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BERLIN/ Musikfest 2021: Orchestre des Champs-Élysées, Collegium Vocale Gent, Leitung Philippe Herreweghe

07.09.2021 | Konzert/Liederabende

Philharmonie, Musikfest Berlin 2021: Orchestre des Champs-Élysées, Collegium Vocale Gent, Leitung Philippe Herreweghe, 06.09. 2021

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Orchestre des Champs Elysees Collegium Vocale Gent mit Philippe Herreweghe. Copyright: Astrid Ackermann

Dieser 6. September ist eine Besonderheit beim Musikfest Berlin 2021, das vom 28.08. bis 20. 09. begangen wird. Überraschenderweise dirigiert der weltbekannte Bach-Experte Philippe Herreweghe diesmal keine Barockmusik.

Stattdessen bringt er geistliche Musik von drei anderen Komponisten, darunter ein langes und ein ganz kurzes Requiem zum 50. Todestag von Igor Strawinsky (1882 – 1971). Das Gedenken an ihn prägt dieses ganze Musikfest, nur John Eliot Gardiner machte mit Bach und Händel eine Ausnahme.

Die von Herreweghe gewählte Kombination ist ungewöhnlich, öffnet aber den Geist und die Ohren. Wer hat schon mal das „Requiem op. 48 (Originalfassung von 1893) für Sopran, Bariton, Chor und Orchester“ von Gabriel Fauré (1845 – 1924) gehört? Es wird eine Entdeckung.

„Es ist freundlich wie ich selbst“, hat Fauré – ein Ex-Kirchenmusiker – gesagt und hinzugefügt, er habe es „zu seinem eigenen Vergnügen“ geschrieben. Diese Worte bewahrheiten sich sofort, denn Fauré zeigt hörbar Mitleid mit den Gestorbenen und vermutlich auch mit den Angehörigen.

Seine Version beginnt, wie üblich, mit „Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis“, also der Bitte an Gott, dem Toten die ewige Ruhe zu geben. Das ewige Licht solle ihm leuchten.

Doch auf das „Dies irae“, das andere Komponisten wie Mozart und Verdi mit brutaler Kraft zum Schreckensgebilde formten, hat der Franzose verzichtet.  Stattdessen durchzieht dieses „Domine, dona eis reqiem“, sein ganzes Werk, das hier vom Orchestre des Champs-Élysées (in relativ kleiner Besetzung) und dem Collegium Vocale Gent einfühlsam und in überragender Qualität dargeboten wird.

Fauré muss wohl gewusst haben, dass nach einem vermutlich schwierigen Leben die ewige Ruhe das Wichtigste für den Verstorbenen ist. Mit „Pie Jesu“, eingeschoben zwischen Sanctus und Agnus Dei, appelliert er ausdrücklich und nochmals an die Güte Jesu.  

Diese Verse werden von der Sopranistin Dorothee Mields, unterstützt vom Bariton Krešimir Stražanac, mit Engelsstimme gesungen, wofür sie beim ohnehin kräftigen Schlussapplaus noch besonderen Beifall erhält.

Danach folgt eine lange Umbaupause, und das Gewusel auf der Bühne amüsiert das Publikum so sehr, dass die dort Arbeitenden mehrmals, teils mit Gelächter, beklatscht werden. Zuletzt werden noch zwei große Flügel hochgefahren. Ein Schauspiel zwischendurch, da das Konzert ansonsten pausenlos verläuft.

Danach befindet sich ein großes Orchester auf der Bühne. Mehr Sängerinnen und Sänger scheinen es auch zu sein. Aber all` dieser Aufwand für Johannes Brahms (1833 – 1897) und seinen „Begräbnisgesang op. 13“ (von 1858)
für gemischten Chor und Blasinstrumente –
das wäre für dieses Versuchsstück des 25Jährigen wirklich zuviel des Guten.

Dass Brahms – nach seinem 1. Klavierkonzert – durchaus Ideen hatte und schon recht fit für größere Werke war, wird aber sogar bei diesem Mini-Requiem deutlich. Gelegentlich scheint auch schon sein großartiges „Deutsches Requiem“ aufzuleuchten. Dennoch diente diese Komposition wohl nur als Füllsel.

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Orchestre des Champs Elysees Collegium Vocale Gent mit Philippe Herreweghe. Copyright: Astrid Ackermann

Denn anschließend ist Igor Strawinsky (1882 – 1971) mit seinerPsalmensinfonie“ (1930, rev. 1948) für Chor und Orchester an der Reihe, die er dem Boston Symphony Orchestra gewidmet hatte.

Jetzt wird sozusagen der Hammer ausgepackt. Ein „Donnerschlag“ auf den beiden Flügeln eröffnet die erste Psalm-Zeile: „Höre mein Gebet,  Herr.“ Diese  wie ein schriller Schrei geäußerte Bitte, nein Forderung, kann Gott garantiert nicht überhören oder auf Dauer negieren.

Strawinsky, wieder zum orthodoxen Glauben zurückgekehrt, scheint in innerer Not gewesen zu sein und hat wohl ein Selbstporträt komponiert. Das Publikum in Boston soll bei der Uraufführung 1930 irritiert gewesen sein, steht im Programmheft.

Strawinsky hat für die beiden ersten Teile zwei ganz frühe, wenig bekannte Psalmen ausgewählt, die jedoch seine Not, Verzweiflung und Hoffnung recht genau schildern. Außerdem sitzen die Instrumentalisten/innen anders als allgemein üblich. Links vom Dirigenten (vom Publikum her gesehen) haben die Kontrabässe Platz genommen, rechts die Celli. Der dunkle Klang strömt also direkt und fast Furcht erregend in den Saal.

Mittendrin dann eine Fuge, die Strawinsky ohnehin als vollkommenste Musikform bezeichnet hatte. Zuletzt dann der große Jubel mit Psalm 150 beim „Halleluja! Lobet den Herrn“, und das will gar kein Ende nehmen. Chor und Orchester laufen zur Höchstform auf. Das Blech trumpft auf, und die Sängerinnen und Sänger geben wirklich ihr Bestes. Nach Klagen, Bitten und Gotteslob folgt die Errettung. Und dieser folgt nun in der Philharmonie der verdiente Jubel.  Ursula Wiegand

Aufzeichnung des Konzerts auf Musikfest Berlin on Demand,
verfügbar 7. und am 8. September 2021 jeweils um 16:00  Uhr.

Fotos: Orchestre des Champs-Elysées, Collegium Vocale Gent mit Philippe Herreweghe, Copyright Astrid Ackermann

 

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