schätzen, bei dem Stimmfetischisten ebenso auf ihre Rechnung kamen wie Anhänger einer stimmigen Deutung des Geschehens.

 Deutsche Oper: „TURANDOT“ – 26.2.

 Die Produktion aus dem Puccini-Jahr 2008 entließ mich zunächst weitgehend unbefriedigt und ratlos. Das im Programmheft abgedruckte Interview mit dem Regisseur LORENZO FIORONI gab erst nachträglich etwas Aufschluss über die Intention dieser Inszenierung – ein in der Periode des Regietheaters durchaus üblicher, aber eben problematischer Sachverhalt. Was ich als nicht gänzlich naiver Zuschauer (ich hatte vor gut fünf Jahren den Leitessay zur „Insekten-Turandot“ der Wiener Volksoper geschrieben!) erlebte, war ein Mix aus Kulturrevolution, Spaßgesellschaft, Gewaltorgien und hilflosen Kollektiven, gewürzt mit den typischen Leitfossilien heutiger Regie wie Photoreportern, drängelnden Adabeis und herumlungernden Typen: nur Koffer und Klaviere fehlten diesmal im Angebot. Dabei war die Personenregie etwa der drei Minister wohlüberlegt und die Lösung der Rätselszene, in der sich Turandot und Calaf „auf Augenhöhe“ gegenübersitzen, eindrucksvoll. Auch die Darstellung des Kaisers und der Weisen als Vertreter einer Gerontokratie konnte überzeugen. Seltsam der Schluss: Dass Altoum nach Übergabe der Throninsignien stirbt, mag ja noch angehen. Aber die Darstellung von Timur als Sandler am ‚Tropf’ der Schnapsflasche, der von seinem Sohn ‚abgemurkst’ wird, war für mich degoutant und abseits jeglicher Plausibilität.

 Erfreulicher die gesanglichen Darbietungen: ERIKA SUNNEGARDH, die erfolglose Wiener Lady Macbeth, in Stimme und Erscheinung schlanker als andere Vertreterinnen der Titelrolle, bot eine mehr als ordentliche Leistung. Außerordentlich gefiel mir (und dem Berliner Publikum) freilich MANUELA UHL als Liù durch innige Gestaltung der Partie, persönliches Timbre und tadellose Stimmtechnik. Etwas enttäuscht hat mich dagegen ROY CORNELIUS SMITH: der Calaf der erwähnten Wiener Volksopernproduktion vom Herbst 2006 klingt nun rauer, derber und hat hörbare Schwierigkeiten mit der Höhenlage, dazu einen Hang zum Distonieren. STEPHEN BRONK als Timur ist kein Basso cantante, passt aber zu dem ihm zugemuteten Rollenprofil. Sehr ansprechend in Spiel und Gesang die drei Masken ALEXEY BOGDANCHIKOV, JÖRG SCHÖRNER und YOSEP KANG. JESUS LOPEZ COBOS am Pult hatte bereits die Inszenierung von Götz Friedrich im Jahre 1986 geleitet. Er kennt die Partitur und sein Orchester, konnte dennoch kleine Schwächen im Kontakt mit der Bühne nicht vermeiden.

 Das Publikum reagierte mit wohldosiertem Beifall auf eine ‚durchwachsene’ Vorstellung.

 Komische Oper: „LA BOHÈME“ – 25.2.

 Dass der Hausherr ANDREAS HOMOKI einmal verlauten ließ, man werde Regisseur, um die „Bohème“ zu inszenieren, war dieser seiner Bühnenarbeit aus 2008 allenthalben anzumerken. Das Einheitsbild (HARTMUT MEYER), in dem Ingredienzien wie ein riesiger Christbaum, eine Festtafel oder ein Einkaufswagen das jeweilige Milieu bezeichneten,  mochte manche wohlvertraute pittoreske Erfahrung vermissen lassen (2. Akt!), ermöglichte aber einen stimmigen pausenlosen Ablauf des Stückes und damit ein dichtes Erleben der Stationen des Sujets und der Schicksale seiner Protagonisten. Dass die Bohemiens im vierten Akt arrivierte Künstler geworden sind, die bei einer Vernissage Autogramme geben, aber gleichzeitig ihre unbeschwerte Laune verloren haben, kann sich immerhin auf die Romanvorlage Henry Murgers berufen.

 Die deutsche Textfassung von Bettina Bartz und Werner Hintze, speziell für diese Produktion angefertigt, hat den Wortlaut modernisiert, ohne die Sprache zu vergewaltigen. Wer behauptet, in der Komischen Oper werde schlechter als anderswo gesungen, dem ist der Besuch dieser Inszenierung dringend zu empfehlen. Die Künstlerfreunde (TIMOTHY RICHARDS, GÜNTER PAPENDELL, IPČA RAMANOVIĆ, MARKOSPEHAR) füllen stimmlich ihre Rollen so ansprechend und typengerecht aus wie ihre Partnerinnen, wobei BRIGITTE GELLER trotz angesagter Indisposition eine exzellente Mimi darbot und MAUREEN McKAY in ihrem Walzer mit tadellosen Koloraturen aufwartete. Köstlich der alte Haudegen HANS-MARTIN NAU als übertölpelter Benoît, der gleichsam das Urgestein  dieses Hauses verkörperte.

 Besonders berührt hat mich der Schluss des Werkes: Während die Männer nach Mimis Tod verlegen und hilflos die Flucht ergreifen, hält Musette der Freundin gleichsam die Totenwache; die herabgeglittene Tischdecke verwandelt sich dabei zum Leichentuch. Nach einer von Walter Felsenstein begründeten, über Joachim Herz und Harry Kupfer bis in die Gegenwart reichenden Tradition ist die Gestaltung der Chorszenen auch diesmal so beispielhaft wie beispiellos.

 Das treue Stammpublikum der Komischen Oper ist sich bewusst, was es an dieser Bühne hat, auch an ihrem tüchtigen Orchester unter der inspirierenden Leitung des jungen Dirigenten LUKASZ BOROWICZ.

 

    Oswald Panagl

 

 

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