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BERLIN/ Musikfest: ERÖFFNUNGSKONZERT DER STAATSKAPELLE unter Barenboim (Schönberg)

Berlin/ Musikfest Berlin, Eröffnungskonzert mit Arnold Schönberg, 03.09.2015

Das 11. Musikfest Berlin vom 02. – 20. September 2015 präsentiert in der Philharmonie und im Kammermusiksaal mehr als 70 Werke von 25 Komponisten. Im Mittelpunkt stehen Arnold Schönberg, Gustav Mahler und Carl Nielsen, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird.

Daniel Barenboim und Staatskapelle Berlin, Foto Holger Kettner
Daniel Barenboim und Staatskapelle Berlin, Foto Holger Kettner

Daniel Barenboim bringt zur offiziellen Eröffnung am 3. September mit seiner hellwachen Staatskapelle Berlin sogar ein reines Schönberg-Programm und erntet dafür begeisterten Applaus. Er hat seinen Schönberg im Kopf und dirigiert alle drei Werke auswendig. Dezidiert ruft er stets einzelne oder ganze Instrumentalgruppen zur Hervorhebung ihres Parts auf.

Das Anfangsstück „Verklärte Nacht op. 4“ zeigt Schönberg noch als Spätromantiker und wurde sein größter Erfolg. Die erste Fassung für Streichersextett entstand 1899, die opulente Orchesterversion, die Barenboim gewählt hat, erst 1917. Wie Richard Strauss in seinen Tondichtungen orientierte sich der junge Schönberg an einem Thema und hüllte ein im Programmheft abgedrucktes Gedicht von Richard Dehmel in ein fein gewebtes musikalisches Gewand.

Der Inhalt: Ein Paar geht durch die Nacht, die Frau ist schwanger und fürchtet sich vor der Reaktion des Mannes, denn das Kind ist von seinem Vorgänger. Er aber reagiert warmherzig freut sich auf das Kind und umarmt die Partnerin.

Eine Geschichte, fast zu schön, um wahr zu sein. Musikalisch beginnt sie sehr verhalten, ganz zart starten die Streicher. Barenboim lässt sie spielen, hört eher zu. Erst nach einigen Minuten gestaltet er deutlich die Dialoge der beiden Menschen, die Verzweiflung der Frau, die unbedingt ein Kind haben wollte und nun fürchtet, den neuen Partner zu verlieren.

Ruhiger die Stimme des Mannes, doch das positive Ende braucht seine Zeit. Es schimmert zwar mal in Dur auf, macht dann aber wieder Angstgefühlen Platz. Sehr schön gegen Ende das Pizzicato der Kontrabässe, das sich mit hellem Geigenklang vereint. Aus der im Gedicht geschilderten klaren kalten Nacht ist tatsächlich eine von der Liebe verklärte geworden.

Danach ist Schluss mit aller Romantik. Schönbergs „Fünf Orchesterstücke op. 16“ von 1909 zeigen ihn auf dem Weg zur Zwölftonmusik. Die Überschriften hat er erst auf Wunsch des Verlegers nachträglich hinzugefügt. Als die dem Herrn nicht mehr gefielen, hat er sie jedoch beibehalten.

Die „Vorgefühle“, so die Bezeichnung des 1. Teils, müssen recht verquer gewesen sein. Dissonanzen, Rhythmuswechsel, Gestampfe und Geschnarre sind zu hören, während sich „Vergangenes“ sanfter und abgeklärter mit einem Uhrwerk im Hintergrund zu Worte meldet. Die darauf folgenden „Farben“ wirken pastellig und leicht verschwommen. Schrill dann „Peripetie“, tatsächlich ein dramatischer Wendepunkt. Die letzte Bezeichnung „Das obligate Rezitativ“ war wohl ironisch gemeint, denn von einem solchen ist nichts zu hören.

Zuletzt Schönbergs „Variationen für Orchester op. 31“ (1926-1928). Hier überträgt er seine zunächst bei Klavierstücken ausgetüftelte Zwölftontechnik erstmals auf ein ganzes Orchester. 9 winzige Variationen sind entstanden, nur 30 Sekunden bis 3 Minuten lang, gefolgt von einem Finale.

Schönberg hat sich dabei den Beistand eines ganz Großen geholt, spielt doch am Schluss der Introduktion die Posaune leise B-A-C-H. An Bach wollte er auf seine Weise anschließen und über ihn den endgültigen Aufbruch in die Moderne schaffen.

Pausenlos gehen nun die in überwiegend ruhigem Tempo gehaltenen Variatiönchen ineinander über, wirken eher wie eine Versuchsreihe. Walzertakt und eine rasche rhythmische Version fehlen auch nicht. Dann wieder B-A-C-H und zuletzt ein Krachbumm, gefolgt von heftigem Applaus.

„Es gelang ihm, all das, was vor ihm geschrieben wurde, zusammenzufassen – und doch zeigt er uns im gleichen Moment den Weg in die Zukunft,“ hat Barenboim vorab formuliert und dafür nun zusammen mit der Staatkapelle Berlin den Beweis erbracht. Beim Musikfest Berlin mit seinem besonderen Publikum findet dreimal Schönberg Interesse und große Zustimmung. An „normalen“ Konzertabenden würde wohl bei „Schönberg only“ nach wie vor manch ein Sitz leer bleiben.

Ursula Wiegand

 

 

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